Darum gehts
- Jacques Morettis Geiz soll das Crans-Montana-Feuer ausgelöst haben
- Emotional aufgebrachte Angehörige bedrängten Morettis vor der Hochschule in Sitten
- 41 Tote, 125 Verletzte durch Brand; Polizei erhielt keinen Schutzauftrag
Der Druck auf Jacques Moretti (49) und seine Frau Jessica (40) wird immer grösser. Am Freitag wurde bekannt, dass das Inferno von Crans-Montana durch Morettis Geiz mit ausgelöst worden sein könnte. Neu aufgetauchte E-Mails sollen zeigen, dass Jacques Moretti die Verbauung von feuerfestem Schaumstoff offenbar als zu teuer fand. Das berichteten mehrere italienische Medien. Der Schaumstoff war mutmasslich der explosive Brandherd in der Bar Le Constellation, entzündet durch Sprühkerzen auf Champagnerflaschen.
Die Neuigkeiten dürften bei den ohnehin bereits sehr emotionalen Angehörigen schlecht ankommen. Zusammen mit den Ereignissen vom Donnerstag – als Opferangehörige gegen die Morettis aufmarschierten – wird die Frage immer dringender: Brauchen die Morettis jetzt Personenschutz?
Auf Konfrontationskurs
Vor einer weiteren Anhörung von Jessica Moretti ging es vor der Fachhochschule Westschweiz in Sitten – wo aktuell die Staatsanwaltschaft die Befragungen aus Platzgründen durchführt – so hitzig zu und her, dass die Stimmung zu kippen drohte.
Es herrschte das reinste Chaos – und fast keine Polizisten waren in Sicht. Angehörige der Opfer von Crans-Montana, allen voran jene von Trystan (†17), hatten sich vorgenommen, Jacques und Jessica Moretti persönlich zu treffen.
Die Panik ins Gesicht geschrieben
Kurz vor 9 Uhr war es so weit. Jacques und Jessica Moretti näherten sich in Begleitung ihrer Anwälte dem Haupteingang des Gebäudes. Es dauerte nicht lange, bis sie von den wartenden Journalisten und den Angehörigen entdeckt wurden. Ein Opferanwalt, der anonym bleiben will, sagte am Abend zu dem, was dann passierte: «Das ist eine Schande, so etwas darf in der Schweiz nicht geschehen!»
Die Angehörigen bedrängten die Morettis, schoben sie immer wieder vom Eingang weg, beschimpften sie. Sie schrien dem Paar entgegen: «Ihr habt unsere Kinder getötet!» Die beiden Polizisten am Ort hatten sichtlich Mühe, die Situation im Griff zu behalten. Der Gesichtsausdruck von Jessica Moretti sagte alles. Es war Panik. Als sie und ihr Mann es ins Gebäude geschafft hatten, brach sie zusammen.
Kein Polizeischutz
Die Situation sorgte bei den Anwälten der Morettis für Kritik. Sie kritisierten die geringe Anzahl an Polizisten, die vor Ort war. «Es war ein Angriff. Sie haben es gesehen, es gab einen handgreiflichen Ausbruch», sagte einer der Anwälte laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa.
Am Tag danach stellt sich die Frage: Warum waren die Morettis nicht besser geschützt? Informationen von Blick zeigen: Die Walliser Kantonspolizei hatte dazu keinen Auftrag! Deren Kräfte sollten sich vorrangig um die öffentliche Sicherheit kümmern.
Das ist nicht aussergewöhnlich. Denn in der Schweiz übernehmen Polizeikorps grundsätzlich keinen Personenschutz für Privatpersonen, sondern nur für exponierte Politiker oder besonders gefährdete Personen im öffentlichen Amt während eines Auftritts.
Heisst: Die Morettis hätten sich wohl privat um Schutz kümmern müssen. Eine Möglichkeit wäre die Securitas-Gruppe gewesen. Deren Mediensprecherin Sabine Brechbühl sagt zu Blick: «Wir beschäftigen Spezialisten für diese Form der Gefahrenabwehr.» Ansonsten bleibt sie jedoch vage: «Dabei ist Diskretion unabdingbar, dies nicht zuletzt zum Schutz von betroffenen Personen. Aus diesem Grund äussern wir uns generell nicht öffentlich über Aufträge in diesem Dienstleistungsbereich.»
Wie gross ist die Bedrohung?
Ganz ausgeschlossen ist es jedoch nicht, dass die Walliser Behörden die Morettis in Zukunft schützen. «Die Unterbindung von Selbstjustiz gehört auch zu den Pflichten von Justiz und Polizei», sagt der forensische Psychiater Thomas Knecht zu Blick und fügt an: «Meines Wissens gibt es in krassen Fällen die Möglichkeit staatlicher Schutzmassnahmen nicht nur für Zeugen, sondern auch für mutmassliche Täter.»
Doch handelt es sich bei den Morettis um einen «krassen Fall»? Jérôme Endrass, forensischer Psychologe, erklärt: «Man muss das immer im Einzelfall beurteilen. Wenn Gewalt verbal angedroht worden ist, dann wird die potenzielle Gefahr angeschaut.» In den deutschsprachigen Kantonen sei das im Bereich des polizeilichen Bedrohungsmanagements ein Standard. «In der Romandie und den kleineren Kantonen ist man noch nicht überall auf dem gleichen Stand, wobei sich aber auch hier einiges tut», so Endrass weiter.
Direkte Gewaltandrohungen gab es am Donnerstag in Sitten offensichtlich nicht. Doch die Situation bleibt heikel – gerade nach den Vorwürfen, dass Geiz ein Auslöser des Infernos gewesen sein könnte. «Tatsächlich besteht beim Menschen ein angeborenes Gerechtigkeitsempfinden, welches sogar mit einem Rachereflex gekoppelt ist», sagt der forensische Psychiater Thomas Knecht. «Empfundenes Unrecht löst Empörung aus, je grösser, desto stärker.» 41 Tote und über 100 Verletzte wegen einiger gesparter Franken hätten dazu auf jeden Fall das Potenzial.