«Ich war in einer Notsituation»
Ex-Nati-Coach Fischer blickt auf den Covid-Skandal zurück

Der Skandal um das gefälschte Covid-Zertifikat, die Entlassung vor der Heim-WM, eine missglückte Kommunikation – der Hockey-Schweiz wurde das Herz gebrochen. Mit etwas Abstand blickt Patrick Fischer in einem offenen Interview reflektiert und selbstkritisch zurück.
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Foto: Toto Marti
Covid-Skandal: Entlassener Nati-Trainer Fischer im Interview

Darum gehts

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Patrick Fischer (50) fährt an diesem Morgen vor seinem Zuhause vor, soeben hat er seine Tochter Oceania (6) zur Schule gebracht. Er wird freudig begrüsst von Familienhund Ilios, den die Fischers aus einem Tierheim in Griechenland in die Schweiz geholt haben. Ehefrau Mädy Fischer schaut dem Treiben mit einem Lächeln zu. Die Stimmung des Paares ist gelöst, man neckt sich, die Verbundenheit ist spürbar. Seine Frau sei sein Fels in der Brandung gewesen in den letzten herausfordernden Monaten, wird Fischer gleich erzählen. Während des offenen Gesprächs am Esstisch des gemütlich und kreativ eingerichteten Hauses ist sie es auch. 

Blick: Die neue Hockey-Saison naht. Spüren Sie ein bekanntes Kribbeln?
Patrick Fischer: Nein, seit 44 Jahren, seit ich als Sechsjähriger mit Hockey begonnen habe, war die Vorfreude auf den Saisonstart jedes Mal riesig. Als Spieler und auch immer als Trainer. Jetzt fehlt mir dieses Gefühl. Alles ist ruhig, aber das fühlt sich auch gut an.

Ex-Nati-Trainer Patrick Fischer hat vier Monate nach seiner Entlassung Frieden damit geschlossen.
Foto: TOTO MARTI

Wie präsent ist Hockey derzeit in Ihrem Leben?
Erst gestern sprach ich mit Jan (Cadieux, der Nati-Trainer, die Red.), er hatte einige Fragen. Viele meiner Freunde sind aus Hockey-Kreisen, mit ihnen ist es Thema. Habe ich jemanden von einem Klub am Draht, frage ich, wie es läuft. Das Hockey-Geschehen interessiert mich natürlich. Aber ich bin völlig losgelöst von allem. Meine Gedanken dazu sind viel ruhiger, ich muss mir keine Sorgen machen.

Vermissen Sie es nach so vielen Jahren, in der Garderobe zu sein?
Es ist vielleicht noch etwas früh, um das zu spüren. Als Spieler verbrachte ich so viel Zeit in der Garderobe, als Trainer danach nicht mehr, weil sie den Spielern gehört. Dort passieren die guten Momente. Nach meiner Spieler-Karriere habe ich es vermisst, ja. Jetzt vermisse ich eher die Menschen, mit denen ich so lange zusammengearbeitet habe. Vor zwei Wochen feierten wir hier bei mir zu Hause eine Abschiedsparty mit dem Nati-Staff. Aber diese Menschen bleiben ja in meinem Leben. Vielleicht wenn die WM naht, werde ich es vermissen. Und natürlich habe ich es im letzten Mai vermisst.

Grillieren im eigenen Garten gehört zu Patrick Fischers Lieblingsbeschäftigungen.
Foto: TOTO MARTI

Sie waren auf Wunsch der Spieler in Zürich live beim WM-Final Ihres Ex-Teams dabei.
Ich dachte zuerst, dass ich kein Spiel vor Ort schauen werde. Ich wollte niemanden ablenken, es war so laut um meine Person. Die Verbindung mit dem Coaching-Staff und den Spielern war jedoch da. Ich sagte mir dann, wenn sie den Final erreichen und ich ins Stadion komme, störe ich niemanden mehr. Ich habe mich gefreut, mitgefiebert, nach dem zweiten Drittel geärgert, dass sie die Handbremse nicht lösen konnten. Da habe ich mir sogar kurz überlegt, runter in die Garderobe zu gehen (lächelt). Ich war so extrem davon überzeugt, dass wir Gold gewinnen zu Hause. Nach dem Gegentor konnte ich es kaum fassen. Wirklich? Schon wieder? Da wusste ich genau, was die Spieler gerade durchmachen.

