Die Saison des Kilchberg-Siegers
Samuel Giger schreibt mit seinem zweiten Kilchberg-Triumph Geschichte, denn das hat vor ihm erst Karl Meli (1938–2012) geschafft. Seine Saison verläuft aber anders als geplant. Giger gewann zwar das Zürcher Kantonale, daneben bestritt er mit dem Luzerner und dem Thurgauer nur noch zwei weitere Kranzfeste. Der Grund: eine Schulterverletzung bremst ihn aus. Pause statt Brünig, Berner Kantonales im Wankdorf und Schwägalp – bis zuletzt ist unklar, ob er rechtzeitig für den Kilchberger fit wird. Doch dann bestätigt Giger seine Teilnahme. Was dann folgt, ist ein beeindruckender Auftritt. Mit fünf Siegen und einer Niederlage verteidigt er erfolgreich seinen Titel. Und lässt die Emotionen wie sonst selten raus.
Der grösste Aufreger
Werner Schlegel war ausser sich. Im vierten Gang auf dem Brünig unterlag der Toggenburger überraschend Jonas Amrhyn. «Ich habe ihre Entscheidung nicht verstanden. Zuerst glaubte ich, dass der Kampf weitergeht», erklärte er später gegenüber Blick. Seinen Frust zeigte er unmittelbar nach dem Gang. Schlegel stapfte wutentbrannt zum Kampfrichtertisch und verweigerte Amrhyn zunächst den Handschlag. Das Publikum reagierte mit Pfiffen und Buhrufen.
Erst als der Innerschweizer Schlegel am Unterarm packte, reichten sich die beiden doch noch die Hand. Die Szene sorgte für grosse Diskussionen. Schlegel fing sich danach wieder, gewann seine letzten beiden Gänge und durfte sich am Abend gemeinsam mit Armon Orlik, Fabian Staudenmann und Matthieu Burger als Brünig-Sieger feiern lassen.
Die schönste Familiengeschichte
Ernst Schläfli gewann den Schwarzsee-Schwinget sechsmal. Jahrzehnte später sorgte sein Enkel Hugo am gleichen Ort für einen besonderen Familienmoment. Vor dem entscheidenden Gang telefonierten die beiden miteinander. «Hugo sagte zu mir: ‹Grossvater, den gewinne ich.›», erzählte der 80-Jährige später. Sein Enkel hielt Wort. Mit dem Sieg gegen Eidgenosse Adrian Klossner sicherte er sich seinen ersten Bergkranz. «Ich bin unglaublich stolz auf ihn», sagte Schläfli mit brüchiger Stimme.
Der Aufsteiger der Saison
Die Qualitäten von Lars Zaugg sind längst bekannt. Dass der Emmentaler in dieser Saison aber gleich bei zwei Bergfesten im Schlussgang stehen würde, damit hat kaum jemand gerechnet. Zumal der Metzger den Saisonstart wegen einer Verletzung verpasste. Danach explodierte Zaugg förmlich und wurde vor dem Kilchberger sogar als Geheimfavorit auf den Sieg gehandelt.
Wie viel Kraft in ihm steckt, beweist eine aussergewöhnliche Übung im Schwinger-WK in Magglingen. Dabei muss eine 25-Kilo-Gewichtsscheibe mit einer Hand einmal komplett gedreht und wieder gefangen werden. Zaugg hält den Rekord. Spätestens seit dieser Saison gehört er zu den stärksten Nicht-Eidgenossen.
Das umstrittenste Resultat
Marc Lustenberger ballt die Faust. Er hat am Nordwestschweizer Teilverbandsfest soeben Topfavorit Nick Alpiger bezwungen. Zumindest glaubt er das. «Ich habe während des Gangs wahrgenommen, dass ich über den Kopf weggekommen bin», sagt Lustenberger später. Die Kampfrichter beurteilen die Szene anders. Sie entscheiden, dass Alpiger seinen Gegner zuvor bereits auf den Rücken gelegt hat. Statt eines Sieges muss Lustenberger den Platz mit einer Niederlage verlassen. SRF-Experte Christian Schuler äussert Zweifel am Entscheid. Am Abend gewinnt Alpiger das Fest – Lustenberger dagegen verpasst den Kranz.
Der Schönschwinger
Marcel Bieri verliert zwar den Kilchberg-Schlussgang, darf sich aber trotzdem über einen Sieg freuen. Traditionell gibts beim prestigeträchtigen Fest einen Schönschwinger-Preis. Und der geht an Bieri – das entscheidet ein Wahlgremium bestehend aus eidgenössischen Ehrenmitgliedern und Schwingerkönigen. 73 Stimmen gehen ein, verteilen sich auf zwölf Namen.
