Darum gehts
- Schweizer Bauern kämpfen wegen extremer Trockenheit mit Ernteausfällen und Futtermangel
- 3500 Kühe wurden 2026 bereits notgeschlachtet, Schlachthöfe sind überlastet
- Einzelne SVP-Vertreter fordern Klimaschutz und Infrastrukturinvestitionen gegen die Krise
Bei den Bauern herrscht Verzweiflung. Seit Wochen brennt die Sonne auf ihre Felder, gleichzeitig fällt in vielen Regionen kaum Regen. Wegen der anhaltenden Trockenheit verdorren Früchte und Gemüse. Der Hitzestress setzt auch den Kühen zu: Tausende haben Fieber und Durchfall. Viele mussten wegen des Futtermangels notgeschlachtet werden.
Damit trifft der Klimawandel die Landwirtschaft mit voller Wucht – und bringt auch die SVP in Bedrängnis. Denn die Bauernpartei stellte sich beim Klimaschutz jahrelang quer. Noch vor zwei Jahren sagte Parteipräsident Marcel Dettling in der «NZZ am Sonntag», der Klimawandel sei «nicht schlecht für die Bauern». Ausgerechnet jetzt will der Parteichef nichts mehr zum Thema sagen.
Doch während sich die Parteispitze in Schweigen hüllt, sprechen immer mehr SVP-Bauern offen über den Klimawandel – und verlangen neue Lösungen. Dabei schlagen sie auch Töne an, die bislang vor allem von Klimaschützern zu hören waren.
Tausende Kühe werden notgeschlachtet
Einer von ihnen ist der Berner SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh (49). Der oberste Älpler forderte den Bundesrat am Mittwoch auf, die ausserordentliche Lage auszurufen. Dadurch kann die Armee mit Helikoptern Wasser in die Alpen fliegen. Gleichzeitig plädiert der Landwirt aber auch für langfristige Klimaanpassungen. «Wir brauchen Stauseen in den Alpen, die Regen- und Schmelzwasser speichern können», sagt er.
Neben dem Wassermangel bereitet Wandfluh auch die massive Futterknappheit Sorgen. «Im vergangenen Monat sind bereits 3500 Kühe mehr geschlachtet worden als im Vorjahr.» Die Schlachthöfe seien völlig überlastet. Zeitweise habe er befürchtet, dass deren Kapazitäten nicht mehr ausreichten und Tiere verendeten.
Für Wandfluh gehört neben den Klimaanpassungen auch der Klimaschutz zur Lösung. Er betont, dass die Schweiz die Erderwärmung nicht allein aufhalten könne. Es gebe aber Möglichkeiten, die Folgen abzufedern. Dazu gehöre auch, den eigenen CO₂-Ausstoss zu senken. «Ich kann es nicht verstehen, wenn jemand mehrmals im Jahr in die Ferien fliegt», sagt er. Der SVP-Nationalrat kritisiert zudem die Konsum- und Wegwerfgesellschaft. «Eine bescheidenere Lebensweise würde uns nicht schaden.»
Bauern leiden unter psychischem Druck
Auch den Aargauer SVP-Nationalrat Alois Huber (70) treibt die Hitze um. Die aktuelle Situation bezeichnet der Vizepräsident des Schweizerischen Bauernverbands (SBV) als «Katastrophe». Obwohl der Aargau als Wasserschloss der Schweiz gilt, könne seit Wochen vielerorts kein Wasser mehr aus den Bächen entnommen werden.
Der Ackerbau leide massiv unter der Trockenheit. «Vor allem bei den Kartoffeln sieht es düster aus», so Huber. Auf seinem eigenen Betrieb rechnet er mit einer um drei Viertel kleineren Ernte als im Vorjahr. Insgesamt erwartet der Aargauer finanzielle Einbussen von rund 40'000 Franken. «Das heisst, wir haben das ganze Jahr für nichts gearbeitet.»
Dank seiner Reserven werde er über die Runden kommen. «Aber das geht nicht allen so.» Viele Bauern litten unter existenziellen Ängsten. Huber verweist auf die hohe Suizidrate in seinem Berufsstand und warnt: «Ich hoffe, dass nichts Schlimmeres passiert.»
Dass die Folgen des Klimawandels deutlich spürbar seien, bestreitet er nicht. Wie gross der menschliche Einfluss auf die Erderwärmung tatsächlich sei, bleibt für den Aargauer aber offen. «Die Gletscherschmelze hat es schon immer gegeben.»
Für Huber ist fraglich, wie viel der Klimaschutz in der Schweiz bewirken könne. «Das ist ein Tropfen auf den heissen Stein.» Trotzdem appelliert er an die Bevölkerung: Beim Essen müsse ein Umdenken stattfinden. Im Winter solle konsumiert werden, was hier verfügbar sei. Wenn Erdbeeren aus dem Süden in die Schweiz geflogen würden, verursache das einen enormen CO₂-Ausstoss.
Weg von fossilen Energien
Grossen Handlungsbedarf sieht auch der SVP-Nationalrat Martin Hübscher (56). Nach der Hitzewelle 2003 habe er seinen Stall umfassend umgebaut und besser belüftet. «Das muss nun auf möglichst vielen Höfen umgesetzt werden.» Zudem müsse die Schweiz in die Forschung an hitzeresistenten Pflanzen investieren.
Der Zürcher unterstützt die Idee, die Importzölle auf Futtermittel vorübergehend zu senken. Doch das könne die Engpässe nur kurzfristig lindern. Denn auch in Frankreich, von wo viel Futter importiert werde, herrsche Trockenheit. Zudem habe die Politik bereits reagiert, indem sie auch IP- und Bio-Bauern erlaube, ihre Tiere während der heissen Tage im Stall zu lassen.
Neben Anpassungsmassnahmen brauche es aber auch Klimaschutz, sagt Hübscher. «Sonst haben wir irgendwann keinen Salat mehr.» Die Schweiz müsse längerfristig von fossilen Energien wegkommen. Dafür brauche es Technologieoffenheit – auch gegenüber der Kernkraft.
Im Hitzesommer schlägt der Ton der SVP-Bauern zum Klimawandel plötzlich um. Denn die Landwirte spüren die Folgen der Erderwärmung auf den Betrieben. Das könnte die Dynamik in der Klimadebatte verändern. Der Druck auf die Parteispitze wächst, sich zur Notlage zu äussern.