An der Heim-WM gab es von den Fans Dankesbekundungen. Patrick Fischer erzählt, dass er auf der Strasse angesprochen und umarmt wird.
Foto: keystone-sda.ch

Wie viel Patrick Fischer steckte noch im WM-Team? Hat Jan Cadieux bereits viel verändert?
Ich sagte Jan schon letzte Saison, er solle wie ein Headcoach denken, weil da ja schon klar war, dass er übernehmen wird. Alles war aufgegleist, das Spielsystem, der Staff blieb der gleiche, die Voraussetzungen waren optimal und es hätte mich überrascht, wenn wir nicht durchmarschiert wären. Wie viel von mir noch drin steckte? Ich weiss es nicht. Das Spielsystem war das gleiche. Aber natürlich musste Jan viele personelle Entscheide fällen bezüglich der WM. Es war nicht leicht für ihn. Aber Jan und sein gesamter Coaching-Staff haben hervorragende Arbeit geleistet.

Cadieux betonte während der WM, dass er mit Ihnen in Kontakt steht. Das bleibt auch so?
Absolut, das schätze ich auch sehr. Wir sprechen regelmässig, solange er profitieren kann. Er kann ja nichts dafür, was passiert ist. Nach dem Entscheid meiner Entlassung war mein Staff nicht glücklich. Es war ein Schock, als ich es mitteilen musste. Ich wollte nicht, dass sie deswegen davonlaufen …

Das macht der Ex-Nati-Coach jetzt
2:17
Patrick Fischer geht neue Wege:Das macht der Ex-Nati-Coach jetzt

Haben Sie sie davon abgehalten?
Es war am Anfang sehr schwierig für alle. Die meisten von ihnen habe ich empfohlen. Wir bauten etwas zusammen auf, wir alle freuten uns auf diesen letzten Tanz. Wir sind mehr als Trainer-Kollegen, wir sind Freunde. Das war die emotionalste Phase. Als das mit den Spielern hinzukam, die sich einsetzten. Medial ging es los, hinter den Kulissen gab es Diskussionen. Jene, die mich entlassen hatten, wollten das eigentlich gar nicht. Bis ich irgendwann gesagt habe, dass ich das verursacht habe, dass wir nun einen Abschluss finden und sie sich auf die WM fokussieren müssen. Erst dann wuchs die Akzeptanz für die Situation und es normalisierte sich.

Sie mussten das Amt einen Monat vor der Heim-WM abgeben. Wie haben Sie den Moment erlebt, in dem klar wurde: Das wars?
Ich war mit dem Team schon in der Slowakei, als ich erfuhr, dass ein Meeting anberaumt worden ist. Da war es mir schon klar: Das wars. Dass das rückblickend nicht der schlimmste Moment meines Lebens gewesen ist, ich es mit einer gewissen Fassung tragen und verarbeiten konnte, dabei haben mir zwei, drei Dinge geholfen. Ich wusste, dass ich als Nati-Trainer sowieso aufgehört hätte. Ja, ich freute mich auf den letzten Tanz vor unseren Fans, aber gleichzeitig freute ich mich auch auf den neuen Lebensabschnitt. Und: Mit den Olympischen Spielen in Mailand hatte ich eben erst mein persönliches sportliches Highlight als Nati-Trainer erlebt gehabt.

Olympia in Mailand im Februar war das letzte grosse Turnier mit Patrick Fischer an der Nati-Bande – für ihn war es das sportliche Highlight seiner Karriere.
Foto: keystone-sda.ch

Warum?
Es war das Turnier mit den Besten aller Besten, und wir waren mittendrin. Ich wusste immer, dass wir mithalten können, dort lieferten wir den Beweis. Jene Viertelfinal-Niederlage gegen Finnland konnte ich lange nicht verdauen, die hat mich so sehr geärgert. Ich war noch selten so sauer. Diese Niederlage nahm mich mehr mit als jeder verlorene WM-Final. Danach hatte ich wenig Lust auf diese Emotionen. Ich wusste aber, dass sich das vor der Heim-WM wieder ändern wird. Ja, der Moment der Entlassung löste eine grosse Traurigkeit aus, aber nicht des Sportes, sondern der Menschen und ihrer Emotionen wegen. Meine Rolle als Nati-Coach wäre danach sowieso zu Ende gewesen. Nun fiel sie einen Monat früher weg und das Ende war nicht so ruhmreich, wie man es sich vorgestellt hat.

