Darum gehts
- Rhein-Pegel rekordtief, Stromproduktion bei Kraftwerk Rheinfelden reduziert
- Grundwasserstand bleibt stabil, nur 20–30 cm gesunken, trotz Trockenheit
- Wasserbedarf für Landwirtschaft könnte bis 2100 um 40 Prozent steigen
Im Aargau liegen am Rhein Wasserfreud und -leid nur wenige Hundert Meter auseinander. Der Fluss bildet hier auf rund 70 Kilometern die Grenze zu Deutschland. Blick ist unterwegs mit Josef Grasser (56), dem Brunnenmeister von Rheinfelden AG, zu einer der Wasserfassungen der Gemeinde. Grasser ist für die Wasserversorgung verantwortlich.
Unter uns sickert ein mächtiger Grundwasserstrom mit einer Geschwindigkeit von 10 Metern pro Tag durch eine Kiesschicht, seit Jahrhunderten gespeist vom Rhein – von Wassermangel keine Spur. «Wir liegen unterhalb des Wasserschlosses, das ist ein grosser Vorteil», sagt Grasser.
Das Wasserschloss ist der Zusammenfluss von Limmat, Reuss und Aare bei Brugg AG. Hier sammeln sich trotz der Trockenheit immer noch imposante Wassermassen, die sich wenig später in den Rhein ergiessen. «Zudem ist der Rhein vor den Kraftwerken aufgestaut, das hilft uns auch», ergänzt Grasser.
Stromproduktion leidet
Das Kraftwerk Rheinfelden dagegen spürt den Wassermangel unmittelbar. Der Pegelstand unterhalb der Turbinen ist rekordtief. «Es fliesst rund ein Drittel so viel Wasser wie sonst üblich. Das bedeutet: Die Stromproduktion liegt bei 40 Prozent der Menge, die möglich wäre», erklärt Jochen Ulrich (54), stellvertretender Bereichsleiter Produktion beim deutschen Stromproduzenten Naturenergie. Der hier produzierte Strom fliesst zu gleichen Teilen ins Schweizer und ins deutsche Netz. Es wird weniger sein als in den letzten Jahren. Der Rückstand dürfte sich sehr wahrscheinlich nicht mehr aufholen lassen.
Ulrich zeigt auf eine Mauer am Kraftwerk. Auf den ersten Blick ist ersichtlich, wo der Rheinpegel nach dem Durchfluss durch die Turbinen normalerweise liegen müsste – viel höher! Im Maschinenraum des Kraftwerks ist es ruhiger als gewöhnlich, von den vier Turbinen zur Stromproduktion laufen nur zwei – und diese auch nicht auf Volllast.
Immerhin: Einen Vorteil hat der tiefe Wasserstand, erklärt Ulrich mit einem leicht schiefen Lächeln: «Je tiefer der Pegelstand, desto grösser ist die Fallhöhe.» Das heisst, das Wasser trifft mit einem höheren Druck auf die Turbinen. «Das kompensiert einen kleinen Teil des geringen Wasserstandes, aber bei weitem nicht alles.»
Es muss früher gepumpt werden
Zurück zu Brunnenmeister Grasser: Tief unter dem Waldboden ist der Wasserstand kein Thema. Die Kammern der Grundwasserfassung sind randvoll gefüllt. Und es ist trotz der Hitze an der Oberfläche angenehme 15 Grad kühl. «Aus anderen Gemeinden hört man, dass der Grundwasserspiegel um fünf bis sechs Meter gesunken ist. Bei uns sind es vielleicht 20 bis 30 Zentimeter», sagt Grasser. Die Hitzetage merkt er nur indirekt. «Ist es besonders heiss, müssen wir schon am Nachmittag wieder frisches Wasser in die Reservoirs zur Wasserverteilung pumpen, nicht erst am Abend.»
Trotz des Grundwassers im Überfluss: Auch rund um Rheinfelden sind die abgeernteten Weizenfelder staubtrocken, der Mais steht deutlich tiefer als in früheren Jahren. Die Nähe zum Rhein hilft nicht, obwohl die Wasserentnahme aus dem Rhein für die Landwirtschaft grundsätzlich möglich wäre. Allerdings rechnet sich die Bewässerung für Mais oder Weizen nicht.
Bei anderen Kulturen wie Gemüse lohnt sich die Bewässerung dagegen schon: «In den grossen Flusstälern haben wir kein Problem», erklärt der Christoph Hagenbuch (41). «Betroffen sind dagegen Seitentäler wie das Bünztal, wo die Bauern seit einem Monat nicht mehr ab dem Oberflächengewässer Wasser entnehmen dürfen.» Der Landwirt baut in Oberlunkhofen im Aargauer Reusstal Beeren und Gemüse an.
Bauern brauchen längerfristig mehr Wasser
Von einem Wettbewerb oder gar einem Kampf ums Wasser will der Präsident Aargauer Bauernverbandes aber nichts wissen. Trotzdem ist er sich bewusst, dass die Bauern zu den Ersten gehören werden, die sich einschränken müssen, sollte sich die Wasserknappheit verschärfen. «Jeder Wasserwerkvertreter stellt sich die Frage: Mach ich einen oder mache ich Hunderte verrückt», so Hagenbuch. Will heissen: Schränke ich den Verbrauch des Bauern oder der Einwohner ein.
Eine Frage, die sich zunehmend verschärft stellen könnte: Eine Studie des Bundesamtes für Umwelt kommt zum Schluss, dass bis Ende des Jahrhunderts der Wasserbedarf für landwirtschaftliche Bewässerung bereits heute bewässerter Kulturen um rund 40 Prozent zunehmen werde. Zudem zeige sich in der Schweiz ein Trend zu mehr Spezialkulturen, die bewässert werden müssen.
Deshalb regt Hagenbuch an, ungewöhnliche Idee zum Wassersparen zu prüfen. «Das WC zu spülen verbraucht täglich viele Liter Trinkwasser. Da könnten wir uns auch mal Gedanken machen, ob das wirklich sinnvoll ist.»
Bis diese Idee allerdings nur ansatzweise eine Chance hat, wird noch viel Wasser den Rhein hinunter fliessen. Wasser, das es im Aargau vielerorts noch im Überfluss gibt – trotz des tiefen Rheinpegels. Dieser wird weiter flussabwärts zum grossen Problem: für die Schifffahrt und damit die Versorgung der Schweiz.