Darum gehts
- Klimaaktivisten störten Albert Rösti in Luzern mit lauten Protesten
- Schweiz wurde seit der vorindustriellen Zeit um fast 3 Grad wärmer
- Zwei Drittel der Blick-Leser machen sich grosse Sorgen wegen der Hitze
«Rösti, Rösti! Wir lassen uns nicht rösten!» Laut und wütend stellte sich in Luzern ein Grüppchen von Klimaaktivisten vor den Umweltminister. In einer Demokratie könne jeder seine Meinung äussern, sagte Albert Rösti (58) mit seinem Rösti-Lächeln. «Das ist keine Meinung, das sind Fakten!», schäumte die Anführerin. Doch die Wutrede im Greta-Thunberg-Ton verwehte im Sommerwind.
Je höher die Temperaturen steigen, desto weniger Gehör findet die Klimabewegung.
Zuerst stritt man darum, ob es den Klimawandel gibt. Dann darüber, ob und wie man ihn aufhalten kann. Heute ist er einfach da. Die Schweiz ist seit der vorindustriellen Zeit um fast drei Grad wärmer geworden – doppelt so viel wie im globalen Durchschnitt. Sommer für Sommer fallen neue Hitzerekorde. In der zweiten Junihälfte erlebte die Schweiz eine zwölftägige, historische Hitzewelle.
In einer Umfrage machen sich zwei Drittel der Blick-Leserschaft wegen der neuen Hitzerealität mittlere bis grosse Sorgen. Zu spüren bekommen sie alle: die Lehrerin, die mit ihren Schülern bei 35 Grad lernen soll – in einem Klassenzimmer ohne Klimaanlage, weil die Gemeinde das nicht vorgesehen hat. Der Bauarbeiter, der im Glutofen schuftet, weil der Bau nicht stillsteht. Die Seniorin im Altersheim, die der Hitze nicht entkommt, weil Schatten und Kühlung fehlen. Der Bauer, der auf ausgedörrte Felder blickt und sich fragt, was der nächste Sommer bringt.
Die Schweiz hat in den letzten Jahren viel Energie in Klimapolitik gesteckt – und den Streit darüber. In die Vorbereitung auf die neue Klimarealität dagegen floss zu wenig. Dabei war sie absehbar wie das Gewitter nach einem schwülheissen Sommertag.
Ausgerechnet die rot-grün regierten Städte trifft es besonders hart. Gerade sie haben viel versäumt. Versiegelte Innenstädte und zu wenig Grün machen urbane Gebiete im Hochsommer zu Hitzeinseln.
Sind wir beim Schutz vor Extremwetter unwissend oder unbeholfen? Wetterguru Jörg Kachelmann (67) lässt in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» ein Donnerwetter über die Schweiz niedergehen: «Zynisch und menschenverachtend» nennt er das Bundesamt für Gesundheit, weil es fälschlicherweise rate, tagsüber die Fenster zu schliessen, um die Hitze auszusperren. Wegen der Feuchtigkeit mache das alles nur gefährlicher. Auch ernsthafte Warnsysteme vermisst der Meteorologe. Badis und Sportplätze würden bei Gewittern viel zu spät evakuiert.
Am schlimmsten findet Kachelmann aber, dass in Altersheimen und Spitälern Menschen an Hitze sterben, «nur weil Klimaanlagen und Wärmepumpen als Stromfresser verteufelt werden».
Klimaanlage als Symbol der Kapitulation
Klimaanlagen waren in unseren Breitengraden lange verpönt. Man blickte auf Amerika mit seinen verschwenderisch heruntergekühlten Gebäuden – und schüttelte den Kopf.
Das hat sich mit der letzten Hitzewelle schlagartig geändert. Klimaanlagen sind ausverkauft, die Nachfrage treibt die Preise hoch. So wird die Klimaanlage zum Symbol der Kapitulation vor dem Klimawandel.
Nicht nur der rot-grüne Städter spürt die neue Klimarealität. Auch den konservativen Bauern holt sie ein. Wer wegen Ernteausfällen nach Subventionen ruft, kann sich dem Klimaschutz schwer verweigern.
Bitte einmal durchlüften!
Die neue Klimarealität zwingt die Schweiz zum Durchlüften. Auch politisch. Weniger Ideologie, mehr Pragmatismus sind gefragt. Grün statt Beton in den Städten. Schattenspendende Bäume statt Zierbäumchen. Klimaanlagen in Schulen und Altersheimen. Flexible Arbeitszeiten bei extremer Hitze.
Wenn der Mensch die Natur nicht verändern kann – oder nicht will –, dann muss er sich ihr eben anpassen. Der Überlebenstrieb ist bei den meisten stärker als das feste Weltbild.
Gegen Rösti demonstrieren darf man deswegen ja trotzdem noch.