Darum gehts
- Bodensee-Pegel 1,20 Meter tiefer als normal, Boote betroffen.
- Hafen Bottighofen bietet 240 Plätze, Warteliste komplett gefüllt.
- Wasserstand sinkt täglich 1,5–2 cm, Regen erst ab Mitte August erwartet.
Im Bodensee fehlt Wasser – und zwar viel. Der Hauptzufluss Rhein bringt viel zu wenig. Wegen der anhaltenden Trockenheit ist der Bodensee-Pegel im Schnitt rund 1,20 Meter tiefer als normal – und das ist deutlich sichtbar. Teilweise ist das Wasser meterweit vom Uferrand entfernt. Dazwischen: Kies, lehmige Flächen oder Schilf.
Das fordert die Hafenmeister enorm und stellt Bootsbesitzer vor grosse Probleme. Allen voran jene von Segelbooten, die viel Wassertiefe benötigen.
Bootsbesitzer sind besorgt
In Mammern TG sind die Boote an Bojen befestigt, die Bojen sind die «Parkplätze» der Boote. «Der grösste Teil der rund 130 Plätze hat noch genug Wasser», sagt Hafenmeister Martin Hanhart (58). In Ufernähe habe er einige Boote umplatziert, nun seien alle Alternativen ausgeschöpft. «Ein paar Leute müssen ihre Schiffe bald aus dem Wasser nehmen», sagt er besorgt.
Jeden Morgen schaue er im Internet nach dem aktuellen Wasserstand. Aktuell sei der Pegel um 30 Zentimeter tiefer als vor einem Jahr.
Wegen des tiefen Wasserstands konnten einige Leute ihre Boote dieses Jahr gar nicht erst einwassern. So zum Beispiel Michael Good (61). «Dort wo meine Boje ist, ist das Wasser nicht tief genug», sagt er.
Diese Entwicklung mache ihm Sorgen: «Schwankungen hat es in den letzten Jahrzehnten immer gegeben, aber noch nie in diesem Ausmass.» Er befürchtet, dass sich die Situation gar nicht mehr richtig erholt. «Der Bodensee ist nicht reguliert, er hat einen offenen Zu- und Abfluss. Deshalb sieht man hier die Umwelteinflüsse ganz deutlich», sagt Good und hofft auf viel Regen, damit sich der Wasserstand im See erholt.
Hafenmeister Hanhart, wagt einen Blick in die Zukunft. Wenn es so weitergehe wie jetzt, müsse man wohl viele der Bojen weiter in den See hinausversetzen. Dafür bräuchte es allerdings einen Entscheid auf politischer Ebene, da die Bojenplätze dem Kanton gehören. Ob das geschieht? Fraglich.
Die aktuelle Situation sei besorgniserregend und mühsam. Hanhart sagt: «Täglich rufen mich besorgte Bootsbesitzer an, die nach Alternativen suchen.»
Alle wollen nach Bottighofen
Auch das Telefon von Michael Settekorn (63) klingelt diesen Sommer Sturm. Er ist Hafenmeister in Bottighofen TG. «Alle sind verzweifelt und betteln mich um einen Platz im Hafen an», sagt er. Aber: «Alle 240 Schiffsplätze sind belegt und die Warteliste ist voll.»
Bottighofen sei einer der wenigen tieferen Häfen am Bodensee. Im Jahr 2009 wurde der Hafen ausgebaggert und ist laut Settekorn nun rund 2,30 Meter tief. Seine Plätze seien deshalb sehr gefragt.
Warum baggern dann nicht auch die anderen Häfen aus? Weil das nicht so einfach ist. Der Prozess ist langwierig, denn alles, was auf dem Grund liegt, gilt als Sondermüll und muss deshalb speziell abgetragen, gelagert und untersucht werden. Zudem müsste der Kanton die Bauarbeiten zuerst bewilligen.
Einer, der es nach Bottighofen geschafft hat, ist Stefan Süss (56) aus Kreuzlingen TG. Normalerweise liegt sein Segelboot in Kreuzlingen. Wegen des Wasserpegels musste er sein Regattaboot dieses Jahr aber bereits mehrmals umplatzieren.
In Bottighofen konnte er temporär einen Platz von einem anderen Boot nutzen, das in Reparatur musste. Weil diese Frist bald abläuft, hat Süss ein neues Problem: «Ich fliege für zwei Wochen in die Ferien und brauche unterdessen einen sicheren Platz für mein Boot.» Weil dies im Hinblick auf fehlenden Niederschlag auch in den kommenden Tagen schlecht aussieht, bleibt ihm nur eine Möglichkeit: «Ich muss das Boot auswassern und hoffen, dass bis Mitte August Regen kommt, damit ich es wieder in Kreuzlingen einwassern kann.» Die ständige Unsicherheit strapaziere seine Nerven.
Die Wettervorhersage lässt allerdings nicht gross hoffen. «Bis am 6. August gibt es praktisch keinen Niederschlag», liest Hafenmeister Settekorn ihm die Prognose vor. Die beiden rechnen: «Mit jedem Tag fehlen 1,5 bis 2 cm mehr Wasser im See.» Die Zeichen stehen auf grosse Probleme.
Kein Wasser im Hafen Triboltingen
Probleme, die Martin Spühler (67) aus Engwilen TG schon hat. Sein Bootsplatz in Triboltingen TG ist komplett ausgetrocknet. Zwischen Wasser und Ufer – ein lehmiger Untergrund, der sich weit über 50 Meter erstreckt.
Sein Motorboot steht deshalb nach wie vor bei ihm zu Hause an Land. Weil er es Ende Juli für die amtliche Schiffsprüfung vorführen muss, sucht er nach einem Ort zum Ein- und auswassern. «Wenn es die nächsten Jahre so weitergeht, werde ich das Boot vielleicht verkaufen», so Spühler.
Gäste bleiben der Strandbadi fern
Auch das Strandbad Ermatingen im Kanton Thurgau spürt die Auswirkungen des Wassermangels im See deutlich. «Wir dachten, wir sind nur wetterabhängig. Aber jetzt sind wir auch wasserabhängig», sagt Badi-Mitarbeiter Maksym Bryliak (20).
Seit rund vier Wochen bleiben die Badegäste aus. «Es sieht nicht einladend aus», so Bryliak. Am Ufer sammeln sich Algen und der Steg, der durchs Wasser führen sollte, ragt aus dem See hinaus.
«Die Leute gehen deshalb lieber in ein Schwimmbad, um sich abzukühlen, und wir sitzen den halben Tag nur herum und warten auf Kundschaft», sagt er. Genauso, wie Europa auf Niederschläge wartet, denn der Wassermangel im Rhein hat nicht nur im Bodensee negative Auswirkungen.