Darum gehts
- Schweiz erlebt Hitzesommer mit Juni-Temperaturrekorden
- Extreme Sommer mit bis zu 45 Grad möglich
- Klimaforscher fordern, dass Schweiz Treibhausgase senken muss
Die Schweiz erlebt einen Hitzesommer historischen Ausmasses. Fast zwei Wochen lang hielt die Hitze das Land fest im Griff und sorgte landesweit für neue Temperaturrekorde. An der Messstation Basel-Binningen wurden 39,0 Grad gemessen – so viel wie noch nie im Juni. Auch an zahlreichen weiteren Messstationen wurden Juni- oder gar Allzeitrekorde registriert.
Für die ETH-Klimawissenschaftlerin Sonia I. Seneviratne (52) kommen die aktuellen Rekorde nicht überraschend. Hitzetage träten in der Schweiz und weltweit immer häufiger auf und würden gleichzeitig intensiver. Ursache sei der menschengemachte Klimawandel.
Bis zu 45 Grad
Klimamodell-Daten zeigen: Sollte die globale Durchschnittstemperatur um rund drei Grad steigen, wären Höchsttemperaturen von bis zu 45 Grad möglich. «Die extremen Sommer von heute könnten in wenigen Jahrzehnten als vergleichsweise normale Sommer gelten», sagt Thomas Frölicher, Klimaforscher und Professor an der Universität Bern.
Neben der Hitze nehmen auch andere Wetterextreme zu. Starkniederschläge und Überschwemmungen stehen ebenfalls im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit speichern, wodurch intensivere Niederschläge wahrscheinlicher werden.
Schweiz muss handeln
Von den Folgen des Klimawandels ist die gesamte Schweiz betroffen, allerdings auf unterschiedliche Weise: Städte leiden unter dem Wärmeinsel-Effekt, weil Asphalt und Gebäude Wärme speichern und nachts nur langsam abgeben. Im Mittelland verschärfen Trockenperioden den Druck auf Landwirtschaft und Wälder. In den Alpen führen schmelzende Gletscher und auftauender Permafrost zu instabilen Hängen, während Starkregen Murgänge und Überschwemmungen begünstigt.
Beide Forschenden sehen daher dringenden Handlungsbedarf. Aus wissenschaftlicher Sicht brauche es «einen verbindlichen Hitzeschutz und eine klimaangepasste Stadtplanung», sagt Frölicher. Notwendig seien schnellere Anpassungen, etwa durch mehr Begrünung, entsiegelte Flächen, zusätzliche Beschattung sowie Gebäude, die auch bei hohen Temperaturen kühl bleiben. Gleichzeitig betont er: «Um die Zunahme von Hitzewellen zu verhindern, brauchen wir starken Klimaschutz.»
Treibhausgasemissionen senken
Auch Seneviratne sagt: «Wir werden uns nicht an alles anpassen können.» Je stärker sich das Klima erwärme, desto häufiger würden lebensgefährliche Hitzewellen und andere Extremereignisse auftreten.
Entsprechend müsse die Schweiz ihre Treibhausgasemissionen konsequenter senken. Besonders im Verkehrssektor sieht Seneviratne grosses Potenzial, da die Emissionen dort bislang nur unzureichend zurückgegangen seien. «Beim Ausbau der Elektromobilität wurde zu wenig unternommen. In Norwegen sind über 90 Prozent der Neuwagen Elektroautos, und in Äthiopien werden Verbrenner gar nicht mehr eingeführt», sagt sie. Auch Investitionen in erneuerbare Energien sowie bessere Alternativen zum Flugverkehr – etwa Nachtzüge – seien notwendig.
Schweiz muss vorwärtsmachen
Frölicher betont, die Schweiz sei im internationalen Vergleich grundsätzlich gut aufgestellt und investiere bereits erheblich in die Klimaanpassung, etwa beim Hochwasserschutz, beim Umgang mit Naturgefahren in den Alpen oder bei Hitzewarnsystemen. «Doch sowohl bei der Emissionsreduktion als auch bei der Anpassung an unvermeidbare Klimafolgen muss die Schweiz deutlich schneller vorankommen.»
Aus seiner Sicht brauche es in der Klimapolitik vor allem stärkere Anreize, damit klimafreundliches Verhalten und Investitionen attraktiver werden. Gleichzeitig sei Planungssicherheit für Unternehmen und Haushalte entscheidend. «Dafür ist ein ambitioniertes CO₂-Gesetz zentral.»
Mit jedem neuen Hitzerekord werde die Klimakrise für die Bevölkerung greifbarer, sagt Seneviratne. Trotzdem werde die Debatte häufig in die falsche Richtung geführt. Statt vor allem über Klimaanlagen zu sprechen, müsse stärker über die Ursachen der Erwärmung diskutiert werden – insbesondere über die Verbrennung von Erdöl, Gas und anderen fossilen Energieträgern. «Als wohlhabendes Land kann die Schweiz mit ambitionierten Klimamassnahmen eine Vorreiterrolle übernehmen und ein Signal an andere Staaten senden.»