Nach der Auszählung ist klar, Bieri und Michael Moser bekommen je 22 Stimmen. Das hat es noch nie gegeben. Mit dem OK-Präsidenten muss ein Stichentscheid gefällt werden. Dieser fällt zugunsten Bieris aus, der eine Uhr im Wert von 6000 Franken bekommt. «Meine Frau hat mir geschrieben, dass ich gewonnen habe», verrät Bieri gegenüber SRF. Er habe vom Preis gewusst, aber nicht damit geliebäugelt. Aber: «Das ist eine ziemliche Ehre für mich.» Ausgezeichnet wird er damit unter anderem für den Schlungg, mit dem er König Armon Orlik auf den Rücken gelegt hat.
Die hitzigsten Diskussionen
Samuel Gigers Entscheid, künftig als Vollprofi auf die Karte Schwingen zu setzen, gab in dieser Saison viel zu reden. Nicht alle im traditionsbewussten Schwingsport hatten Freude daran, dass der Thurgauer keinem klassischen Beruf mehr nachgeht.
Nach seiner Schulterverletzung zeigte sich allerdings ein grosser Vorteil seines neuen Lebens. Giger konnte seinen Alltag vollständig auf die Reha und sein Comeback ausrichten. Drei Monate lang arbeitete er an seiner Rückkehr und triumphierte auf Anhieb am Kilchberger.
Der schlimmste Unfall
Auf dem Stoos erlebte Sven Schurtenberger die schwierigsten Minuten seiner Karriere. Im Duell mit Kilian Kolb stürzte der Luzerner unglücklich und blieb im Sägemehl liegen. Die Rega flog ihn ins Spital. Die Diagnose: ein Bandscheibenvorfall zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel.
Der Unfall hinterliess nicht nur körperlich Spuren. Schurtenberger sprach später offen darüber, wie sehr ihn der Sturz auch mental beschäftigte. Sechs Wochen danach konnte er immerhin wieder erste leichte Übungen absolvieren. Ob er überhaupt wieder ins Sägemehl zurückkehren wird, ist nach wie vor offen.
Die Premierensieger
Ende April wurde die Schwing-Saison mit dem Ob- und Nidwaldner Kantonalen lanciert. Das Fest endete mit einer Premiere: Michael Gwerder feierte seinen ersten Kranzfestsieg. Daneben hats an drei weiteren Festen Schwinger gegeben, die erstmals bei einem Kranzfest gejubelt haben. Das Trio Roman Wandeler, Benno Heinzer und Jonas Amrhyn sorgt beim Luzerner Kantonalen für einen dreifachen Premierensieg. Der zweifache Eidgenosse Martin Roth und Silvio Oettli dürfen sich nach dem Appenzeller Kantonalen Kranzfestsieger nennen. Und Samuel Schwyzer lässt sich beim Innerschweizer Schwing- und Älplerfest erstmals als Sieger schultern.
Die verrückteste Versteigerung
Acht Freunde ersteigerten den prächtigen Schwingerbrunnen am Berner Kantonalen für 26'000 Franken. Das Problem: Sie haben gar kein Interesse daran. Die Gruppe wollte lediglich den Preis in die Höhe treiben und bleibt am Ende selbst auf dem Höchstgebot sitzen. Bezahlt wird trotzdem. Nach mehreren Wochen findet das 8,5 Meter lange Schmuckstück schliesslich doch noch ein Zuhause.
Der Schwerstarbeiter
Nick Alpiger steigt so oft wettkampfmässig ins Sägemehl wie kein anderer. 22 Schwingfeste hat der Nordwestschweizer in dieser Saison bestritten. Seine beeindruckende Bilanz: 103 Siege, 23 Gestellte und nur sechs Niederlagen. Zum Vergleich: Saisondominator Fabian Staudenmann hat 14 Feste bestritten (67 Siege/16 Gestellte/1 Niederlage). Alpiger hat fünf Kranzfeste gewonnen, darunter den Weissenstein-Schwinget und das Nordwestschweizer. Insgesamt hat er achtmal Eichenlaub geholt – damit belegt er in der Jahreswertung Platz 2. Am meisten Kränze haben 2026 sechs Schwinger mit deren neun geholt: Romain Collaud, Marius Frank, Michael Moser. Damian Ott, Fabian Staudenmann und Lars Voggensperger.
Der Pechvogel
Curdin Orlik schwingt am Schwarzsee so stark wie noch nie in dieser Saison. Er bezwingt mit Sven Lang und Jonas Burch zwei Eidgenossen und stellt gegen den späteren Festsieger Adrian Walther. Doch im fünften Gang gegen Patrick Betschart nimmt sein toller Tag ein bitteres Ende. Orlik kugelt sich die linke Schulter aus – seine Saison ist damit vorzeitig vorbei.
Besonders schlimm ist die rund einstündige Fahrt vom Schwarzsee ins Spital. Die Schulter ist zu diesem Zeitpunkt noch immer ausgekugelt. «Jede noch so kleine Unebenheit habe ich gespürt. Es war brutal schmerzhaft», erzählt Orlik später. Erst im Spital wird die Schulter wieder eingerenkt. Ein MRI zeigt mehrere gerissene Sehnen und einen eingeklemmten Nerv. Zweieinhalb Wochen später wird Orlik operiert.
