Darum gehts
- 50 bis 60 Prozent zu wenig Regen und Schnee im Frühling und Winter
- Im Sommer fliessen nur 50 Prozent des üblichen Rheinwassers
- Gold-Gusti sucht seit 38 Jahren in Disentis GR nach Gold, Niedrigwasser hilft
Mit einer Schaufel sticht ein Mann am Ufer des Vorderrheins ins Wasser. Sand und Steine schöpft er in eine Schüssel. Auf seiner Mütze steht «Rhein-Gold». Der Mann darunter ist Gold-Gusti (72) aus Disentis GR. «Lass uns waschen und vielleicht haben wir Glück», erklärt Gold-Gusti, der Gruppen im Goldschürfen anleitet und mit bürgerlichem Namen August Brändle heisst.
Er watet durchs Wasser und setzt sich mit der Goldwaschschüssel auf einen Stein. Langsam taucht er sie ins Wasser, hebt sie hoch und dreht sie im Uhrzeigersinn. Seit 38 Jahren sucht Gold-Gusti in Disentis nach Edelmetall. «Früher war der Rhein eine Goldgrube», erinnert sich der gebürtige Stadtzürcher. Und heute? Gold-Gusti lacht, wäscht weiter und sagt: «Das sehen wir gleich.»
Halb so viel Wasser wie normal
Der tiefe Wasserpegel kommt ihm entgegen. «Dank des Niedrigwassers kommen wir an Gold, das bei Hochwasser nicht erreichbar wäre», erklärt der 72-jährige Goldwäscher.
Die Trockenheit in der Schweiz hinterlässt auch im Quellgebiet des Rheins trockene Böschungen, Sandbänke und Steine. Halb so viel Wasser wie normal fliesst aus den Bündner Bergen den Rhein hinab. «Das ist viel zu wenig für diese Jahreszeit», sagt Hydrologin Manuela Brunner besorgt. «Die Menschen müssen sich dieser Situation anpassen, aber den Rhein selber kümmert das nicht.»
Die Wissenschaftlerin des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos GR und der ETH Zürich sieht die gute und die schlechte Seite. Tiefe Wasserpegel und Abflussmengen oder ausgetrocknete Gewässer kommen wegen klimatischer Schwankungen vor. «Diese Störungen sind natürlich, aber aussergewöhnlich für diese Jahreszeit», erklärt Brunner.
Niedrigwasser, wie aktuell am Rhein, gibt es jedes Jahr. Aber: meist im Winter. Im Winter bleibt der Niederschlag gefroren als Schnee in den Bergen liegen. «Wenig Wasser ist dann herausfordernd, wenn das Wasser so intensiv genutzt wird wie jetzt im Sommer», erklärt Brunner.
An der Albula, einem Zufluss des Rheins, steigt Hydrologin Brunner ans Wasser. «Etwa hier», sagt sie und zeigt auf einen Stein. Der Wasserpegel im Juli sollte doppelt so hoch sein. «Wenn ich sehe, welche Auswirkungen dieser Zustand für die Menschen flussabwärts hat, bin ich betroffen», sagt die Professorin.
Leuchtturm und Rheinfrachter liegen trocken
Was sie bisher in der Theorie erforschte, sieht Brunner in diesem Sommer «in Aktion». Sie zückt ihr Telefon und fotografiert den Fluss zur Dokumentation und Schulung.
Der Oberalppass zwischen Andermatt UR und Sedrun GR steht nicht nur symbolisch für den Ort der Quellen. Im Gotthardmassiv entspringen vier grosse Flüsse – neben dem Rhein auch die Reuss, der Ticino und die Rhone.
An diesem Juli-Tag stoppen deutsche und niederländische Camper, Töff- und Velofahrende auf dem Pass vor dem rot-weissen Leuchtturm. Nebenan liegt ein Miniatur-Rheinfrachter trocken auf einem Felsen. Beide stehen symbolisch für den Weg des Rheinwassers von hier 1233 Kilometer bis in die Niederlande.
Im Quellgebiet fliesst das Wasser zügig den Hang herunter, an Blumen, Büschen und Brücken vorbei. Fakt ist: Im Rhein fliesst nur halb so viel Wasser wie üblich im Juli. Messstationen am Vorderrhein in Ilanz GR und am Alpenrhein in Domat/Ems GR zeigen das.
Es ist kein lokales Phänomen, sondern zeigt sich im gesamten Alpenraum und der Schweiz, erklärt Hydrologin Brunner. Was hilft? «Akut wären deutlich mehr als 100 Millimeter Regen während mehrerer Tage nötig», so die Forscherin.
«Wasserspeicherung wird relevant»
Planbar und verlässlich werde der Regen im Sommer und der Schnee im Winter nicht. Mit dem Klimawandel werde die Wasserverfügbarkeit unberechenbarer, so Brunner. «Wir müssen darüber nachdenken, wie wir am Rhein und anderen Schweizer Gewässern in Zukunft mit dem Wasser umgehen.»
«Die Speicherung und umsichtige Nutzung des Wassers wird in den nächsten Jahren relevant für das Wasserschloss Schweiz», meint Manuela Brunner vom SLF. Die Schneedecke und Gletscher werden in Zukunft deutlich weniger Wasser speichern. Die Folge: «Alternative Speichermöglichkeiten erlangen eine grössere Bedeutung.»
Das gelte nicht nur für natürliche Gewässer, sondern auch für Stauseen. Dort wird über den Sommer das Wasser für die Stromproduktion im Winter gestaut. Brunner fragt sich: «Ob ein Teil des Wassers nicht auch für Wassernutzungen flussabwärts verfügbar gemacht werden könnte?» Denn: Was bringen volle Stauseen im Sommer, wenn das Land vertrocknet?
Dezentrale Wasserspeicher
Für Kantone im Flachland ohne direkte Anbindung an die grossen Alpenflüsse hätte das wenig Effekt. Brunner spielt mit dem Gedanken, mehr dezentrale Wasserspeicher zu bauen. «In diesen Teichen könnte als Beispiel eine Bäuerin ihr Wasser sammeln und später die Felder damit bewässern», erklärt die Hydrologin. Damit könne man die natürlichen Gewässer bei Trockenheit besser schonen.
Diese werden künftig noch mehr an ihre Grenzen stossen. Deshalb müsse sich die Schweiz ihrer Verantwortung als Wasserschloss Europas bewusst sein, findet Brunner. «Wenn der Rhein von Trockenheit betroffen ist, hat dies einen grossen Effekt auf Europa.»
Zurück in Disentis beim Gold-Gusti: Seine Schüssel ist mittlerweile leer. Strahlendes Gold hat er nicht. Der 72-Jährige erzählt, wie die Goldsuche früher öfter erfolgreicher ausgegangen sei. Spass hat er trotzdem. Kurze Zeit später holen seine Gäste ein 0,1 Gramm schweres Gold-«Nuggetli», wie er sagt, heraus. Für Gusti ist das Niedrigwasser also nicht dramatisch – im Gegensatz zu anderen Menschen, die Blick auf dieser Rhein-Serie noch antreffen wird.