Ex-Co-Trainer Wohlwend über Fischer
«Ihm wurde sein Eishockey-Herz herausgerissen»

Nichts hat die Sportwelt jüngst so bewegt wie der Fall von Eishockey-Nati-Coach Patrick Fischer. Im Drama um sein gefälschtes Covid-Zertifikat gibts nur Verlierer. «Fischi ist ein fantastischer Mensch», sagt sein Weggefährte Christian Wohlwend.
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«Den Mut, gross zu denken, verdanke ich auch dem prägenden Optimismus meiner Mutter», schreibt Fischer auf seiner Website.
Foto: Keystone
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Marcel Allemann
Schweizer Illustrierte

«Es wird kommen, wie es kommen muss. Egal wie, es wird irgendwie gut sein.» Es sind Worte des gefallenen Eishockey-Natitrainers Patrick Fischer (50) aus dem Jahr 2018, die viel darüber aussagen, wie dieser Mann tickt. «Er liebt das Leben, schaut diesem stets positiv entgegen und steckt damit auch die anderen an», sagt sein Freund Christian Wohlwend (49) der sechs Jahre als Assistent an seiner Seite stand.

«Er trägt sein Herz auf der Zunge» Christian Wohlwend, ehemaliger Trainer-Assi von Fischer.
Foto: Keystone

Als Fischer jene Worte 2018 wählt, steht er in seiner dritten Saison als Coach der Schweizer Hockey-Nati ordentlich im Gegenwind: Er fliegt an den Olympischen Spielen im Februar im südkoreanischen Pyeongchang mit seiner Mannschaft im Achtelfinalspiel gegen Deutschland raus. Nur drei Monate später führt der Zuger die Schweiz in Dänemark zum ersten WM-Silber. 2024 und 2025 holt er zwei weitere WM-Silbermedaillen. Sie machen den ehemaligen Eishockey-Profi zum erfolgreichsten Nationalcoach aller Zeiten – und als dreifachen Trainer des Jahres zu einer der anerkanntesten Persönlichkeiten des Schweizer Sports.

An der Heim-WM im Mai will Fischer sein Werk mit Gold krönen, ehe er, wie bereits vergangenen Dezember angekündigt, als Nati-Trainer abgetreten wäre.
Was für ein kitschig-schöner Abschluss hätte es sein können für diesen Charismatiker, der während zehn Jahren der perfekte Verkäufer des Schweizer Eishockeys war. Er parlierte in Deutsch, Englisch, Französisch oder Italienisch – je nachdem, was gefragt war. Er trat zielorientiert und selbstbewusst auf, aber verströmte mit seinen Tattoos und seinem Style die Aura eines Rockstars. Fischer verkörpert Herzlichkeit, zugleich Wärme, ist im Innersten Lausbub geblieben.

Stockholm, Schweden, Mai 2025: Im Hintergrund feiern die USA Hockey-Gold. Coach Patrick Fischer bringt mit seinem Team Silber heim.
Foto: Getty Images

Der Schaffer eines Wir-Gefühls

«Er begeistert, er inspiriert, er gibt und ist enorm liebevoll. Fischi ist ein fantastischer und wundervoller Mensch, perfekter geht es eigentlich nicht», sagt sein Freund Wohlwend, der heute als Trainer des EHC Olten amtet und daneben auch als Experte bei Eishockey-Sender MySports arbeitet. Wenn Fischer rief, liessen auch die Schweizer NHL-Spieler aus Nordamerika alles stehen und liegen, um für das Nationalteam zu kämpfen. Er hat im Team ein nie zuvor da gewesenes Wir-Gefühl geschaffen. «Wenn ich jemandem zeigen kann, wie man ein Tor schiesst, freut mich das mehr, als wenn ich selbst eines schiesse», schreibt Fischer auf seiner Website. Er selbst hielt schon mit drei Jahren erstmals einen Hockeyschläger in Händen.

Fischer ist kein 08/15-Coach. Ihn faszinieren alle Facetten des Lebens. Zu Spielerzeiten eröffnete er einst eine Sushi-Bar, er versuchte sich als Pokerspieler, machte Yoga und Tai-Chi und liess sich im Dschungel von Peru vom Leben der Shipibo-Indianer inspirieren. Er kaufte dort sogar Land, errichtete ein Camp, um das Urvolk und dessen Lebensraum zu schützen. In Costa Rica führt er mit seinem Bruder und Freunden eine Lodge. Diese Erfahrungen zeichnen ihn aus, gehörten mitunter zum Flair, das ihn so erfolgreich gemacht hat.

