Darum gehts
- Die Schweiz leidet unter extremer Trockenheit, vor allem Mittelland und Jura sind betroffen
- Gemeinden verhängen Empfehlungen und Verbote zum strikten Wassersparen
- Hydrologin: Wenig Schnee und Regen im Winter und Frühling sind verantwortlich für die Dürre
Trocken, trockener, Schweiz. Das Wasserschloss Europas stösst an seine Grenzen: Pegel sinken, die Wassertemperatur steigt. Das Wasser ist knapp. ETH-Hydrologin Manuela Brunner sagt: «Die Situation ist dramatisch!» Überraschend sei das aber nicht, so Brunner. Nach dem schneearmen Winter und wenig Regen im Frühling seien rigorose Wassersparmassnahmen nötig. Die Trockenphase zeige: «Das Wasserschloss Schweiz ist und wird verletzlicher als in der Vergangenheit», sagt die Hydrologin.
Stark betroffen sind das Mittelland und der Jura. Viele Gemeinden sprachen Empfehlungen zum Wassersparen oder gar Verbote aus. In der Gemeinde Uerkheim AG gelte ein knallhartes Regime, sagt der stellvertretende Brunnenmeister Hannes Wilhelm (34) gegenüber Blick. «Unsere Wasserversorgung kann den regulären Verbrauch nicht mehr decken.»
Die Bewässerung von Gartenanlagen und die Reinigung von Autos sind in Uerkheim untersagt. Das Ziel: «Den Wasserverbrauch auf ein Minimum senken.» Im Dorf zwischen Aarau und Zofingen AG gilt Alarmstufe Rot. Wilhelm: «Wir sind am Limit!»
Im Nachbardorf Bottenwil AG spüren Nico (7) und Tim (11) die Folgen hautnah. Den Swimmingpool im Garten darf Familie Fankhauser nicht mehr füllen. Deshalb gilt: Arschbombe verboten. Mutter Céline (37) erklärt: «Wenn die Jungs springen, verliert der Pool Wasser.» Die Buben sind nicht begeistert. Bis das Wasserregime gelockert wird, müssen Nico und Tim über die Treppe in den Pool steigen. Tim sagt: «Ich will bald wieder springen!»
Eine Lockerung der lokalen Wassersparmassnahmen ist aktuell nicht in Sicht. Das Bundesamt für Umwelt schrieb am Donnerstagabend: «Die extreme Trockenheit auf der Alpennordseite und im Wallis wird sich fortsetzen und teilweise verstärken.»
Trockener Umsatz
Das bringt Heinz Bruder (58) von der Feldgarage in Seengen AG am Hallwilersee weniger Umsatz. Seine Autowaschanlage ist seit drei Wochen geschlossen. Bruders Ärger hält sich in Grenzen, wie er zu Blick sagt. «Diese Massnahme kann ich verstehen. Es wäre aber gut, wenn alle am selben Strick ziehen würden», so der Garagist.
Weil nicht alle Gemeinden gleich reagieren, fährt seine Kundschaft aktuell fünf Kilometer weiter. Dort ist die Waschanlage geöffnet. Heinz Bruder: «Das ist ein Witz!»
Ohne Wasser kommt Doris Bolliger (47) im Blumengeschäft Schaufelbühl in Oberentfelden AG nicht aus, aber mit weniger. Ihre Wassersparmassnahme: «Wir giessen die Pflanzen mit dem bereits benutzten Wasser der Schnittblumen.»
Dem Blick-Reporter zeigt sie den prall gefüllten Kühlraum. Die Floristin erklärt: «Die frischen Blumen leiden schampar unter der Hitze.» Umsatzeinbussen muss Bolliger nicht beklagen, aber wenn das Wasserregime strenger werden sollte, sei auch das nicht ausgeschlossen.
Wer darf wie viel Wasser nutzen?
Die Wassersparmassnahmen unterstützt Hydrologin Manuela Brunner von der ETH und dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung. Sie seien wichtig, aber langfristig wohl nicht ausreichend, so die Wissenschaftlerin. «Bund, Kantone und Gemeinden brauchen ein langfristiges Trockenheitsmanagement», sagt Brunner zu Blick und ergänzt: «Einige handeln vorbildlich, andere haben noch Aufholbedarf.»
Wer wie viel Wasser brauchen darf, ist nicht flächendeckend geregelt. «Es muss klar definiert sein, welche Wasserverbraucher wo Priorität haben und welche nicht», fordert die Forscherin.
Damit ist sie nicht allein. Die Politik ist sich von links bis rechts einig, dass die Schweiz ein umfassendes Wassermanagement braucht. Umweltminister Albert Rösti (58) kündigte einen Aktionsplan an.
Wasserschloss am Limit
Genug Wasser hat Bauer Patrick Danuser (31) aus Bad Ragaz SG. «Die Wasserversorgung ist hier aktuell gesichert. Wir bewässern die Gemüsefelder sehr intensiv mit Grundwasser.» Im Vergleich zu anderen Bauernhöfen sei er in einer «luxuriösen» Situation. Aus einem Grundwasserschacht kann er das Wasser hoch auf die Felder pumpen.
Danuser betont, dass er einzig die Lebensmittelproduktion bewässere. «Unsere Futterwiesen müssen ohne Wasser auskommen», sagt der bekannte Social-Media-Bauer. Welche Auswirkungen der fehlende Regen auf die Wiesen und die Futtermenge im Winter haben wird, kann er noch nicht abschätzen. Notschlachtungen aufgrund von Futtermangel schliesst er dabei nicht aus.
Klar ist: «Die frühe Hitze im Juni war aussergewöhnlich und hat auch bei uns Spuren hinterlassen», sagt Danuser. Den Kartoffeln, Rüebli, Zwiebeln oder dem Weizen sehe er den Hitzestress an.