«Wir haben unsere Schwierigkeiten beiseite geräumt»
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Schifffahrtsstreit beendet:«Wir haben unsere Schwierigkeiten beiseite geräumt»

«Diese deutsche Übermacht mögen wir nicht»
Bodensee-Kapitäne begraben Kriegsbeil – doch der Frieden ist fragil

Vergangene Woche eskalierte der Streit auf dem Bodensee: Die Schweizerische Bodensee Schifffahrt fährt Konstanz vorerst nicht mehr an, die Kapitäne lieferten sich einen Schlagabtausch. Kann die Beziehung gekittet werden? Ein Besuch an der Flottensternfahrt.
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SBS-Chef Benno Gmür und BSB-Chef Norbert Reuter schütteln sich die Hand: Am Samstag wurde Waffenstillstand verkündet.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweiz, Deutschland und Österreich beenden Schifffahrtsstreit am Bodensee am Samstag
  • Kapitänskonferenz wird zur Friedenskonferenz
  • Ab 2027 fährt SBS wieder Konstanz an, gemeinsame Ticketlösung bleibt Herausforderung
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Konzentriert manövriert die Kapitänin den Bug der «St. Gallen» immer näher an die deutschen und österreichischen Schiffe. Das Wasser im Bodensee glitzert blau und grün, die Liveband hat eine Pause eingelegt. Zuschauer zücken ihre Handykameras. Das Schiff aus Überlingen ist schon etwas weiter vorgerückt. «Die ‹Überlingen› ist aufmüpfig», sagt ein zweiter Kapitän. «Diese deutsche Übermacht mögen wir nicht.»

Wenn die Schiffe zur alljährlichen Flottensternfahrt auslaufen, feiern die drei Länder ihre grenzübergreifende Freundschaft. Wäre da zuvor nicht die Kapitänskonferenz gewesen, würde die Sternformation dieses Jahr eher den Anschein einer Flottenaufstellung kurz vor dem Gefecht machen. 

Hochkonzentrierte Kapitäne: Die Schiffe steuern langsam aufeinander zu.
Foto: Raphaël Dupain

Auf dem Bodensee tobte bis dahin nämlich so etwas wie ein Rosenkrieg. Die SBS fährt den Hafen Konstanz nicht mehr an, und es gab Streit um ein Partyschiff. Ausgetragen wurde die Fehde von Benno Gmür (64), Geschäftsführer der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt (SBS), und Norbert Reuter (58), seinem Pendant bei den deutschen Bodenseebetrieben (BSB). In den Medien war etwa die Rede von «knallharter Machtpolitik».

Das Kriegsbeil wird begraben

Der Samstag wird nun zum Wendepunkt: Die Kapitänskonferenz, die vor dem Auslaufen der Schiffe in einem Saal am Hafen stattfindet, mutiert zur Friedenskonferenz. Die Kontrahenten verkünden Waffenstillstand. «Ich bin nicht gekommen, um über Krieg in der Welt zu sprechen, sondern über den Frieden am Bodensee», sagt Gmür. In den zentralen Punkten sei man sich einig geworden. 

Gmür und Reuter haben sich unter vier Augen getroffen und ein «offenes und freundliches» Gespräch geführt. Ab dem Jahr 2027 werde die SBS Konstanz wieder anfahren. Applaus im Publikum. Gmür bittet schliesslich Reuter auf die Bühne. Die beiden wollen das Kriegsbeil gleich wortwörtlich begraben. Mit einem Knall wirft Gmür ein echtes Beil in eine Plastikwanne zwischen ihnen, beide schaufeln Sand darauf. Demonstratives Händeschütteln für die Kameras.

Begraben das Kriegsbeil gleich wortwörtlich: Benno Gmür (l.) und Norbert Reuter.
Foto: Raphaël Dupain

Just als Gmür und Reuter die Bühne verlassen, zerspringt im Publikum ein Glas. Bringen Scherben das Glück? Oder wurde zwischen den beiden Parteien schon zu viel Geschirr zerschlagen? «Wir sind in einem Alter, wo das Fell am Rücken ledrig ist und wir einiges ertragen», sagt Gmür. «Er hat mich heute überrascht», sagt Reuter und klopft Gmür auf die Schulter. «Er hat das Kriegsbeil ausgegraben, aber jetzt auch wieder begraben.» Die Zeichen stehen auf Frieden. 

