Darum gehts
- 2019 demonstrierten Zehntausende in Bern für Klimaschutz, 2026 bleibt Protest vorerst aus
- Bauern kämpfen gegen Hitze: Futterknappheit, Notversorgung durch Armee, Ernteprobleme
- Bund fördert Klimaanpassungen, aber keine Unterstützung für Klimaanlagen in Gebäuden
Sie sprangen, schrien, stampften: Zehntausende junge Menschen zogen an einem sonnigen Sonntag Ende September 2019 durch Bern.
Die grösste Klimademonstration der Schweiz sollte Folgen haben: Bei den Wahlen wenige Wochen später triumphierten die Parteien mit einem G im Namen: Grüne und GLP.
Wie 2019 ächzt auch dieser Tage die Schweiz unter einer Hitzewelle. Doch grosse Demonstrationen bleiben vorerst aus. Abkühlung in der Badi statt protestieren auf dem heissen Asphalt.
Und so stellt sich die Frage: Was bleibt von diesem Hitzesommer 2026?
Zwei Unterschiede
Politologe Claude Longchamp (69) hat die Klimabewegung 2019 genau verfolgt. Blick erreicht ihn telefonisch im kühlen Schweden. «Es gibt zwei grosse Unterschiede», erklärt er. «Die grünen Parteien waren unverbraucht und sehr gut positioniert. Schon früh sprach man dank Greta Thunberg (23) vom Klimawandel. Gleichzeitig wurden SP und SVP vom Thema überrascht und mussten zuerst ihre Argumente entwickeln.» Das habe sich mittlerweile geändert.
Heutzutage würden die Menschen die Grünen besser kennen, sagt Longchamp. «Zum Beispiel sorgte die erste Fassung des CO2-Gesetzes für Stirnrunzeln. Die Flugticketabgabe fiel deutlich durch, und auch die extremen Aktionen der Klimakleber sorgten für Widerstand bei gemässigten Unterstützern.»
Dazu kommen personelle Fragen: «Bei den Grünen waren mit Regula Rytz (64) und später Balthasar Glättli (54) und Aline Trede (42) Personen am Werk, die sehr präsent waren», sagt Longchamp. Die jetzige Präsidentin Lisa Mazzone (38) nehme man zwar wahr, doch sie wirke als Einzelkämpferin, es fehle ein Team, um die Bewegung aufzuzeigen. Und: «Sie hat den Makel, dass sie nicht im Parlament sitzt und abgewählt wurde.»
Doch warum entsteht keine neue Bewegung auf der Strasse, obwohl die Schweiz wochenlang schwitzt? «Dafür müsste das Volk ein Defizit bei der etablierten Politik sehen. Doch das Problem ist schon lange bekannt, das Problembewusstsein weit verbreitet, und man hat bemerkt, dass es keine einfachen Lösungen gibt.»
Bauern leiden
Trotzdem könnte der Hitzesommer Folgen haben, etwa bei den Bauern. Während SVP-Präsident Marcel Dettling (45) noch vor zwei Jahren der «NZZ am Sonntag» sagte, der Klimawandel sei «nicht schlecht für die Bauern», fordern jetzt selbst SVP-Politiker Massnahmen.
Die Bauern leiden: Weil das Futter fehlt, mussten sie ihre Tiere früher schlachten. Die Armee liefert mit einem Helikopter Wasser auf die Alp, und in Zürich wird der Mais nachts geerntet. Es ist sonst einfach zu heiss.
«Die Bauern sind die interessanteste Gruppe», sagt Longchamp. «Es kommt hier vereinzelt zu Bruchlinien mit der SVP. Doch es gibt keine Massenbewegung. Selbst wenn sich einzelne Bauern von der Partei abwenden, genügt das nicht für einen Trend.»
Die Bauern müssen sich an heissere Sommer gewöhnen. Der Bauernverband spricht in einer Medienmitteilung von weiteren Massnahmen, die es mittel- und langfristig brauche. Dabei geht es um die Anpassung an den Klimawandel, zum Beispiel durch die Wahl der Kulturen und der optimalen Bewirtschaftung. Dafür braucht es auch einen Zugang zu Wasser und Bewässerungsanlagen.
Klimaanlagen-Skepsis
Auch die Bevölkerung muss sich anpassen. Besonders gefährdet sind Altersheime, aber auch Schulen und Spitäler. Die Gebäude sind nicht gegen die Hitze gerüstet.
Klimaanlagen könnten eine Lösung sein. Während diese in der Schweiz lange als Klimasünder verpönt waren, waren sie heuer die Rettung in der heissen Dachwohnung. Und Politiker wie GLP-Nationalrat Patrick Hässig (47) wollen die Klimaanlage salonfähig machen.
Der Bundesrat verweist auf Kantone und Gemeinden, die solche Anlagen bewilligen müssen. Zwar teile die Regierung die Einschätzung, dass Klimaanlagen einen wichtigen Beitrag zum Schutz von älteren oder kranken Menschen leisten können. «Die Überhitzung von Gebäuden soll zunächst durch passive und bauliche Massnahmen vermieden werden, beispielsweise durch externe Beschattung.» Wo das nicht reicht, können «energieeffiziente Geräte eine sinnvolle Ergänzung darstellen», heisst es in der Antwort auf den Vorstoss von Hässig. Der Bund führt ein Programm, das Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel fördern soll. Eine Unterstützung für Klimaanlagen ist nicht vorgesehen.
Der Klimastreik hat für Ende September wieder zur Demo aufgerufen. Vielleicht springen, schreien und stampfen bald wieder ganz viele Menschen auf der Strasse. Vielleicht aber haben sich bis dann nicht nur die Temperatur, sondern auch die Gemüter für ganz viele wieder abgekühlt.