Darum gehts
- Schweizer Pflichtlager für Kerosin reichen nur für 72 Tage
- Langstreckenflüge gestrichen, um den hohen Kerosinverbrauch zu reduzieren
- IEA warnt: Europa könnte Ende Mai Kerosinmangel erreichen
Die Lage am Himmel verdunkelt sich: Der Iran‑Krieg und die Blockade der Strasse von Hormus haben eine globale Kerosin-Krise ausgelöst. Darauf reagieren jetzt zahlreiche Fluggesellschaften – auch die Swiss. So verkündet der Mutterkonzern Lufthansa in einer Mitteilung, ihren Flugplan bis mindestens im Oktober massiv einzudampfen. Insgesamt 20'000 Kurzstrecken-Verbindungen sollen wegfallen. Zuvor groundete die Swiss-Mutter bereits ihre Regionalflug-Tochter Cityline. Und die Swiss-Schwester Edelweiss betreibt derzeit mit der Streichung ihrer USA-Verbindungen Schadensbegrenzung.
Damit nicht genug: Auch der Luxusferienflieger Beond hat einzelne Strecken ab Zürich ausgedünnt. Und die Internationale Energieagentur IEA schlägt Alarm: Bis Ende Mai könnte Europa am Rande eines Kerosinmangels stehen. Laut dem «Tages-Anzeiger» reichen die Schweizer Flugtreibstoff-Pflichtlager nur für 72 Tage – weniger als die eigentlich gesetzlich vorgeschriebenen drei Monate.
«Wir sind nicht im Massenstreichungs‑Szenario, sondern bei einer gezielten Bereinigung der Flugpläne», beschreibt es ein Branchenbeobachter. Die Frage, die sich viele Ferienbucher nun stellen: Sind meine Sommerferien noch sicher?
Airlines auf «hauchdünnem Kalkulationsband»
Airlines wie Swiss, Edelweiss und Lufthansa betonen, dass die Treibstoffversorgung derzeit «gesichert» sei – teilweise, weil sie bereits im Vorjahr mit Fixkontrakten Treibstoff eingekauft haben. Ex-Swiss-Pilot und Aviatik-Experte Heiner Lüscher (77) relativiert gegenüber Blick: «Die Lufthansa hat sich mit Kontingenten an Kerosin eingedeckt, also mit festen Verträgen und Preisen. Das heisst aber nicht, dass die Lufthansa‑Gruppe bei der Lieferung Priorität hätte – vor allem, weil die Ölfirmen bei diesen Preisen Verluste machen könnten.» Dieses Problem wird nun bei der jüngsten Sparmassnahme der Lufthansa sichtbar. Die Airlines bewegen sich auf einem «hauchdünnen Kalkulationsband», das jederzeit auseinanderbrechen kann.
Die Schweizer Kerosin-Pflichtlager sind ein zentraler Puffer, aber keine Freikarte. «Es ist absolut überlebenswichtig, dass der Bund die Bereitschaft erklärt, diese Pflichtlager auch anzutasten, wenn es nötig wird», sagt Aviatik-Branchenkenner Hansjörg Egger (74) gegenüber Blick. Für ihn ist die 72‑Tage‑Zahl kein Beruhigungsposten, sondern ein Warnsignal: «Der Engpass ist da, die Lage ist prekär, der Verbraucher wird es am Ende ausbaden müssen. Wenn die Lage anhält, sinkt der Bestand weiter – und die Flugplanung wird sich schrittweise daran anpassen.»
Langstrecken sind eher gefährdet
Die Fluggesellschaften gehen bereits jetzt über die Bücher: «Die Airlines nutzen die Situation, um Flugstrecken mit geringer Auslastung oder schwacher Buchung auszudünnen», sagt Lüscher. «Sie können die ‹Transportpflicht› für solche Verbindungen praktisch als nicht mehr bindend deklarieren, quasi als Härtefall.» Vor allem Langstrecken stehen in der Schusslinie, weil sie den höchsten Kerosinverbrauch haben.
Besonders gefährdet sind Routen über oder in den Nahen und Fernen Osten, weil dort riesige Lufträume wie der Iran oder der Sudan aus Sicherheitsgründen umflogen werden müssen. Experte Egger ergänzt: «Viele Regionen werden weiträumig umflogen. Das führt zu grossen Umwegen und Staus in den noch sicheren Korridoren und damit zu mehr Kerosinverbrauch und Mehrkosten.» Wenn der Treibstoff dann knapp wird, greifen Airlines auch auf anderen Strecken durch: «Dann werden Flüge zu Destinationen gestrichen, die sowieso wenig Gewinn abwerfen oder unrentabel sind.»
Was das für Reisende bedeutet
Was heisst das nun für die Sommerferien? Egger betont: «Wer sich in dieser Situation auf lange Flüge einlässt, sollte sich bewusst sein, dass man auch das Risiko, steckenzubleiben oder teure Rückflüge kaufen zu müssen, selbst trägt. Die Airlines wissen selber nicht, was morgen ist, und passen sich gezwungenermassen an.» Und wer noch nicht gebucht hat, muss sich auf teurere Tickets einstellen: «Wenn das Angebot kleiner wird und die Nachfrage nach den noch verfügbaren Flügen hoch bleibt oder sogar steigt, dann klettern auch die Preise – das ist Marktmechanik, nicht Gier», so Egger.
Beide Experten sehen Flüge in klassische Badeziele von Europa aktuell deutlich weniger gefährdet als weit entfernte Destinationen. Die Sommerferien mit dem Flieger «platzen» nicht im grossem Stil – aber sie werden teurer und unsicherer.