Streit um Tickets und ein Party-Boot

Für viele Anwesende ist das eine Überraschung. Ausgerechnet der Bodensee war Schauplatz eines heftigen Streits – dort, wo stets Einigkeit betont wird und Grenzen nie exakt gezogen wurden.

«Das Fass ist gekippt, nicht nur übergelaufen», sagt Gmür am Samstag zu Blick. Im Zentrum des Konflikts stand ein Streit um Tickets. Für Fahrgäste ist nicht immer klar, welches Ticket für welches Schiff gilt – Angebote gibt es am Bodensee zuhauf. Die SBS habe vergangenes Jahr Tausende Passagiere aus Konstanz mit einem BSB-Ticket transportiert. «Wir haben die Leistung erbracht, die BSB hat kassiert», so Gmür. 

Zwischen den beiden Parteien habe es dazu eine Vereinbarung gegeben, entgegnete Reuter. Auch die BSB habe SBS-Passagiere gratis transportiert. Gmür habe die Abmachung einseitig gekündigt. Gmür sah darin ein Ungleichgewicht, wie er sagt.

Über dem Bodensee herrschte seither dicke Luft – Gmür und Reuter schienen sich nichts mehr zu gönnen. Sogar um eine alte Fähre, die die Schweizer zum Partyboot umfunktionieren, gab es Knatsch. Gmür sprach von «Kindergarten mit den Deutschen».

«Jetzt müssen wir auch liefern»

«Ein Kindergarten war das tatsächlich», sagt Cécile (58). Sie wohnt in Romanshorn und nimmt mit ihrem Mann Peter (61) an der Flottensternfahrt teil. Sie freuen sich, dass heute am Hafen endlich wieder einmal etwas los ist: Leute drängen an Pommes-Stände, es wird Musik gespielt, die Flaggen aller drei Länder sind gehisst. Für das «Geplänkel» der Schifffahrtsgesellschaften haben die beiden wenig Verständnis. 

Peter und Cécile aus Romanshorn geniessen den lebendigen Hafen während der Flottensternfahrt.
Foto: Raphaël Dupain

Damit soll nun aber Schluss sein. Die SBS akzeptiert ab sofort wieder alle Gäste, die ein Ticket der BSB vorweisen können. Im Gegenzug soll die strittige Partyfähre der Schweiz in See stechen. Also alles wieder gut? «Wir können eine grosse Klappe haben, aber jetzt müssen wir auch liefern», sagt Gmür neben dem Steuerhaus, als sich die Schiffe gerade in Formation begeben. 

Das weiss auch Philipp Köppel (57). Der St. Galler SVP-Kantonsrat leitet eine Arbeitsgruppe, die von der Internationalen Parlamentarischen Bodensee-Konferenz eingesetzt wurde. In der Konferenz versammeln sich Parlamentarier und Parlamentarierinnen aus den an den See angrenzenden Kantonen und Bundesländern. Dort soll nun alles Weitere geregelt werden – und die Arbeit hat gerade erst begonnen.

Philipp Köppel ist zufrieden mit dem Tag.
Foto: Raphaël Dupain

Die grosse Knacknuss bleibt das gemeinsame Tagesticket. Die Schifffahrt sei im Moment kein einfaches Geschäft, sagen die Involvierten. Am Ende gehe es ums Geld, beide wollten von einer Abmachung profitieren. Hinter vorgehaltener Hand sind einige Anwesende etwas skeptischer, ob der Tarifstreit tatsächlich so schnell gelöst werden kann. 

«Heute ist ein Tag, an dem alles stimmt», sagt Köppel und lehnt zufrieden an die Reling. Sonne, kühle Brise und eine Versöhnung. Jetzt muss man den Kurs am Bodensee nur noch halten.

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