Darum gehts
- Der Rhein hat 2026 so wenig Wasser wie seit Jahren nicht
- Bundesrat Albert Rösti betont regionale Verantwortung und Wassermanagement
- Rösti: Schweiz überwacht Trockenheit, Stromversorgung laut Experten gesichert
Freigelegte Kiesbänke, massive Trockenheit, verzweifelte Schiffsführer und Badi-Mitarbeiter, Sorgen um die Stromversorgung. Der Rhein führt so wenig Wasser wie seit Jahren nicht mehr. In einer Serie hat Blick die Folgen der anhaltenden Trockenheit dokumentiert. Doch es bleiben Fragen. Zum Abschluss nimmt Umweltminister Albert Rösti (58, SVP) Stellung. Haben die Behörden die Entwicklung verschlafen?
Blick: Das Wasserschloss Schweiz ist bedroht. Es gibt Kritik, der Bund sei zu wenig vorbereitet. Haben Sie das Thema unterschätzt?
Bundesrat Albert Rösti: Man darf und soll die Natur nie unterschätzen. Daher: Nein, der Bund verfügt über entsprechende Strategien und Fachstäbe, wenn es notwendig ist, Massnahmen national zu koordinieren. So führt er unter anderem ein Trockenheitsmonitoring. Die Umsetzung von Massnahmen muss dann regional differenziert erfolgen – zum Beispiel mit einem Feuerverbot – und liegt in der Verantwortung der Kantone und Gemeinden.
Braucht es künftig bessere Wasserspeichermöglichkeiten?
Ja, aber Speicher allein lösen das Problem nicht. Natürlich können bestehende Wasserspeicher besser genutzt werden, und neue Reservoire können lokal eine wichtige Rolle spielen. Aber um häufigere Sommertrockenheiten wirklich zu bewältigen, müssen wir die Wasserressourcen gut bewirtschaften.
Das heisst?
Der Bund hat den Kantonen dafür ein Vorgehen in drei Schritten vorgeschlagen: Risikogebiete identifizieren, dort die Planung für die Bewirtschaftung der Wasserressourcen erarbeiten und konkrete Notfallpläne für Ausnahmesituationen bereithalten. Schliesslich müssen wir den Wasserbedarf selbst senken: effiziente Bewässerungstechnik, trockenheitsresistentere Kulturpflanzen, standortangepasste Landwirtschaft – das sind zentrale Hebel.
Konkret: Wer erhält zuerst Wasser? Und wer nicht mehr?
Die Kantone sind für die Verteilung des Wassers zuständig. Sie entscheiden je nach Situation, welche Nutzung wie viel Wasser erhält. Das macht auch Sinn, denn die Situationen vor Ort sind sehr unterschiedlich. So etwas lässt sich nicht pauschal «von Bern aus» regeln. In der Praxis wurde bisher immer das Trinkwasser für den täglichen Bedarf der Bevölkerung priorisiert – und das ist auch gut so.
Die Atomkraftwerke stellen ab, die Speicherseen haben weniger Wasser. Welchen Einfluss hat die Hitze auf die Stromversorgung?
Die Hitze hat einen Einfluss auf die Füllstände der Speicherseen, nicht aber auf die Stromversorgung. Die Füllstände sind geringer als in anderen Jahren, aber die für derlei Prognosen zuständige Eidgenössische Elektrizitätskommission beurteilt die Stromversorgung für den nächsten Winter aus heutiger Sicht als gewährleistet.
Wird unser Strom nochmals teurer?
Die Schweiz ist beim Strom stark mit dem Ausland vernetzt. Üblicherweise übernimmt sie daher die Marktpreise der Nachbarländer. Eine etwas höhere oder tiefere Verfügbarkeit der inländischen Wasser- und Kernkraft hat daher nur beschränkt Auswirkungen auf den inländischen Preis. Stärker wirkt aktuell – auch mit Blick auf nächsten Winter – der Einfluss des Gaspreises auf den Strompreis in Europa. Durch den Iran-Krieg und die blockierte Strasse von Hormus sind die Gaspreise auf hohem Niveau, was den Schweizer Strompreis entsprechend negativ beeinflusst.
Die Alpsaison dauert weniger lang. Welche Folgen sehen Sie als Agronom und Berner Oberländer?
Ich sehe das in meiner Verantwortung als Bundesrat. Und da stelle ich fest, dass die Auswirkungen von Hitze und Trockenheit nicht allein das Berner Oberland und die Alpsaison betreffen, sondern die ganze Schweizer Landwirtschaft, die wirtschaftliche Einbussen erleidet. Der Transport von Wasser auf die Alpen oder der Futterzukauf, wenn frühzeitig abgealpt werden muss, sind mit hohen Kosten verbunden. Auch die Mindererträge beispielsweise im Ackerbau im Mittelland drücken auf die Wirtschaftlichkeit. Als Agronom mache ich mir Überlegungen, mit welchen Anpassungsstrategien die Landwirtschaft dem sich verändernden Klima wird begegnen können. So erarbeiten wir zurzeit ein Gesetz zur Anwendung neuer Züchtungstechnologien, zum Beispiel um den Anbau hitzeresistenter Sorten zu ermöglichen.
Rhein, Rhone, Ticino – die Flüsse gehen ins Ausland. Haben die Nachbarländer schon angeklopft und Sie gemahnt, nicht zu viel zu verbrauchen?
Die Länder flussabwärts wissen: Die aktuelle Trockenheit ist ein klimatisches Phänomen – sie lässt sich nicht auf den Wasserverbrauch in der Schweiz zurückführen. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn ist uns wichtig und wir pflegen sie aktiv. Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas – und wir nehmen diese Verantwortung sehr ernst.