Damals war der Skandal um Ihre Person noch frisch, jetzt sind weitere Monate vergangen. Wie blicken Sie mit etwas Abstand darauf zurück?
Wie immer auf alles: Es gehört zu meinem Leben. Ich hätte nie gedacht, dass es einen solchen Abschluss geben wird. Ich habe auf ein Feuerwerk gehofft am Schluss, es gab eines, aber ein anderes als ein goldenes. Meine Einstellung ist und bleibt: Alles im Leben hat seinen Grund. Akzeptieren, daraus lernen, daran wachsen. Auch an den schmerzhaften Erfahrungen. Meine war dabei, mit dem Finger auf mich zu zeigen und mich zu hinterfragen. Wo habe ich falsch entschieden, was sind meine Lehren daraus? Mittlerweile bin ich dankbar dafür, wie es passiert ist. Heute kann ich es auch relativieren: Ja, ich verlor meinen Job. Aber meinen Liebsten in meinem Leben geht es gut.

Vor vier Monaten waren Sie aber noch weit von dieser Haltung entfernt?
Logisch, damals war ich verärgert über mich selbst. Haderte damit, es gesagt zu haben. Es waren viele Emotionen da, viele Reaktionen von aussen. Alle waren aufgebracht.

Konnten oder können Sie die Empörung verstehen?
Ich kann es verstehen, dass die Leute emotional reagiert haben. Das Corona-Thema brach wieder auf, das für viele Menschen so einschneidend war im Leben, oder es auch heute noch ist. Aber es hat eine krasse Dimension angenommen. Es war eine Welle in alle Richtungen. Es gab zwei Lager mit vielen Meinungen. Und ich verstehe jede. Ich habe als Nationaltrainer die Regel missachtet, bin mit einem gefälschten Zertifikat an die Olympischen Spiele gereist. Natürlich geht das für viele Leute nicht.

Nach der Entlassung half ihm für die Verarbeitung, dass er sich bereits auf das Leben danach gefreut hatte – nach der Heim-WM hätte seine Karriere als Nati-Trainer sowieso geendet.
Foto: TOTO MARTI

Sie klingen jetzt sehr selbstreflektiert. Wurden Sie auch mal von den Emotionen übermannt?
Was mich am meisten geärgert hat, ist, dass mich eine meiner Stärken im Stich gelassen hat: die Ruhe zu bewahren, wenn ein Sturm aufzieht. Das muss man als Spieler wie auch als Trainer können. Dass ich an jenem Montag im April, als uns das SRF mit der Vorwarnung kontaktiert hat, in Panik verfallen bin, hat alles verschlimmert. Zu sagen, ich sei davor noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, was mir danach natürlich um die Ohren gehauen wird, ich sei ein Lügner und Betrüger. Das war die grösste Lehre für mich, die Kommunikation hätten wir besser lösen müssen. Aber richtig schlimm und emotional war für mich, weil meine Familie involviert worden ist. Ich kann aushalten, was auf mich einprasselt. Aber zu sehen, wie meine Kinder, meine Frau und meine Eltern leiden, war schwierig für mich. Im Wissen, dass ich der Grund dafür bin. Das war brutal hart, ich hatte ein schlechtes Gewissen. Dass meine Liebsten und mein engster Freundeskreis dadurch noch enger zusammengerückt sind, war eine wichtige Unterstützung für mich.

Patrick Fischer mit Sohn Kimi.
Foto: Toto Marti

Wie nahe ging alles Ihren Eltern? Wussten sie von Ihren Plänen?
Nein, sie wussten nichts. Mein Vater hätte nicht mehr schlafen können. Ihn hat alles am meisten mitgenommen. Meine Mutter nahm mich in Schutz und bekam dafür auch Support von ihrem Umfeld. Mädy war traurig, wütend, enttäuscht. (Fischers Frau setzt sich mit an den Tisch.)

Mädy Fischer: Es war eine Achterbahn der Gefühle. Aber auch eine Erleichterung, dass es endlich ausgesprochen war. Trotzdem brach es mir fast das Herz, dass er die Heim-WM nicht erleben durfte. Darauf hatte sich Patrick so gefreut.

Mädy und Patrick Fischer sind von der Solidarität der Menschen berührt.
Foto: TOTO MARTI

Ein Silberheld, der als Lügner betitelt wird, das muss in der Seele wehtun?
Ich habe gelogen, das kann nicht schöngeredet werden. Ich persönlich als Patrick Fischer war in einer Notsituation und es war eine Notlüge für mich. Wie ich dargestellt worden bin, hat meine Freunde am meisten geärgert, weil man mich sonst als sehr offenen, ehrlichen und korrekten Menschen kennt. Leute, die bescheissen, mag ich auch nicht. Trotzdem spüre ich auch eine Welle der Solidarität. Ich werde auf der Strasse angesprochen, mir wird für alles gedankt.

