Darum gehts
- Albert Rösti erholt sich nach Rücken-OP, hat aber weiterhin Schmerzen
- Hitzestress gefährdet ältere Menschen stärker als Naturkatastrophen wie Steinschläge
- Rösti kauft Volvo EX90, setzt auf CO2-freien Strom durch Kernenergie
Blick: Herr Bundesrat, wie geht es Ihnen nach Ihrer Rückenoperation?
Albert Rösti: Ganz gut. Es dauert noch länger, bis alles verheilt ist. Ich habe noch immer Schmerzen, vor allem nachts. Aber das wird schon wieder gut. Ich bin den Ärzten und dem Gesundheitspersonal im Balgrist sehr dankbar für ihre Arbeit.
Sie lieben das Bad in der Menge. Wie war es für Sie, Homeoffice machen zu müssen?
Schwierig (lacht)! Ich habe den direkten Austausch mit meinem Team, den Bundesratskollegen und mit den Menschen vermisst.
Was haben Sie im Krankenbett über sich selbst gelernt?
Ich sollte alles etwas gelassener nehmen! Ich wollte mich erst nicht krankschreiben lassen. Doch dann ging gar nichts mehr. Wenn Sie feststellen, dass Sie begrenzte Ressourcen haben und die Gesundheit nicht mehr mitmacht, verschieben sich die Prioritäten. Der Laden lief trotzdem. Das lehrt Gelassenheit.
Sind Sie auch gelassen, wenn Sie an Klimastress denken?
Ich kann mit dem Begriff wenig anfangen, weil das Klima nicht kurzfristig beeinflusst werden kann. Ich würde eher von Hitzestress sprechen oder von Nässestress – das sagt man ja auch in der Biologie. Die Menschen bewegt der Hitzestress. Wir stellen fest: Das Klima verändert sich.
Welche Massnahmen haben Sie wegen der Hitzewelle angeordnet?
Kurzfristige Massnahmen sind Sache der Kantone und Gemeinden. Wir beraten und unterstützen über das Bundesamt für Umwelt. Aber der Städtebau muss angepasst werden. Wir dürfen nicht alles versiegeln. Grosse Flächen dürfen nicht nur aus Asphalt bestehen. Plätze brauchen Bäume, damit die Menschen Schatten haben.
Was beunruhigt Sie am meisten?
Die Risikoanalyse des Bafu zeigt, dass das Risiko, wegen der Hitze Schaden zu nehmen, grösser ist als zum Beispiel beim Steinschlag. Bei Naturkatastrophen, die vom Auftauen des Permafrosts bedingt sind, denken wir an Blatten oder das Maggiatal. Hier sind Schäden sofort sichtbar. Doch für vulnerable Menschen ist die Gefahr grösser, an Hitze zu sterben. Das müssen wir ernst nehmen – ich denke besonders an Leute mit Kreislaufproblemen und an ältere Menschen.
In Europa sterben doppelt so viele Menschen an Hitze wie im Verkehr. Warum haben Sie nicht wie Ihre europäischen Kollegen vor der Hitzewelle gewarnt?
Dazu muss nicht ein Bundesrat das Rampenlicht suchen. Der Bund warnt vor Hitze. Meteo Schweiz macht das professionell. Die Bevölkerung wird gewarnt und Verhaltensempfehlungen werden herausgegeben.
Aber wir haben ein Hitzeproblem!
Darauf sind Bund und Kantone vorbereitet. Nebst den Informationen von Meteo Schweiz gibt es eine Trockenheitsplattform, die alle Informationen bündelt, damit Kantone und Gemeinden die notwendigen Massnahmen ergreifen können. Zum Beispiel, wenn die Kühe auf den Alpen kein Wasser mehr haben. Wir können jederzeit den Krisenstab Trockenheit unter der Leitung meines Generalsekretärs aktivieren. Die aktuelle Lage erfordert dies aber noch nicht.
Warum laden Sie Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone und Bauernpräsident Markus Ritter nicht zu einem Gespräch ein, um über konkrete Massnahmen zu diskutieren? Das Wetter beschäftigt rechts wie links.
Natürlich diskutiere ich mit beiden, wenn es um eine Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Dekarbonisierung oder um sonstige Anpassungsmassnahmen geht. Die kurzfristig möglichen Massnahmen sind vorbereitet und liegen in der Umsetzung in der Verantwortung der Kantone und Gemeinden.
In Ihrer Partei gibt es Menschen, die den Klimawandel leugnen. Was sagen Sie denen?
Ich glaube nicht, dass in der SVP jemand den Klimawandel leugnet. Es geht wohl eher um die Frage, wie stark der Mensch den Klimawandel beeinflusst. Für mich ist klar: Es gibt den Klimawandel – das spürt jeder in der Schweiz! Der Bundesrat arbeitet intensiv an der CO2-Verminderung und dem Ausstieg aus den fossilen Energien. Deshalb unterstützen wir auch die Aufhebung des Verbots für die Bewilligung neuer Kernkraftwerke, damit wir langfristig genug CO2-freien Strom haben. Etwas, was übrigens auch die SVP im Parlament einstimmig unterstützt hat.
Frankreich musste einen Teil seiner Reaktoren wegen der Hitze abstellen.
