Darum gehts
- Bodensee-Grenzen ungeklärt zwischen Schweiz, Deutschland, Österreich seit 19. Jahrhundert
- Schifffahrtsgesellschaften streiten um Ticketregelung, Konflikt zeitweise eskaliert
- 2023: Drei Länder einigten sich bei Flottensternfahrt auf Zusammenarbeit
Der Bodensee, vom Rhein durchflossen, ist ein Sonderfall. Er ist identitätsstiftend für die Menschen in gleich drei angrenzenden Ländern – Deutschland, Österreich und die Schweiz. Gesprochen wird vom «Metropolitanraum Bodensee» oder der «Euregio Bodensee». Es wird Einigkeit betont, das verbindende Element ist das beliebte Gewässer.
Tatsächlich ist die Zusammenarbeit am Bodensee erstaunlich: Es wurde nie offiziell geklärt, wem der Bodensee gehört. Mitten in Europa sind die Grenzen ungeklärt – etwas, was man normalerweise nur in Krisenregionen findet.
Drei Länder, drei Theorien
Der Grenzverlauf im Untersee und beim sogenannten Konstanzer Trichter ist seit dem 19. Jahrhundert klar geregelt, der Überlingersee gehört vollständig zu Deutschland. Anders ist es im tiefen Wasser des Obersees – also im flächenmässig grössten Teil: Dort sind die Grenzen nicht klar festgelegt.
Obendrauf vertreten die Länder auch noch verschiedene Theorien dazu, wie der See aufgeteilt werden soll:
- Die Realteilungstheorie zieht eine klare Linie durch den See. Er soll entlang seiner Mittellinie aufgeteilt werden. Mit dieser Position sympathisierte die Schweiz in der Vergangenheit. Deutschland wiederum vermeidet bis heute eine Festlegung.
- Die sogenannte Kondominiumstheorie geht davon aus, dass der See – mit Ausnahme der unmittelbaren Uferzonen – allen Anrainerstaaten gemeinsam gehört. Besonders Österreich hat diese Sicht lange vertreten.
- Die Haldentheorie ist eine Mischform, mit der Österreich sympathisiert. Sie unterscheidet zwischen einem ufernahen Bereich bis etwa 25 Meter Wassertiefe, der dem jeweiligen Staat zugeordnet wird, und dem offenen See, der gemeinsam genutzt wird.
Die Ausgangslage ist also kompliziert. Genau darum drückt man sich wohl, etwas daran zu ändern. Die Schweiz und Deutschland arbeiten zwar derzeit an einem Staatsvertrag, um den Verlauf der Grenzen genau zu klären – explizit davon ausgenommen ist der Bodensee. Die Zusammenarbeit funktioniert, eine klare Regelung liefe auf einen diplomatischen Knorz hinaus.
Übereinkommen regeln den Alltag
Dass der See dennoch kein komplett rechtsfreier Raum ist, zeigt sich im Alltag. Es besteht eine Art «technische Abgrenzung». Massgebend ist häufig das «Übereinkommen über die Schifffahrt auf dem Bodensee». Überall dort, wo der «Nutzungsdruck» gross ist, haben die drei Anrainerstaaten Vereinbarungen getroffen. So etwa bei der Fischerei oder der Trinkwasserversorgung.
Kommt es zu Straftaten, gilt in der Regel das Recht des Staates, unter dessen Flagge ein Schiff unterwegs ist. Und bei Notfällen auf dem See übernimmt das Land die Koordination, bei dem der Notruf eingeht.
Streit zwischen den Schifffahrtsgesellschaften
Die zelebrierte Einigkeit am Bodensee wurde allerdings kürzlich auf die Probe gestellt. Der Bodensee wird von Schifffahrtsgesellschaften aus allen drei Ländern befahren. Im Frühling gerieten sich die Schweizerische Bodensee-Schifffahrt (SBS) und die deutschen Bodensee-Schiffsbetriebe (BSB) heftig in die Haare. Im Zentrum des Konflikts stand ein Streit um Tickets.
Für Fahrgäste ist nicht immer klar, welches Ticket für welches Schiff gilt – Angebote gibt es am Bodensee zuhauf. Die SBS warf der BSB vor, ungleich viele Passagiere mit einem BSB-Ticket transportiert zu haben, und fuhr Konstanz temporär nicht mehr an.
Pünktlich zur Flottensternfahrt wurde das Kriegsbeil begraben. Am alljährlichen Anlass feiern die drei Länder ihre grenzübergreifende Freundschaft. Die Chefs der SBS und der BSB verkündeten, dass man sich in zentralen Punkten einig geworden sei. Am Bodensee herrschte wieder freudiges Zusammensein.
Doch nicht nur Tarifstreitigkeiten belasten den Schiffsverkehr am Bodensee, sondern auch die Natur. Aktuell zeigt sich dies deutlich: Aufgrund von Niedrigwasser müssen Schifffahrtsbetriebe ihre Fahrpläne anpassen. Der Kursschiffbetrieb auf verschiedenen Strecken ist derzeit eingestellt.