Die Innerschweizer müssen seit einiger Zeit arg untendurch. Dem grössten Teilverband fehlen nach den Rücktritten von Joel Wicki und Pirmin Reichmuth die ganz grossen Zugpferde.
In Kilchberg ZH springt einer in die Bresche, mit dem kaum einer gerechnet hat. Der Zuger Primarlehrer Marcel Bieri düpiert im fünften Gang König Armon Orlik und qualifiziert sich für den Schlussgang. «Armon Orlik war der Favorit. Ich wusste, ich kann nur mit einem Trickli gewinnen. So früh im Kampf erwartet keiner einen Schlungg», sagt Bieri zu seinem Husarenstück beim SRF.
Im Schlussgang trifft er auf Samuel Giger. Offenbar ist es ein Erfolgsrezept, wenn man ausgeruht zum Saisonhöhepunkt kommt. Giger war während Wochen angeschlagen und hat sich danach wohl mit einem konsequenten Aufbau auf den Saisonhöhepunkt vorbereitet.
Flitterwochen als Regenerationsprogramm
Ein Erfolgsrezept, das auch auf Marcel Bieri zutrifft. Bieri war im Vorfeld des Kilchberger drei Wochen mit seiner Frau Aline in den Flitterwochen in Kanada. «Die Flitterwochen sind für mich ein Kopflüften. In den letzten Jahren konnte ich wegen Verletzungen nie eine Saison komplett durchschwingen. Regenerieren passt deshalb perfekt in mein Programm», so Bieri im Vorfeld.
Im Schlussgang ist es dann vorbei mit den Trickli. Nach kurzer Kampfdauer muss er sich Giger nach einem fulminanten Kurz geschlagen geben. Der Traum platzt, der Stolz bleibt. «Ich habe gewusst, dass ich der Underdog bin, enttäuscht bin ich nicht. Ich kann mit diesem Resultat sehr gut leben», sagt er hinterher. Seine Genugtuung bezieht sich auf das überraschend starke Abschneiden des Innerschweizer Teams.
Aus dem Nichts kommt Bieris Erfolg allerdings nicht. Der Primarlehrer, der seit Jahren zu den reflektiertesten und sympathischsten Schwingern gehört, hat schon auf dem Brünig angedeutet, dass er mit der absoluten Spitze mithalten kann. Hinter den vier Festsiegern belegt er dort mit einem Viertelpunkt Rückstand den zweiten Platz. Es war Ausdruck für seine Konstanz in dieser Saison, in der er mit acht Kranzgewinnen seinen Rekord aus dem Jahr 2019 egalisiert hat.
2019 hat Bieri vor seiner Haustüre auch den Eidgenössischen Kranz gewonnen. Dort lag er nach dem ersten Tag ganz vorne mit dabei, bevor er auf dem Weg in den Schlussgang gestoppt wurde. Der Mann, der ihn bei seinem Heimfest in Zug ausgebremst hat? Samuel Giger.
Bieri als Farbtupfer am Zürichsee
Bieri war mit seiner dynamischen und angriffigen Schwingweise ein Farbtupfer am Ufer des Zürichsees. Und neben seinem zweiten Platz hat er zudem den Schönschwingerpreis gewonnen, der beim Kilchberger traditionell vergeben wird.
Nicht zuletzt dank seinem Trickli gegen Armon Orlik. Wer mit einem Schlungg zur Gangmitte den Schwingerkönig übertölpelt, der hat diesen Preis verdient.