Sind Sie auch gleich nach der Entlassung aus dem Haus? Haben Sie sich nicht verkrochen?
Als ich einen Tag danach aus der Slowakei in Zürich gelandet bin, sprachen mich die Leute auch am Flughafen schon an und bedankten sich.

Mädy Fischer: Uns wurden Blumen und Geschenke vor die Haustüre gelegt. Viele Menschen waren so wohlwollend. Auch heute noch, wenn wir irgendwo hingehen. Es war mega schön.

Der 50-Jährige sagt, dass seine Frau Mädy während dieser schwierigen Monate sein Fels in der Brandung war. Auch Hund Ilios lenkte ihn ab.
Foto: TOTO MARTI

Patrick Fischer: Jene Leute, die anderer Meinung sind, sprechen mich nicht an. Wir leben auf dem Land. Es gab solche, die fuhren hier mit dem Auto an mir vorbei, hielten an, stiegen aus und umarmten mich. Es gab schöne Begegnungen und so viel Solidarität. Auch die Unterschriftensammlung für die Wiedereinsetzung war ein Zeichen dafür. Wir haben mit dieser Mannschaft die Menschen berührt und sind der Schweizer Bevölkerung ans Herz gewachsen. Durch harte und schöne Momente, durch Spieler, die Geschichten geschrieben haben. Das hat man auch mit mir verbunden.

«Ich hätte mein Amt niederlegen müssen»
2:07
Patrick Fischer bereut Fehler:«Ich hätte mein Amt niederlegen müssen»

Gab es auch nahestehende Menschen oder Spieler, die Sie enttäuschten?
Nein, ich persönlich spürte ein paar Menschen weniger als andere. Aber mein engster Kreis stand an meiner Seite, das hat mich berührt. Von den Spielern erhielt ich kürzlich ein Geschenk als Dankeschön, was mich unheimlich freute. Aber ich bin sicher, dass es auch den einen oder anderen Spieler gibt, der froh ist, dass ich weg bin. (Lacht.)

Sind Sie vom Verband enttäuscht?
Urs Kessler (der ehemalige Präsident, die Red.), der mir den Entscheid mitteilte, von ihm weiss ich, dass er die Entlassung eigentlich nicht wollte, aber keine andere Chance mehr sah. Die Mechanismen, die angelaufen sind, verstand ich. Ich bin noch mit niemandem von der Verbandsführung an einen Tisch gesessen. Das möchte ich aber bald tun, um alles von Angesicht zu Angesicht zu bereinigen.

Zum Verhängnis wurde dem erfolgreichsten Schweizer Nati-Trainer aller Zeiten, dass er mit einem gefälschten Impfzertifikat nach China zu den Olympischen Spielen gereist war – und sich in einem Gespräch mit einem SRF-Journalisten verplapperte.
Foto: keystone-sda.ch

Dann denken Sie, können Sie Frieden damit schliessen?
Ich habe schon Frieden damit geschlossen. Ich kann auf zehn unglaubliche Jahre zurückblicken, die etwas vom Schönsten waren, das ich je erlebt habe. Sportlich und menschlich. Das überwiegt heute.

Es gab noch eine interne Untersuchung?
Die ist abgeschlossen. Ich kenne das Ergebnis nicht.

Patrick Fischer persönlich

Von Dezember 2015 bis am 15. April 2026 war Patrick Fischer (50) Nati-Trainer. Eigentlich hätte er nach der Heim-WM Ende Mai in Zürich sein Amt niederlegen sollen. Doch der Skandal um ein gefälschtes Impf-Zertifikat kostete in einen Monat davor seinen Job. Fischer führte die Schweiz in der Weltrangliste auf die Nummer eins. Er holte 2025 in Stockholm, 2024 in Prag und 2018 in Kopenhagen WM-Silber – wie schon 2013 als Assistent von Sean Simpson. Als Spieler war er bei Zug, Lugano (Meister 1999), Davos (Meister 2002), den Phoenix Coyotes (NHL) und SKA St. Petersburg (KHL) aktiv und bestritt 183 Länderspiele. Von 2013 bis 2015 war Fischer Cheftrainer des HC Lugano. Ab Herbst coacht er mit seinem «Team Fischer» Privatpersonen.

