Darum gehts
- Schweiz erlebt extreme Hitzewelle, gefährdet Tierwohl und Landwirtschaft seit Wochen
- Militär liefert Wasser per Helikopter auf Freiburger Alpen zur Rettung
- Futterknappheit: Bauern suchen europaweit, Preise steigen, Lage bleibt angespannt
Dieser Sommer ist heiss – und trocken. Seit Wochen fehlt der Regen. Für viele Landwirtschaftsbetriebe wird das Futter knapp. «Die Grasnarben unserer Kunstwiesen wurden von Tag zu Tag brauner, bis sie schliesslich vollständig abgestorben sind», erzählt Bauer Bruno Zumbrunn an einem Medienanlass des Bundes. Auch der Mais leidet unter der Trockenheit. «Durch den Wassermangel beginnt die Pflanze von unten her abzutrocknen. Sie wird notreif, bevor sich die Maiskolben vollständig entwickeln können.» Die Folge: Die Pflanzen müssen teilweise früher geerntet werden. Die Zumbrunns rechnen deshalb mit Ertragseinbussen von 50 bis 60 Prozent. «Damit fällt auch dieses wichtige Futtermittel weg.»
Normalerweise reichen die Futterreserven des Betriebs für ein Jahr. Doch die Trockenheit reisst «ein grosses Loch in unsere Futtervorräte für den Winter und den Frühling 2027», sagt Elias Zumbrunn. Futter zuzukaufen, sei derzeit kaum möglich. «Die Futterhändler nehmen das Telefon teilweise schon gar nicht mehr ab», erzählt er. «Wenn es überall trocken ist, wird es schwierig. Mit Geld ist es nicht gelöst. Die Tiere können das Geld nicht essen. Wir brauchen einfach Futter.» Aber auch die Gesundheit der Tiere habe von der Hitze Lasten zu tragen. «Wir versuchen, die Kühe ein- bis zweimal pro Tag abzuduschen. Durch die anhaltende Hitze ist ihr Immunsystem stark geschwächt, wodurch sie anfälliger für Durchfall und andere Keime-Erkrankungen sind», erzählt Bruno Zumbrunn. .
Bund reagiert mit Sofortmassnahmen
Der Betrieb der Brüder Zumbrunn ist kein Einzelfall. «Bereits seit Juni konnte vielerorts kein Gras mehr geerntet werden», sagt Christoph Böbner, Leiter des Ebenrain-Zentrums für Landwirtschaft, Natur und Ernährung im Baselbiet. Gleichzeitig fielen die Erträge vieler Kulturen aus, während der Zukauf von Futter immer teurer werde. «Das bringt einige Betriebe finanziell unter Druck und bereitet den Bauernfamilien grosse Sorgen.» Besonders hart treffe es den Jurabogen und das Baselbiet. «Und der Sommer ist noch nicht vorbei.»
Der Bund reagiert mit Sofortmassnahmen. «Wir haben Vorbereitungen getroffen», sagt Christian Hofer (62), Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft. Tiere dürfen dieses Jahr früher von den Alpen ins Tal gebracht werden, ohne dass die Sömmerungsbeiträge gekürzt werden. Direktzahlungen sollen vorgezogen ausbezahlt werden, «damit wir Betriebe unterstützen können, die finanziell unter Druck geraten». Zudem werden die Einfuhrzölle auf Futtermais und Getreide gesenkt. Auch zinsfreie Betriebskredite der Kantone stehen zur Verfügung.
Doch Hofer macht klar: Die Soforthilfe lindert nur die akute Not. «Diese Trockenheit tritt regelmässig auf. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder dazu – und inzwischen immer häufiger.» Deshalb investiere der Bund auch in die Anpassung an den Klimawandel. Das Parlament hat die Beiträge für die Wasserversorgung um rund einen Drittel erhöht. «Gleichzeitig unterstützen wir die Züchtung robuster, klimaanpassungsfähiger und trockenresistenter Pflanzen.»
Hinzu kommen weitere Projekte. So fliessen 80 Millionen Franken in die Bodenforschung, damit Böden künftig mehr Wasser speichern und Trockenperioden besser überstehen. «Die Lösung ist nicht einfach da. Aber diese Massnahmen helfen, Trockenheitsperioden besser zu überstehen.»
