Schurtenberger lässt nach Stoos-Drama tief blicken
«Psychisch hat der Stoos-Vorfall tiefe Spuren hinterlassen»

Nicht die verletzten Halswirbel schmerzen Sven Schurtenberger heute am meisten. Sechs Wochen nach seinem Unfall auf dem Stoss spricht der Schwinger über die Kommentare, die ihn noch immer verfolgen.
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Sven Schurtenberger (34) wirkt fast wieder wie der Alte. Er diskutiert leidenschaftlich über den WM-Final, regt sich über die Argentinier auf und bringt mit einem lockeren Spruch die Kellnerin zum Lachen. Sechs Wochen nach seinem schweren Unfall auf dem Stoos könnte man meinen, der Luzerner habe das Erlebte hinter sich gelassen.

Doch dieser Eindruck täuscht. Spricht man Schurtenberger auf den 14. Juni an, versteinert sich seine Miene. Das Lachen weicht einem nachdenklichen Blick. Die Erinnerungen an den Tag, an dem er sich nach einem folgenschweren Sturz einen Bandscheibenvorfall zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel zugezogen hat, sind noch immer präsent.

«Es wurden Grenzen überschritten»

Es sind längst nicht mehr die körperlichen Schmerzen, die ihn am meisten beschäftigen. Viel tiefer sitzen die Reaktionen danach. «Das macht mir brutal zu schaffen», gibt Schurtenberger offen zu.

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Sven Schurtenberger musste auf dem Stoos mit der Rega abtransportiert werden. Fälschlicherweise gingen viele von einem Schwächeanfall aus.
Foto: keystone-sda.ch

Über seine Familie bekam der vierfache Eidgenosse zahlreiche Kommentare mit, die nach dem Vorfall auf dem Stoos die Runde machten. Weil viele zunächst von einem Schwächeanfall ausgingen, bezeichneten ihn einige als «zu fett». Andere nannten ihn gar «peinlich für den Schwingsport».

Diese Aussagen trafen den Luzerner. «Da wurden Grenzen überschritten», sagt Schurtenberger. «Die körperlichen Schmerzen waren gross. Aber psychisch hat dieser Vorfall tiefe Spuren hinterlassen.»

Unfall nur einmal angesehen

Solche Kommentare begleiten ihn allerdings nicht erst seit dem Stoos-Schwinget. Immer wieder wird sein Gewicht zum Thema gemacht. «Ich werde ausgelacht, wenn ich den Schwingplatz betrete.»

Der vierfache Eidgenosse ringt nach Worten. «Ich weiss nicht, was ich falsch gemacht habe. Es tut brutal weh, was gewisse Leute über mich sagen.» Schurtenberger holt noch einmal kurz Luft und fügt an: «Ich vermisse die Wertschätzung. Schliesslich gebe ich diesem Sport sehr viel und versuche, die Innerschweiz bestmöglich zu vertreten.»

Wie sehr ihn die Kritik beschäftigt, zeigt sich auch, als er auf das Video seines Sturzes angesprochen wird. Die Aufnahmen hat sich Schurtenberger nur ein einziges Mal angesehen. «Danach nie mehr.» Warum? «Sobald ich das Video sehe, höre ich die negativen Kommentare wieder.»

Athletiktrainer spricht Klartext

Besonders verletzt ihn, dass die Häme bis heute nicht aufgehört hat. Noch immer kursieren in Whatsapp-Chats Bilder, die ihn am Rega-Helikopter hängend zeigen. Dazu werden spöttische Kommentare gemacht. Schurtenberger wirkt ratlos. «Wer macht so etwas?», fragt er leise. «Ich verstehe das nicht.»

Rückendeckung erhält Schurtenberger von seinem Athletiktrainer. Auch er kann die Kritik nicht nachvollziehen. «Sven trainiert hervorragend. Seine Resultate sprechen für sich. Die Behauptung, er sei nicht fit, stimmt einfach nicht.» Tatsächlich gehörte Schurtenberger vor seinem Sturz zu den stärksten Innerschweizer Schwingern.

An sämtlichen Kranzfesten gewann er die Auszeichnung und stand am Luzerner Kantonalen im Schlussgang. Beim ESAF in Mollis im letzten Jahr gehörte der Familienvater zu den positiven Überraschungen. Bereits nach sieben Gängen hatte er den Kranz auf sicher.

Das Positive nach der Verletzung

Langsam richtet sich der Blick wieder nach vorne. Die Operation verlief erfolgreich, gesundheitlich macht der Geissenliebhaber Fortschritte. Erste leichte Übungen im Fitnessstudio sind wieder möglich. Ganz beschwerdefrei ist er allerdings noch nicht. «Ich kann meinen Sohn nicht allzu lange auf den Armen halten», sagt Schurtenberger.

Trotz allem versucht er, sich auf das Positive zu konzentrieren. «Das Schöne ist, dass ich mehr Zeit für meine Familie habe. Ich kann mich auch um meine Tiere kümmern.» Wie es sportlich weitergeht, weiss er noch nicht.

Grosses Ziel steht auf der Kippe

Nach einer Verletzung dieser Schwere stellt sich unweigerlich die Frage nach der Zukunft. Verstärkt wird diese durch die vielen negativen Kommentare. «Natürlich überlege ich mir, wie es weitergeht. Der Rücktritt ist ein Thema.» Ob der 85-fache Kranzgewinner sein Ziel von 100 Auszeichnungen erreichen wird, ist fraglicher denn je.

Eine Entscheidung will der Luzerner aber nicht überstürzen. Im Moment zählt vor allem, vollständig gesund zu werden. Die körperlichen Wunden heilen langsam. Bei den seelischen wird es wohl noch etwas länger dauern.

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