Von Dezember 2015 bis am 15. April 2026 war Patrick Fischer (50) Nati-Trainer. Eigentlich hätte er nach der Heim-WM Ende Mai in Zürich sein Amt niederlegen sollen. Doch der Skandal um ein gefälschtes Impf-Zertifikat kostete in einen Monat davor seinen Job. Fischer führte die Schweiz in der Weltrangliste auf die Nummer eins. Er holte 2025 in Stockholm, 2024 in Prag und 2018 in Kopenhagen WM-Silber – wie schon 2013 als Assistent von Sean Simpson. Als Spieler war er bei Zug, Lugano (Meister 1999), Davos (Meister 2002), den Phoenix Coyotes (NHL) und SKA St. Petersburg (KHL) aktiv und bestritt 183 Länderspiele. Von 2013 bis 2015 war Fischer Cheftrainer des HC Lugano. Ab Herbst coacht er mit seinem «Team Fischer» Privatpersonen.

Einer Ihrer Anker waren stets die Werte, die Sie Ihren Spielern vermittelt haben. Niemand ist grösser als das Team. Wie passt Ihr Verhalten dazu?
Eine schwierige Frage, weil es verschiedene Ebenen sind. Familie und Gesundheit sind für mich das Wichtigste im Leben. Damals war ich im Zwist zwischen meiner Einstellung als Privatmensch und als Nati-Coach. Was will Patrick und was muss der Nati-Trainer? Es sind zwei unterschiedliche Stränge. Ich bin ein hohes Risiko eingegangen, damit ich bei der Mannschaft sein kann. Damals steckten viele Spieler und Athleten in dieser Zwickmühle. Ich habe mich damals für Patrick entschieden. Und ich sage immer jedem Spieler, er soll sich für sich und seine Gesundheit entscheiden. Der Punkt ist, dass ich es damals hätte kommunizieren müssen und konsequenterweise nicht nach China reisen sollen. Aber in meinen Augen verstiess ich da nicht gegen die Team-Ethik meiner Mannschaft.

Weshalb?
Weil zu unseren Werten gehört, dass sich jeder in den Dienst der Mannschaft stellt. Ich hätte aber niemanden zur Impfung gezwungen. Ich bin kein prinzipieller Impfgegner, aber von jener Impfung damals war ich einfach nicht überzeugt und hatte noch Fragen. Man kannte meine Einstellung, ich wollte warten, deshalb hat sich der Verband mit einem Vertrag, den ich unterschreiben musste, abgesichert, dass ich zum Turnier reise. Aber ja, es war falsch, schlussendlich hätte ich sagen müssen: Ich reise nicht nach China. Aber…

Aber was?
Vielleicht wäre dann der Aufschrei ein noch grösserer gewesen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch ein Skandal gewesen wäre, wenn der Nationaltrainer seine Mannschaft im Stich gelassen hätte.

Die Familie ist für Patrick Fischer ein wichtiger Rückhalt.
Foto: Toto Marti

Hatten Sie bei der Einreise in Peking keine Angst, erwischt zu werden?
Etwas gezittert habe ich. Denn wir mussten ja das Zertifikat im Vorfeld einschicken. Es passierte aber nichts. Und danach wurden wir täglich getestet, bereits in den Wochen vor der Abreise im OYM.

In Ihrer Karriere als Spieler und Trainer wurden Sie sportlich kritisiert. In diesem Skandal Patrick Fischer als Mensch. Macht das den Umgang damit schwieriger?
Auch das kannte ich. Meine Spieler-Karriere beendete ich 2009, als ich in Zug noch erfolgreich spielte und niemand damit gerechnet hat. Damals gab es schon laute Stimmen, die fragten, was mit «Fischi» genau falsch läuft und welchem inneren Weg er folgt. Mir war und ist bewusst: Ich polarisiere bei gewissen Themen. So gehe ich durchs Leben, Authentizität ist mir wichtig. Es darf jeder tun und lassen, was er will. Wir leben in einem System, das das nicht immer möglich macht. Das ist für mich eine Herausforderung. Der Drang, neue Wege zu gehen, brach bei mir immer mal wieder durch. Ich ging früh nach Kanada oder im späten Alter noch in die NHL und KHL. Oder ich bin einfach in den Dschungel gereist. Und mit der Nati versuchte ich von Anfang an, eine neue Richtung einzuschlagen. Wenn man so handelt, wird man regelmässig kritisiert und Menschen richten über einen. Darum darf es mich nicht stören.

