Der Schlussgang
Samuel Giger reicht ein Gestellter, Marcel Bieri braucht den Sieg für einen Triumph – so die Ausgangslage vor dem Schlussgang. Der Zuger lanciert den ersten Angriff, kaum hat das Duell begonnen. Erwischen kann er Giger damit nicht. Kurz darauf ist die Sache entschieden. Giger lanciert einen explosiven Angriff und legt Bieri platt aufs Kreuz. Damit verteidigt er seinen Titel von 2021 erfolgreich. Auf der Tribüne jubelt seine Ehefrau Michelle mit – und vergiesst ein paar Freudentränchen.
Die Schlussrangliste
Das Traum-Comeback
Wie fit ist Samuel Giger? Anfang Juni hat sich der Titelverteidiger an der Schulter verletzt, lange war nicht klar, ob er bis zum Kilchberger fit wird. Die Erleichterung bei seinen Fans war gross, als er seine Teilnahme bestätigt hat. Von seiner Verletzung zeugt nur noch ein schwarzes Tape, das unter dem Hemdärmel hervorblitzt. Denn Giger startet stark ins Fest. Er bodigt am Morgen Matthias Aeschbacher und Sinisha Lüscher, hat vermeintlich auch gegen Michael Ledermann alles im Griff – bis er plötzlich doch auf dem Rücken landet. Davon lässt sich Giger aber nicht aus der Ruhe bringen – und zieht wie beim letzten Kilchberger in den Schlussgang ein. Dort lässt er nichts anbrennen, gewinnt und verteidigt seinen Titel. Es ist eine ähnliche Geschichte, wie sie einst Christian Stucki schrieb. 2019 reiste er nach einer langen Verletzungspause und mit zwei verkorksten Festen als Vorbereitung ans ESAF – zwei Tage später war er König.
Die Titelverteidiger
Vor fünf Jahren hat Samuel Giger im Schlussgang König Kilian Wenger gebodigt und sich den Festsieg mit Fabian Staudenmann und Damian Ott geteilt. Alle drei sind auch in diesem Jahr dabei. Am Ende jubelt erneut Giger – dieses Mal allein.
Der Überraschungsmann
Die Berner sind in dieser Saison stark aufgetreten. Sie haben zahlreiche Sieganwärter gestellt – allen voran Saisondominator Fabian Staudenmann. Im Schlussgang steht aber keiner von ihnen. Stattdessen duelliert sich Samuel Giger mit Überraschungsmann Marcel Bieri. Dieser bodigt im 5. Gang König Armon Orlik und zieht in den letzten Kampf des Tages ein. Davor hat er gegen Damian Ott zwar verloren, seine restlichen Gänge gegen Lario Kramer, David Scheuner und Josias Müller aber allesamt gewonnen. Im Schlussgang bleibt Bieri chancenlos.
Die Zweifach-Sieger
Karl Meli (1938–2012) ist bisher der einzige Schwinger gewesen, der den Kilchberger zweimal für sich entscheiden konnte. Er triumphierte 1967 und 1973. Da es letztes Mal drei Sieger gab, die allesamt wieder dabei sind, hat gleich ein Trio die Chance, mit Meli gleichzuziehen. Nur einer wahrt diese Chance bis zum Schluss: Samuel Giger. Er zieht in den Schlussgang ein und feiert den historischen Triumph.
Die Verwirrung
Vor dem Anschwingen hat es Tradition, dass alle Schwinger gemeinsam in die Arena marschieren. Dabei kommt es an diesem Morgen kurzzeitig zur Verwirrung. Die Delegationen und der Technische Leiter Fridolin Beglinger warten zwischen den falschen Tribünen. Der Fauxpas wird rechtzeitig erkannt, sodass der Einmarsch wie geplant stattfinden kann.
Die Halbzeit-Leader
Gleich vier Berner teilen sich nach dem Morgen die Führung: Matthieu Burger, Bernhard Kämpf, Michael Ledermann und Lars Zaugg kommen mit zwei Siegen und einem Gestellten auf 28,75 Punkte. Nur einen Viertel dahinter lauert ein Quintett, bestehend aus Nick Alpiger, Armon Orlik, Werner Schlegel, Samuel Giger und Fabian Staudenmann. Weil dahinter acht Schwinger mit einem weiteren Viertelpunkt Rückstand folgen, liegen nicht weniger als 17 Athleten innerhalb eines halben Punktes.
Die blutige Nase
Werner Schlegel erwischt beim Anschwingen gegen Michael Moser früh einen Schlag auf die Nase. Er bekommt Nasenbluten. Davon beirren lässt sich der ESAF-Schlussgänger nicht. Obwohl es ihm die Oberlippe runterläuft, schwingt er unbeirrt weiter. Am Ende gibts einen Gestellten.
