Darum gehts
In der Schweiz wird es immer heisser. Das fühlt sich nicht nur so an, sondern ist tatsächlich so. Um 2,9 Grad ist die jährliche Durchschnittstemperatur gegenüber der vorindustriellen Zeit gestiegen. Bemerkenswert: Das ist mehr als doppelt so viel wie die globale Klimaerwärmung von 1,4 Grad in der gleichen Zeitspanne.
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Und in diesem Stil geht es auch weiter. Wenn der CO₂-Ausstoss nicht drastisch sinkt, wird sich die Erde bis 2065 um bis zu 3 Grad durchschnittlich erwärmen. Die Schweiz sogar um 4,9 Grad. In vielen umliegenden Ländern ist die Situation ähnlich. Europa ist nämlich der Kontinent, der sich weltweit am stärksten erwärmt.
Szenarien bewahrheiten sich
News sind das nicht. Es bewahrheiten sich Szenarien, von denen Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler schon seit Jahren sprechen. An der Pressekonferenz zu den aktualisierten Klimaszenarien von ETH Zürich und Meteo Schweiz Ende 2025 sagte Klimaforscher Reto Knutti: «Die Schweiz ist ein Hotspot des Klimawandels. In Mitteleuropa sind die Veränderungen ausgeprägter als fast überall auf der Welt.»
Der langfristige Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen wird durch den menschengemachten Ausstoss von Treibhausgasen verursacht. Dabei ist es egal, wo in der Welt sie ausgestossen werden. Gewisse Faktoren sorgen aber dafür, dass sich das Klima regional sehr unterschiedlich verändert. Dass die Erwärmung in Europa so viel stärker ist, hat laut Klimawissenschaftlern vier Hauptgründe:
- Generell erwärmen sich Landmassen stärker als die Ozeane, die das Klima eher abkühlen und die Durchschnittstemperatur nach unten ziehen. Das heisst, in fast allen Ländern ist die Erwärmung überdurchschnittlich. Aber noch lange nicht so weit über dem Durchschnitt, wie es in Europa der Fall ist.
- Einen kleinen Anteil an der aussergewöhnlichen Temperaturerhöhung in Europa hat der sogenannte Albedo-Effekt: Früher haben Schnee und Gletschereis die Sonnenstrahlen stärker reflektiert und so eine Erwärmung verhindert. Jetzt, wenn Schnee und Eis verschwinden, fällt dieser Effekt zunehmend weg, und der Boden absorbiert die Wärme. Besonders stark ist das in gebirgigen Ländern wie der Schweiz der Fall.
- Die Wettermuster haben sich in Europa verändert. Deshalb ist die Erwärmung stärker, und es kommt häufiger zu intensiveren Hitzewellen.
- Und ironischerweise hat sich Zentraleuropa besonders stark erwärmt, weil man es geschafft hat, ein anderes Problem zu lösen, nämlich die Luftqualität zu verbessern. Die Schadstoffe in der Luft haben zuvor das Sonnenlicht reflektiert. Seit Europa die Luftverschmutzung im Griff hat, kommt die Energie der Sonnenstrahlen ungehindert auf den Boden und heizt ihn auf.
Ab dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 1970er-Jahre habe man mit der schlechten Luft die Erwärmung in Europa quasi unterdrückt, erklärt Reto Knutti dem Beobachter. Als man das Problem dann ab den 1980ern anging, habe sich Europa deutlich erwärmt. «Die Luftreinhaltung ist einer der Haupteffekte, die Europa bei der Klimaerwärmung von anderen Kontinenten unterscheiden», sagt Knutti. Aber das sei ein einmaliger Effekt gewesen, und jetzt, wo die Luft mehr oder weniger sauber ist, werde es nicht mehr so weitergehen. «In Zukunft wird Europa sich deshalb nicht mehr doppelt so stark erwärmen wie der globale Durchschnitt, aber immer noch deutlich stärker.»
Hitze, Trockenheit und heftige Niederschläge
Ist das Klima in der Schweiz also bald so wie in Rom oder Marrakesch? So pauschal könne man das nicht sagen, sagt Reto Knutti. Wenn man Veränderungen über verschiedene Jahreszeiten und mehrere Variablen wie etwa Temperatur und Niederschlag berücksichtige, könne man für die meisten Orte nicht sagen, dass sie klimatisch auf Ort XY «hinsteuern». «Wir bewegen uns aber zumindest im Sommer in Richtung Mittelmeerklima mit höheren Temperaturen, tendenziell weniger Niederschlag, erhöhter Verdunstung und grösserer Trockenheit, mehr und intensiveren und längeren Hitzewellen, höherem Waldbrandrisiko und mehr Starkniederschlägen – also genau, was wir 2026 erleben.»
Was für ganz konkrete Auswirkungen eine 4,9-Grad-Erwärmung für die Schweiz hat, lässt sich heute nicht sagen. Aber dass sie einschneidend werden, ist klar. Nur schon wegen der diesjährigen Juni-Hitzewelle sind in Europa 10’000 Menschen zusätzlich gestorben.
44 Tage Waldbrandgefahr
Eindrücklich zeigt sich die prognostizierte Veränderung bei der Nullgradgrenze im Winter: Lag diese um 1900 noch in Zürich bei 420 Metern, wäre sie bei einer 4,9-Grad-Erwärmung in Andermatt auf 1450 Metern, also rund einen Kilometer höher. Gletscher gibt es dann kaum mehr. Der auftauende Permafrost macht die Berge bröckeliger. In Lugano wird es statt wie heute 25 ganze 57 Tropennächte geben. In Sitten gibt es dann statt wie heute 23 ganze 44 Tage Waldbrandgefahr, so die Szenarien.
Die Klimaveränderung ist praktisch irreversibel. Man könne nicht einfach ein bisschen «überschiessen» und nachher wieder aufräumen, und ein paar Jahre später sei alles gut, wie etwa bei gewissen Luft- oder Wasserverschmutzungen in der Vergangenheit, so Knutti. Das CO₂ ist langlebig und zerfällt nicht.
Es bleibt über Jahrhunderte in der Atmosphäre. «Ist die Erwärmung da, ist der einzige Weg, sie wieder wegzubringen, das CO₂ wieder aktiv aus der Luft rauszuholen», sagt Reto Knutti. «Die dafür benötigten Technologien existieren zwar im Prinzip, sind aber teuer und noch nicht skalierbar. Es ist absurd und blauäugig, nur darauf zu setzen.»
Viele der Auswirkungen des Klimawandels können mit Klimaschutz vermieden oder zumindest abgeschwächt werden. «Jedes Zehntelgrad zählt» lautet darum das Mantra der Klimawissenschaft. In wenigen Monaten präsentiert der Bundesrat den Plan fürs neue CO₂-Gesetz. Darin könnte er ambitioniertere Massnahmen vorschlagen. Die 4,9-Grad-Erwärmung zu verhindern, wäre offensichtlich im Eigeninteresse der Schweiz.