Wir brauchen die Kernenergie vor allem im Winter, denn dann haben wir ein Stromproblem. Und im Winter ist Kühlung kein Problem. Das ist übrigens eine neue Erkenntnis der neusten Studie der ETH und des Paul Scherrer Instituts: Eine Kombination aus Solar- und Kernenergie ist gut kompatibel und stärkt unsere Energiesicherheit.
Das Volk hat wichtige SVP-Anliegen zur Migration oder zur SRG abgelehnt. Glauben Sie wirklich, Sie können ein so polarisierendes Thema wie neue AKW gewinnen?
Die Abstimmung wird selbstverständlich herausfordernd. Aber wenn wir eine langfristig sichere Stromversorgung wollen und auf Souveränität und Unabhängigkeit setzen, dann bietet die Kernenergie Chancen. Als Energieminister ist es meine Pflicht zu sagen: Lasst uns die Optionen öffnen! Nicht, weil ich ein AKW-Fan bin, sondern weil ich befürchte, dass wir langfristig nicht genügend erneuerbaren Strom gewinnen können. Und in der heutigen Welt der geopolitischen Verwerfungen auf Importe angewiesen zu sein, fände ich fahrlässig.
Ihr Abstimmungsbüchlein zum Autobahnausbau war falsch – Sie haben sich über eine Milliarde verschätzt. Bei den AKW gehts auch um viel Geld. Warum sollten wir Ihren Zahlen trauen?
Beim Autobahnausbau waren die Zahlen nicht falsch. Sie entsprachen dem Preisstand 2020, also genau jener Grundlage, auf der das Parlament entschieden hat. Das wurde transparent in der Botschaft ausgewiesen.
2024 haben Sie angekündigt, ein schwedisches E-Auto zu kaufen.
Tatsächlich bekomme ich in zehn Tagen ein E-Auto: einen Volvo EX90. Ich habe zu Hause eine Ladestation – von daher klappt das mit den E-Autos ganz wunderbar.
Das Luxushotel Palace in Gstaad hat eine Bewilligung für Klimaanlagen gestellt. Selbst im Berner Oberland ist es zu heiss!
Ich höre öfter, dass die Menschen jetzt Klimaanlagen kaufen wollen. Ich würde da jetzt nichts übereilen. Wir hatten eine gute Woche Hitze – aber es wird auch wieder kühlere Sommer geben. Man muss sich langfristig gut einrichten, da helfen auch gute Dämmung und Isolation. Das hilft im Sommer und im Winter und braucht weniger Energie.
Machen Ihnen die Temperaturrekorde keine Angst?
Wem nutzt Angst? Ich habe auch keine Angst vor einem Steinschlag, der sich jederzeit irgendwo im Berggebiet ereignen könnte. Aber ich habe Respekt vor Hitzewellen, und wir müssen die nötigen Massnahmen treffen. Wir müssen vor allem alte Menschen, Spitäler und Heime gut schützen.
Haben Sie zu Hause eine Klimaanlage?
Nein, aber unser Haus ist sehr gut isoliert. Über das Gebäudeprogramm unterstützen Bund und Kantone Massnahmen, um das Haus gut zu isolieren. Wenn man Türen und Fensterläden tagsüber schliesst, kann man zusätzliche Hitze verhindern.
In Deutschland fordern die Grünen, Schulen, Kliniken und Heime mit Klimaanlagen auszustatten. Was denken Sie darüber?
Für mich haben gute Gebäudehüllen Priorität, aber letztlich liegen solche Massnahmen in der Verantwortung der Kantone und Gemeinden.
Sprechen wir noch über die USA. Warum haben Sie Ihre Amerika-Ferien abgesagt?
Unser Sohn und unsere Schwiegertochter leben in den USA. Wir wollten sie im Sommer besuchen. Für meinen Rücken wäre ein Transatlantikflug aber eine Zumutung.
Der Bundesrat hat erklärt, dass er die Zulassung von US-Autos lockern will. Haben wir künftig Monsterautos auf Schweizer Strassen?
Nein, das Abkommen betrifft Fahrzeuge bis 2,7 Tonnen. Zudem gilt: Die Verkehrssicherheit hat für den Bundesrat oberste Priorität. Auch künftig werden nur Fahrzeuge zugelassen, welche die geltenden Sicherheitsanforderungen erfüllen.
Digitale Plattformen könnten noch für Ärger mit Washington sorgen. Bundesrätin Baume-Schneider will den Jugendschutz verstärken, Bundesrat Jans warnt vor Identitätsdiebstahl. Sie waren bislang sehr zahm. Wer setzt sich am Ende durch?
Wir sind mitten in der Auswertung der Vernehmlassung. Wir haben ein relativ schlankes Gesetz präsentiert – entsprechend umstritten ist es zwischen jenen, die gar nichts verschärfen wollen, und jenen, die alles regeln möchten. Wichtig ist, dass Plattformen eine Ansprechperson haben, an die man sich wenden kann. Es kann nicht sein, dass ein Account gesperrt wird, und man weiss nicht, wie man sich dagegen wehren kann. Und wir werden den Jugendschutz höher gewichten.
Sind Sie für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche?
Verbote finde ich schwierig – junge Menschen finden Wege, Verbote zu umgehen. Ausserdem sollen sie einen kritischen Umgang mit Social Media lernen. Aber es kann nicht sein, dass Teenager plötzlich nackte Deepfakes über sich selbst im Netz finden oder gestalkt werden. Wir überlegen, was die richtigen Instrumente sind.