Die Gangdauer
Meist beginnen die Schwingfeste mit Gängen, die sechs Minuten dauern. Erst für die abschliessenden zwei Duelle wird die Dauer um eine Minute erhöht. Nicht so in Kilchberg. Hier müssen die Schwinger von Anfang an für einen Gestellten sieben Minuten ran.
Die Zigarre
Nach dem ESAF letztes Jahr hat Pirmin Reichmuth seinen Rücktritt erklärt. Damals erklärte er, dass er sich darauf freut, die Schwingfeste nun von der anderen Seite ganz ohne Druck zu verfolgen. Dieses Vorhaben setzt er am Kilchberger in die Tat um. Am Morgen sitzt Reichmuth ganz entspannt auf der Tribüne – mit Zigarre im Mund. Dieses Bild fangen die SRF-Kameras ein.
Der rabenschwarze Morgen
Matthias Aeschbacher wurde dazu auserkoren, im 1. Gang mit Samuel Giger zusammenzugreifen. Eine Paarung, die im Vorfeld für Diskussionen gesorgt hat. Im Duell hat Aeschbacher keine Chance, landet nach knapp zwei Minuten platt auf dem Rücken. Es sollte nicht die einzige Niederlage bleiben. Denn Aeschbacher erlebt einen Morgen zum Vergessen. Er verliert danach auch noch gegen Jonas Amrhyn und Patrick Betschart platt. Immerhin ist der Berner mit seinen drei Niederlagen nicht allein. Auch die Nordostschweizer Janos Bachmann und Mario Bösch landen dreimal auf dem Rücken. Eine weitere Niederlage kommt bei Aeschbacher nicht hinzu, er muss das Fest am Mittag verletzungsbedingt abbrechen. Bereits auf dem Brünig hat er sich im Rippenbereich verletzt. «Die Verletzung behindert mich wieder. Ich habe es probiert, aber es ging nicht mehr», sagt er zu Blick. Und nimmt am Nachmittag die Rolle des Berner Edelfans ein.
Das Drama
Michael Ledermann gibt zu, dass er keinen Griff hatte, und akzeptiert im 5. Gang den Sieg gegen Nick Alpiger nicht – es ist die fairste Geste des Tages. Am Ende gibts zwischen den beiden einen Gestellten. Dann nimmt das Drama seinen Lauf. Im 6. Gang gegen Mario Schneider verdreht er sich das Knie. Der Berner bleibt minutenlang liegen, kann danach das Sägemehl nur gestützt verlassen. Was für ein bitteres Ende für Ledermann.
Der umstrittene Sieg
Im 4. Gang kommt Nick Alpiger innert kürzester Zeit zum Sieg gegen Bernhard Kämpf. Nur: Die Wiederholung zeigt, dass der Berner gar nicht weit genug unten war. Aus seiner Position hat der Platzkampfrichter das nicht gesehen, auch der Blickwinkel der beiden Kollegen am Tisch ist ungünstig, so stimmen sie ihm zu. Bitter für Kämpf, der so von Platz 1 zurückfällt. Aber im Schwingsport bleibt nichts anderes übrig, als das Resultat zu akzeptieren.
Das Wiedersehen
Für Fridolin Beglinger war klar, dass er im 1. Gang den besten Schwinger der Saison auf den König loslässt. Dafür hat der Technische Leiter nicht nur Verständnis bekommen. Vor allem, weil es dieses Duell in diesem Jahr schon dreimal (am Nordostschweizer und zweimal auf dem Brünig) gegeben hat. Das Resultat jedes Mal: ein Gestellter. Ändert sich das in Kilchberg? Nein. Staudenmann und Orlik gehen erneut über die volle Distanz.
Die Bedingungen
Der Himmel über Kilchberg ist bewölkt, als die Zuschauer in die Arena strömen. Noch während der 1. Gang läuft, kommen die Regenpelerinen zum Einsatz. Allzu lange werden sie nicht gebraucht, ehe es wieder aufhört. Danach hellt es, je länger das Fest dauert, desto mehr auf. Am Nachmittag scheint die Sonne, und es ist deutlich wärmer geworden.
So gehts weiter
Drei Wochen nach dem letzten Kranzfest hat die Schwingsaison mit dem Kilchberger ihren Schlusspunkt erreicht. In den nächsten Wochen stehen nur noch Nachwuchs- oder Regionalfeste auf dem Programm. Die nächste Kranzfestsaison beginnt am 2. Mai 2027 mit dem Thurgauer und dem Schwyzer Kantonalen.