Darum gehts
- Der Rhein führt 2026 rekordtiefes Wasser: nur 190 m³/s am 23. Juli
- Wärmeres Wasser bedroht Fischarten wie Rutte und Äsche massiv
- Schifffahrt und Gastronomie in Rheinregion leiden unter niedrigen Pegeln
Samuel Gründler (43) ist voller Sorge. Er steht am Petribach bei Schlatt TG. Zu wenig Wasser, zu warmes Wasser und kaum noch Optionen. «Wir müssen zuschauen, wie sich die Situation Jahr für Jahr verschlechtert – und zwar massiv», sagt er zu Blick.
Gründler ist Präsident des Fischereivereins Schaffhausen und spricht in dieser Funktion für die Wasserlebewesen des Rheins. «Die Fischerei ist ein Frühwarnsystem. Zuerst leiden die Fische. Danach trifft es die Wälder, die Landwirtschaft und schliesslich auch die Trinkwasserversorgung», sagt er. Der Mensch könne sich davon nicht ausnehmen. «Die Folgen des Klimawandels betreffen uns alle.» Für den Rhein heisst das: Aus dem früher fischreichen Fluss ist ein Gewässer geworden, in dem immer weniger Tiere leben.
Zu warmes Wasser für Rutte und Äsche
Das wird an der Mündung des Petribachs in den Rhein besonders deutlich. Gründler sagt: «Früher schwammen hier Hunderte, teilweise Tausende Fische in den kühlen Einmündungsbereichen. Heute sind es nur noch einzelne Tiere.» Der Fluss ist einfach zu warm, weil selbst das Wasser der Zuflussbäche deutlich wärmer ist, als es für die Fische gut ist. «Geht es so weiter, gibt es bald gar keine Rückzugsorte für die Fische mehr, das wäre verheerend», so der Fischereipräsident.
Für Fische, die kaltes Wasser brauchen, sind diese Bedingungen fatal. Er sagt: «Die Rutte ist beispielsweise fast unbemerkt aus dem Rhein verschwunden, weil sie zum Laichen zwingend tiefe Temperaturen benötigt.» Für den Äschenbestand sieht Gründler auf Dauer schwarz. «Auch die Forelle hat zunehmend Mühe», sagt er.
Gleichzeitig profitieren andere Fischarten. Zum Beispiel der Wels. Die bis zu zwei Meter langen Raubfische setzen die geschwächten Arten zusätzlich unter Druck. Gründler sagt: «Das Besondere, das unseren Rhein früher ausgezeichnet hat, verschwindet Schritt für Schritt.»
Zu wenig Sauerstoff
Die Wassertemperatur allein ist nicht das einzige Problem. Gründler betont, dass wärmeres Wasser weniger Sauerstoff speichern kann. Da Wasserpflanzen nachts zusätzlich Sauerstoff verbrauchen, entstehen besonders in der Nacht lebensbedrohliche Bedingungen für die Fische. «Früher war dies im August der Fall, nun beobachten wir dieses Phänomen schon im Juni», so Gründler.
Die Folge: Berufsfischer gibt es schon lange nicht mehr, aber auch die Hobbyfischer haben sich neu erfunden. «Statt am Rhein zu fischen, konzentrieren wir uns auf die Aufwertung von Seitengewässern, führen Rettungsaktionen für geschwächte Fische durch und engagieren uns politisch gegen Eingriffe in die kleinen Gewässer», erklärt Gründler.
Doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Kaltwasserbecken wurden an vielen Orten bereits gebaut, Bäche umgeleitet und Uferabschnitte beschattet. Viel mehr könne man nicht machen. Deshalb ist Gründler auch frustriert. Sein Verein versucht viel, um die Fischbestände zu erhalten. «Aber wir wissen zunehmend nicht mehr, welche Massnahmen überhaupt noch greifen.»
Denn auch der Wasserstand ist extrem tief. «Die Kaltwasserzonen, die wir baulich geschaffen haben, können sich vielerorts gar nicht mehr richtig ausbilden, weil schlicht zu wenig kaltes Wasser nachfliesst», sagt Gründler. «Für viele Fischarten ist das auf Dauer der Todesstoss! Es tut weh, dabei zuschauen zu müssen.» Lösungen, um das Überleben der Äsche langfristig zu sichern, sieht er nicht mehr.
Schifffahrt unter Druck
Wie wenig Wasser der Rhein derzeit führt, zeigen die Zahlen des Kantons Schaffhausen. Im Juli 2022 wurde beim Flurlingerbrücke das bisherige minimale, historische Tagesmittel von 222 Kubikmetern pro Sekunde gemessen. Erst am Donnerstag lag dieses aber deutlich tiefer – bei 190 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Absoluter Negativrekord!
Der niedrige Pegel setzt auch die Schifffahrt unter Druck: Die reguläre, durchgehende Strecke der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (URh) zwischen Stein am Rhein SH und Diessenhofen TG ist unterbrochen. Dieses Jahr war dieser Abschnitt nur für kurze Zeit überhaupt befahrbar.
Das hat Folgen: Genaue Passagier- und Finanzzahlen will die Schifffahrtsgesellschaft zwar erst nach Saisonende veröffentlichen. Doch es zeichnet sich schon jetzt ein Minus bei den Passagieren ab, das sich auch finanziell bemerkbar macht. Weil eine Verbesserung der Situation nicht zu erwarten ist, sollen Schiffe mit weniger Tiefgang die Zukunft der Rheinschifffahrt retten.
Gastronomie leidet
Der Unterbruch bei der Kursschifffahrt hat auch direkten Einfluss auf Tourismus und Gastronomie in der Region, wie der Pächter des Restaurants Wasserfels in Stein am Rhein, Goran Jovicic (65), sagt: «Wir spüren die Einbussen unmittelbar.» Die Umsätze in seiner Beiz steigen und fallen parallel zu den Passagierzahlen der URh, erklärt er.
Die goldenen Jahre des Tourismus in Stein am Rhein seien vorbei: «In den 90er-Jahren kamen wir mit der Arbeit kaum nach. Tausende Gäste kamen jeden Tag», erzählt er. Heute müsse man in der Gastronomie dankbar sein, wenn man seine Rechnungen bezahlen könne. «Selbst an so einem Ort wie hier.»
Sorgen um die Zukunft mache er sich aber nicht: «Stein am Rhein fühlt sich an, als sei man am Meer. Die Leute werden immer hierherkommen wollen.» Man müsse sich einfach anpassen und mit dem arbeiten, was man habe. «Und das ist eben unser kleines Paradies.»