Patrick Fischer sagt, er habe nun lange genug den eigenen Medaillen nachgejagt, jetzt möchte er Menschen helfen, ihre Ziele zu erreichen und Träume zu verwirklichen.
Foto: Toto Marti

Fühlten Sie sich auch mal als Opfer?
Von einer Hetzkampagne meinen Sie? Ich weiss, wie die Medien funktionieren. Deswegen kann ich nicht böse sein.

Ihre Karriere hätte nach der Heim-WM sowieso geendet. Man hätte Sie als erfolgreichsten Nati-Trainer gefeiert. Fehlt Ihnen diese Würdigung für die sportlichen Leistungen?
Ist es ein Abschied, wie ich ihn mir gewünscht habe? Wenn ich ehrlich bin: Nein, natürlich nicht. Ich hätte gerne mit Freudentränen den WM-Titel gefeiert. Aber ich für mich kann einen Haken dahinter setzen. Was ich als Trainer erreichen wollte, was stets meine Motivation gewesen ist, nämlich das Schweizer Eishockey voranzutreiben, weiterzuentwickeln, offensiver und attraktiver zu machen, habe ich erreicht. Die Top 6 der Welt war unser Ziel, jetzt sind wir die Nummer eins.

Grösser kann Ihr Vermächtnis nicht sein.
Eines Tages wird jemand zurückschauen und sagen, dass in der Ära Krueger, in der Ära Simpson und auch in der Ära Fischer grosse Fortschritte passiert sind. Ich bin stolz darauf, was uns mit dieser Mannschaft gelungen ist.

«Ich habe mich bei der Mannschaft entschuldigt»
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Patrick Fischer blickt zurück:«Ich habe mich bei der Mannschaft entschuldigt»

Welche Erfolge oder Momente mit der Nati haben Sie am meisten geprägt?
Ich stand als junger Trainer von Anfang an in der Kritik und wurde als Grossmaul betitelt, der vom WM-Titel redet. Deshalb sehe ich die WM 2018 in Kopenhagen und 2024 in Prag als Befreiungsschläge. Letztere war meine emotionalste WM. Nach Jahren des Viertelfinal-Komplexes ging es dort um meinen Job, ich war unter Druck. Hätten wir ihn gegen Deutschland verloren, wäre ich gefeuert worden. Seither standen wir dreimal in Folge in einem WM-Final.

Welcher Mensch hat Sie in den Jahren als Nationaltrainer am stärksten beeindruckt?
Mein Schatz (blickt liebevoll zu Mädy). Sie hat mitgefiebert, ist mitgezogen und hat immer an mich geglaubt. Sie hat mich ausgehalten (grinst), ich hatte auch Tiefs. Sie gab mir stets Halt und Vertrauen. Ich bin es mir gewöhnt, im Gegenwind zu stehen durch mein Wirken, aber sie hat es auch ausgehalten. Das können nicht alle. Sie war ein Fels in der Brandung.

Was glauben Sie, wie wird man Ihre Zeit als Nati-Trainer in zehn Jahren bewerten?
Fischer hat die Offensive angekurbelt. Das hat damit angefangen, dass wir gross dachten und Vertrauen hatten in unser Spiel, um in der Offensive etwas zu kreieren. Den Glauben daran habe ich reingebracht. Ich sehe mich als Potenzial-Architekt.

Und was folgt jetzt? Patrick Fischer (r.) wird zusammen mit Benoit Pont (l.) sowie Stefan Schwitter (beide aus dem Nati-Staff) und seinem Bruder Marco Fischer Coachings anbieten – unter dem Namen «Team Fischer».
Foto: Pius Koller

Wird man Sie im Hockey wieder sehen? Oder was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Wer weiss, es gab interessante Angebote. Eines Tages vielleicht. Aber zunächst widme ich mich einem Herzensprojekt, das ich schon länger im Kopf habe. Es beflügelt mich, andere Menschen oder Spieler weiterzubringen. Ich bin jetzt lange genug meinen Medaillen nachgerannt, jetzt möchte ich anderen Menschen dabei helfen, ihre Träume und Ziele zu erreichen. Und dies mit einem Team aus Menschen, die etwas auf dem Kasten haben. Zum Beispiel Stefan Schwitter oder Benoit Pont, die auch in meinem Nati-Staff waren. Wir sind das «Team Fischer», das ab Herbst verschiedene inspirierende Workshops und Impulstage anbietet. «Klarheit auf dem Spielfeld des Lebens» ist einer unserer Leitsätze. Und darauf freue ich mich.

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