Michael Ledermann (25) hat es wieder getan. Nach Samuel Giger legt der Berner auch Nick Alpiger auf den Rücken. Die Berner jubeln, Ledermann darf sogar vom Kilchberger-Schlussgang träumen. Doch statt sich feiern zu lassen, marschiert er zum Kampfrichtertisch und macht dort ein bemerkenswertes Geständnis.
Ledermann erklärt den Kampfrichtern, dass er während des entscheidenden Angriffs kurzzeitig keinen Griff an Alpigers Schwinghose hatte. Genau das hatte der Nordwestschweizer unmittelbar nach seiner vermeintlichen Niederlage moniert. Weil ein Sieg ohne Griff nicht zählt, wird der Kampf wieder aufgenommen.
Schmerzhaftes Ende eines starken Tages
Der Entscheid sorgt bei den Bernern zunächst für Verwirrung. Einige schütteln den Kopf und wissen nicht, warum der vermeintliche Sieg plötzlich wieder nichtig ist. Ledermann selbst bleibt gelassen.
Mit blutender Nase erklärt er Blick nach dem Kampf, weshalb es für ihn selbstverständlich war, die Kampfrichter auf die Situation aufmerksam zu machen. «Die Wahrheit zu sagen, ist immer das Beste.» Eine tolle Fairplay-Geste!
Zumal für Ledermann viel auf dem Spiel stand. Hätte der Berner den Sieg so stehen lassen, hätte er für einige Minuten vom Schlussgang träumen dürfen. Doch weil Marcel Bieri den Schwingerkönig Armon Orlik in sensationeller Manier bodigte, wäre selbst ein Sieg nicht gut genug für den Schlussgang gewesen.
Der Kampf gegen Alpiger endete schliesslich gestellt. Im letzten Gang avancierte Ledermann dann definitiv zum tragischen Helden. Er verletzte sich im Zweikampf gegen Mario Schneider. Er musste gestützt von Fabian Staudenmann und Adrian Walther den Sägemehlring verlassen.
Reihenweise Selektionen verpasst
Wenige Minuten später kann er nicht einmal mehr selbst gehen. Zwei Teamkollegen tragen ihn vom Festplatz. Ledermann hat sich wohl am Knie verletzt. Es ist ein brutales Ende, eines grossartigen Tages von Ledermann. Dass ausgerechnet er den Bösen das Fürchten lehrt, war lange Zeit undenkbar. Als Nachwuchsschwinger wurde der Berner wegen seines unkonventionellen Schwingstils immer wieder belächelt.
Noch heute machen sich einige über ihn lustig. Ledermann kam spät in die Pubertät, war lange viel zu leicht und wurde nie für einen Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag berücksichtigt. Auch die Selektion fürs Berner Novizen-Kader verpasst er.
Während Talente wie Staudenmann den Sprung schaffen, bleibt Ledermann draussen. «Viele sagten mir: Mit deinem Schwingstil wirst du vermutlich nicht viel erreichen. Das tat weh – aber es gab mir auch einen Kick.» Seither gibt er in jedem Training 110 Prozent. Sein Fleiss zahlte sich aus. Nun bleibt nur zu hoffen, dass er sich nicht schwer verletzt hat.