Lausbub im Einsatz: Der damals 23-jährige Patrick Fischer begeistert als Stürmer beim HC Lugano 1998.
Foto: Keystone

Doch letzte Woche ist sein Lebenswerk innert 48 Stunden zusammengekracht. In einer rasant schnellen Abfolge von Ereignissen, Wendungen, Kommunikationsdesastern und Stimmungsschwankungen, die zuvor niemand für möglich gehalten hätte: Im ersten Akt macht der Schweizer Eishockey-Verband am 13. April öffentlich, dass Fischer 2022 mit einem gefälschten Covid-Zertifikat an die Olympischen Spiele nach Peking gereist ist und dafür 2023 als Privatperson verurteilt worden ist, wofür er 38 000 Franken Busse bezahlen musste. Der Verband kommt damit SRF zuvor, das die Geschichte publik machen will. Der Medienprofi Fischer hatte sich bei Dreharbeiten zu einem Dok-Film in der Mittagspause gegenüber dem SRF-Journalisten Pascal Schmitz verplappert. «Das ist eben auch Patrick Fischer. Er trägt das Herz auf der Zunge und hat sich in einem Umfeld, das ihm offensichtlich vertrauenswürdig erschien, dazu verleiten lassen, etwas zu sagen, was er nicht hätte tun dürfen», urteilt Christian Wohlwend.

Der Krimi des Hin und Her

Mit der Veröffentlichung des Verbandes entschuldigt sich Fischer selbst in einer Videobotschaft «für den Fehltritt». Er sagt, dass es ihm extrem leid tue, sein Umfeld enttäuscht zu haben, und er erklärt, dass er ein Mensch sei, der das Recht respektiere. Die Medien decken jedoch noch am selben Tag weiter auf, dass Fischer vor den Olympischen Spielen in Peking in Interviews gesagt hatte, dass er zwar kein Impfbefürworter sei, aber sich impfen lasse, um seinen Job nicht zu gefährden. Der Verband steht vorerst hinter ihm. Aber es kommt anders.

Gefeiert: Im März erhält Coach Fischer im Leutschenbach seinen dritten Sports Award. Im Hintergrund laufen Recherchen.
Foto: DAVID BIEDERT

Kurz darauf macht Fischers Strafbefehl die Runde, und dort ist zu lesen, dass wegen eines vorherigen Verkehrsdelikts, das er in seiner Entschuldigung unerwähnt gelassen hatte, auf Bewährung verurteilt worden war. Zugleich eröffnet der internationale Eishockeyverband ein Verfahren gegen ihn. Swiss Olympic reagiert ebenfalls scharf. Die Welle der Empörung rollt – bis der gefeierte Nationaltrainer am 15. April entlassen wird. «Irgendwann war absehbar, dass es so kommen wird. Es ist einfach nur schade und ein unwürdiger Abgang für einen derart verdienten Eishockeytrainer», sagt sein Weggefährte Wohlwend.

Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da: Nachdem der Präsident des Schweizer Eishockey-Verbands, Urs Kessler, den Coach per Videocall offiziell seines Amtes enthoben hat, wandelt sich die Stimmung abermals. Innert Stunden stellten sich Zehntausende Fans auf Fischers Seite, unterzeichneten eine subito ins Leben gerufene Petition gegen seine Entlassung. Zudem hat sich Nati-Captain Roman Josi in einem Brief an den Verband persönlich für Patrick Fischer stark gemacht. Gleichzeitig entlud sich Wut gegen SRF, den Journalisten, der das Ganze öffentlich gemacht hatte, und die Medien insgesamt. Am Resultat änderte das nichts.

Verbunden: Madeleine Fischer, seit 2025 mit Patrick verheiratet und Mutter der gemeinsamen Tochter Oceania (5).
Foto: Nik Hunger

Die Kraft der Loyalität

In der Nachbetrachtung gibt es in diesem Drama nur Verlierer. Der grösste ist aber natürlich Patrick Fischer, der den Schlamassel ausgelöst hat und dessen Leben aus den Fugen geriet. «Es wird kommen, wie es kommen muss. Egal wie, es wird irgendwie gut sein.» – An seinen eigenen Worten kann sich der erfolgreichste Trainer der Schweiz vielleicht wieder aufrichten. In jedem Fall wird er sich im Kreise seiner Liebsten stärken: mit Ehefrau Madeleine, die er letztes Jahr in Griechenland geheiratet hat, Töchterchen Oceania und seinem erwachsenen Sohn Kimi, der seinen Vater über die sozialen Medien öffentlich unterstützt. Und er wird auf Freunde zählen.

«Es geht ihm nicht gut. Ihm wurde sein Eishockey-Herz herausgerissen», sagt Christian Wohlwend, der auch in den letzten Tagen mit ihm Kontakt hielt. Wohlwend hält fest, dass er nichts von Fischers Zertifikatsfälschung gewusst habe und sie nicht für gut befinde. Aber er hält trotzdem zu ihm: «Wenn ich jemanden gernhabe, dann habe ich ihn auch immer noch gern, wenn er einen Blödsinn macht. Und Patrick Fischer habe ich unheimlich gern.»

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