Der emotionalste Moment
Als der Schlussgang zwischen Fabian Staudenmann und Werner Schlegel gestellt endete, brachen im Wankdorf alle Dämme. 27'000 Zuschauer jubelten über den Heimsieg des Berners. Selbst Medienchef Reto Zbinden hatte Tränen in den Augen. «Ich habe Fabian noch selten so geladen und fokussiert erlebt. Er wollte diesen Sieg unbedingt. Deshalb gönne ich ihn ihm von ganzem Herzen.»
Für Staudenmann war der Triumph besonders speziell. Der bekennende YB-Fan verfolgte regelmässig die Heimspiele im Wankdorf und durfte nun selbst in seinem Lieblingsstadion einen grossen Sieg feiern. «Ich habe mir diesen Tag dick im Kalender angestrichen. Umso schöner ist es heute aufgegangen», sagte er danach.
Die grösste Überraschung
Was für ein Wochenende für Sandro Fitze. Der 16-jährige Appenzeller gewinnt am Samstag bei Temperaturen von fast 40 Grad seine Kategorie beim Nachwuchsschwingertag. Tags darauf tritt er bei den Aktiven an und holt als Nicht-Kranzer gleich den Teilverbandskranz. In den letzten beiden Gängen bezwang er zwei Kranzer. Seit diesem Wochenende stehen hinter seinem Namen zwei Sterne. Ein unerwarteter Aufsteig.
Das Rekordjahr
Der Saisondominator heisst Fabian Staudenmann. Die Jahreswertung schliesst er auf Rang 1 ab. Der Berner gewinnt sechs Feste, fünf davon in Serie. Mit seinen Erfolgen schreibt Staudenmann gleich dreifach Geschichte. Er triumphiert auf dem Brünig und hat nun als zweiter Schwinger nach Martin Grab jedes Bergfest mindestens einmal gewonnen.
Daneben jubelt er auf der Rigi und der Schwägalp, gewinnt damit alle Bergfeste, an denen er teilnimmt. Das ist vor ihm in diesem Jahrtausend nur drei anderen Schwingern gelungen: 2002 Martin Grab (Brünig, Rigi, Schwägalp), 2007 Jörg Abderhalden (Schwarzsee, Weissenstein, Schwägalp) und 2014 Kilian Wenger (Stoos, Weissenstein, Brünig). Zudem ist Staudenmann der erste Nicht-Nordostschweizer, der sich zweifacher Schwägalp-Sieger nennen darf.
Der kurioseste Wunsch
Sinisha Lüscher erlebt auf der Rigi eine Premiere. Er muss erstmals zur Dopingkontrolle. Das Talent aus der Nordwestschweiz nimmt es mit Humor und hat sofort eine Frage: «Gibt es danach eigentlich ein Badetuch als Geschenk?» Ein Freund habe nach einem Test eines erhalten. Die Kontrolle verläuft problemlos. Nur mit dem erhofften Präsent wird es nichts – das Badetuch hat es nicht auf die Rigi geschafft.
Die grösste Fehlinvestition
Die Organisatoren des Freiburger Kantonalen wollen nichts dem Zufall überlassen. Weil die Wetterprognosen Kälte und Regen ankündigen, lassen sie für rund 16'000 Franken eine Heizung im Festzelt installieren. Dann kommt alles anders. Am Festwochenende steigen die Temperaturen gegen 30 Grad. Die teure Wärmequelle wird nicht gebraucht. Trotzdem ist das OK nach dem Fest zufrieden. Direkt am Murtensee erlebten die Zuschauer einen wunderschönen Wettkampf.
Die tollste Geste
Michael Ledermann legte am Kilchberger im fünften Gang Nick Alpiger auf den Rücken. Doch statt seinen vermeintlichen Sieg zu feiern, ging der Berner zum Kampfrichtertisch und erklärte, dass ihm beim entscheidenden Angriff kurzzeitig der Griff gefehlt hatte. Das Duell wurde wieder aufgenommen und endete gestellt. Kampfrichter-Boss Peter Ackermann zeigte sich danach beeindruckt: «So etwas habe ich noch nie erlebt. Das war eine unglaublich tolle Aktion.»
Die Kranzzahlen
Die Berner haben bei den Bergkränzen obenaus geschwungen, 28 haben sie in ihren Verband geholt. Dahinter folgen die Innerschweizer (19), die Nordostschweizer (17), Nordwestschweizer (16) und Südwestschweizer (7). Anders siehts bei der Gesamtzahl Kränze aus, die in diesem Jahr gewonnen wurden. Denn dort liegen nicht die Berner an der Spitze, sondern die Innerschweizer. Mit 243-mal Eichenlaub waren sie das klar erfolgreichste Team und distanzieren die Berner mit 226 deutlich. Die Nordostschweizer folgen mit 203 Kränzen, in die Nordwestschweiz gingen 115 und in die Südwestschweiz 92.