Der Ticker von der Medienkonferenz zum Nachlesen:
Der Medienanlass ist beendet.
Die Referenten verabschieden sich.
Werden Milch, Eier und andere Lebensmittel noch teurer?
«Wenn die Situation längerfristig anhält, kann das passieren», sagt Christian Hofer, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft. Aktuell sei dies jedoch noch nicht der Fall. Auf dem Milchmarkt gebe es derzeit eher ein Überangebot.
Durch den Grenzschutz würden Veränderungen beim Angebot in der Schweiz auch erst verzögert spürbar.
Bereits heute sei Futter jedoch knapp geworden. Zwar importiere die Schweiz nur rund zwei Prozent ihres Futters, doch wenn auch die umliegenden Regionen stark von Trockenheit betroffen seien, würden die Futterpreise steigen.
Klar sei jedoch: «Das Bundesamt für Landwirtschaft kann es auch nicht regnen lassen», so Fabrice Bersier.
Was, wenn Futter nicht mehr beschafft werden kann?
«Mit Geld ist es nicht gelöst. Die Tiere können das Geld nicht essen. Wir brauchen einfach Futter», sagt Elias Zumbrunn. Normalerweise verfügen die Zumbrunns über Futterreserven für ein Jahr. Hält die Trockenheit jedoch an, stossen sie bald an ihre Grenzen. «Wir sind dann irgendwann am Ende mit dem Futter.»
Falls in der Nähe, etwa im süddeutschen Raum, genügend Futter wächst, bestünden Möglichkeiten für Zukäufe. «Aber wenn es überall trocken ist, wird es schwierig.» Der Betrieb sei nicht darauf ausgelegt, grössere Mengen Futter zuzukaufen. Zuletzt mussten die Zumbrunns im Hitzesommer 2003 Futter einkaufen.
Was passiert, wenn die Trockenheit weiter zunimmt?
«Wasser und Boden sind zwei elementare Grundlagen, um Nahrungsmittel produzieren zu können», sagt Christian Hofer, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft. Die bisherigen Kulturen hätten noch anständige Erträge geliefert. Sollte die Trockenheit jedoch anhalten, müsse mit teilweise vollständigen Ernteausfällen gerechnet werden.
Auch die Tierhaltung wäre betroffen: Die verfügbare Futtermenge und die Anzahl Tiere müssten entsprechend angepasst werden. Langfristig müssten sich die Betriebe darauf vorbereiten, mit längeren Trockenperioden umzugehen. «Es gibt einfach mehr Extreme», sagt Hofer.
Neues Projekt soll Wasser aus Seen nehmen und Betriebe bewässern
Fabrice Bersier, Projektleiter des Projekts «Arrobroye», stellt ein weiteres Bewässerungsprojekt vor. «Arrobroye» ist ein grosses, kantonsübergreifendes Vorhaben in der Broye-Region der Kantone Freiburg und Waadt.
Geplant ist, Wasser aus dem Neuenburgersee zu entnehmen und damit rund 4000 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche zu bewässern. Davon sollen langfristig etwa 200 Landwirtschaftsbetriebe profitieren und ihre Produktion sichern können.
Die Ziele des Projekts sind klar: eine nachhaltige Landwirtschaft zu erhalten, die regionale Produktion zu schützen, die landwirtschaftlichen Erträge langfristig zu sichern und eine Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels zu geben. «Wir haben gute Böden und wollen die Ernährungssicherheit unseres Landes auch in Zukunft gewährleisten», sagt Bersier.
Landwirte werden bei Kosten unterstützt
Im Rahmen des Projekts werden Landwirte bei hydrotechnischen und baulichen Massnahmen finanziell unterstützt. Dazu gehören beispielsweise Projekte zur Speicherung von Regenwasser, das später als Brauchwasser im Stall genutzt werden kann.
Gefördert werden auch weniger bekannte Ansätze wie das sogenannte Keyline-Design. Dabei wird Regenwasser gezielt aufgefangen, verlangsamt und kann anschliessend in den Boden versickern.
Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist die Überprüfung der Wirksamkeit der Massnahmen. Die Universität Basel führt dazu Feldmessungen durch. Nach Abschluss von «Slow Water» sollen daraus Empfehlungen für mögliche Fördermassnahmen auf nationaler Ebene entstehen.
Ressourcenprojekt wird vorgestellt
Anschliessend stellt Seraina Grieder das Ressourcenprojekt «Slow Water» der Kantone Basel-Landschaft und Luzern vor. Das auf sechs Jahre angelegte Projekt startete 2024.
«Das wichtigste Ziel ist der langfristige Erhalt der Ertragsfähigkeit, indem die Wasserversorgung in den Landwirtschaftsbetrieben gesichert wird», erklärt Grieder. Dabei soll Regenwasser langsamer abfliessen und vermehrt im Boden gespeichert werden. Ein weiteres zentrales Ziel ist die Verhinderung von Bodenerosion.
Am Projekt beteiligen sich 23 Betriebe im Kanton Basel-Landschaft und 63 Betriebe im Kanton Luzern.
Kaum Vorräte für den Winter
Sein Bruder Elias Zumbrunn übernimmt das Wort. «Dieses Jahr erinnert stark an den Hitzesommer 2003», sagt er. «Die aktuelle Situation reisst ein grosses Loch in unsere Futtervorräte für den Winter und den Frühling 2027.»
Der Zukauf von Futter sei derzeit äusserst schwierig. «Die Futterhändler nehmen das Telefon teilweise schon gar nicht mehr ab», erzählt Zumbrunn.
Um den Wasserverbrauch zu senken, bauen die Zumbrunns einen Regentank ein. Damit soll möglichst viel Trinkwasser durch gesammeltes Regenwasser ersetzt werden. Die Massnahme entsteht in Zusammenarbeit mit dem Slow-Water-Projekt.
Zusätzlich setzen die Brüder auf Massnahmen zur Ammoniakreduktion. Eine Biogasanlage entzieht der Düngeranlage Methan und wandelt es in Strom um. «Eine Kuh kann so künftig täglich vier bis sechs Kilowattstunden Strom produzieren. Die gesamte Herde reicht aus, um zwei Wohnhäuser zu beheizen.»
Maispflanzen werden notreif
Er zeigt eine Maispflanze und erklärt die Folgen der Trockenheit: «Durch den Wassermangel beginnt die Pflanze von unten her abzutrocknen. Sie wird notreif, bevor sich die Maiskolben vollständig entwickeln können.»
Deshalb müssen die Pflanzen teilweise vorzeitig geerntet werden. Das erhöht das Risiko für Fehlgärungen und Schimmelbildung. Bei den Maisflächen rechnen die Zumbrunns mit Ertragseinbussen von 50 bis 60 Prozent. «Damit fällt auch dieses wichtige Futtermittel weg».
Immunsystem von Tieren stark geschwächt
Bruno und Elias Zumbrunn übernehmen das Wort. Sie führen ihren Betrieb in einer Generationengemeinschaft. Auf den Feldern bauen sie Brotgetreide, Futtergetreide, Mais und Kunstwiesen an. Der wichtigste Betriebszweig ist die Milchwirtschaft mit rund 40 Kühen.
«Wir versuchen, die Kühe ein- bis zweimal pro Tag abzuduschen. Durch die anhaltende Hitze ist ihr Immunsystem stark geschwächt, wodurch sie anfälliger für Durchfall und andere Keimerkrankungen sind», erzählt Bruno Zumbrunn.
Der Ertrag der Kunstwiesen fiel durchschnittlich aus. «Seit Anfang Juni ist kein Regen mehr gefallen. Die Grasnarben wurden von Tag zu Tag brauner, bis sie schliesslich vollständig abgestorben sind», sagt Zumbrunn. Bei den Grasflächen verzeichnen die Zumbrunns einen Totalausfall. Dadurch fehlt wichtiges Futter für die Tiere. «Es ist auch praktisch unmöglich zusätzliches Futter zuzukaufen, da die Verfügbarkeit knapp und die Preise hoch sind.»