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Fehlende Daten zu Brandschutzkontrollen – Kanton Wallis schiebt Kommunen schwarzen Peter zu
«Wir wissen nicht, welche Gemeinden betroffen sind!»

Nach dem Inferno von Crans-Montana steht fest: Das fehlerhafte IT-System VS Fire führte zu Kontrollversäumnissen. Gemeinden schweigen, der Kanton weist jede Verantwortung von sich. Wie viele Gebäude sind noch betroffen?
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Georges T. sagte am Freitag, er habe wegen fehlender Daten nicht richtig kontrollieren können.
Foto: zVg

Darum gehts

  • Datenchaos in Crans-Montana führte zu fehlenden Brandschutzkontrollen und Sicherheitsproblemen
  • IT-Experte Jean D. verlor Zugang zu wichtigen Daten durch psychische Probleme
  • 12 von 15 Gemeinden gaben keine Auskunft zu VS-Fire-Datenverlust
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Martin MeulReporter News

Sechs Jahre wurde die Inferno-Bar von Crans-Montana VS nicht mehr kontrolliert, als es zur Katastrophe kam. Und man muss befürchten: Das tödliche Versäumnis ist kein Einzelfall. Wie viele Gemeinden haben bei den Feuer-Kontrollen einen blinden Fleck?

Bei seiner Anhörung vor der Staatsanwaltschaft sagt der Sicherheitsverantwortliche der Gemeinde Crans-Montana, Georges T.*, aus, dass ein Computer-Puff mitverantwortlich für das Inferno war. Wegen fehlender Daten wäre eine effektive Kontrolle der Betriebe nicht möglich gewesen.

Das Problem: Das Chaos-System VS Fire war aber nicht nur in Crans-Montana im Einsatz. Auch andere Gemeinden setzten darauf. Nach dem Inferno im Le Constellation geht nun die Sorge um, dass auch in anderen Gemeinden wegen der fehlenden Daten nicht richtig kontrolliert werden konnte. 

IT-ler mit Wahnvorstellungen

Hintergund: IT-Unternehmer Jean D.* (64) spielte bei den Brandschutzkontrollen der Gemeinde Crans-Montana eine zentrale Rolle. Er kümmerte sich um die Computersysteme, wo alles gespeichert wurde. Etwa wann welches Lokal kontrolliert und welche Brandschutzmassnahmen angeordnet wurden. Doch es gab keine Sicherung und offensichtlich auch keine zweite Person, die den Zugang zu den Daten sicherstellen konnte. Denn: Als Jean D. psychische Probleme bekam, verlor die Gemeinde den Zugang und den Überblick!

D. versuchte sich sogar als Erpresser, weswegen er vor Gericht landete. Allerdings wurde er wegen Unzurechnungsfähigkeit nicht verurteilt. Viele der von ihm verwalteten Daten waren hingegen verloren. «Die Daten aus der alten Software VS Fire konnten nicht wiederhergestellt werden», heisst es in einem Bericht des Walliser Parlaments aus dem Jahr 2024. 

Ein Gemeindeproblem

Marie Claude Noth-Ecoeur, Chefin der Dienststelle für zivile Sicherheit beim Kanton Wallis, sagt zu Blick: «Mehrere Gemeinden nutzten die von diesem Dienstleister konzipierte und entwickelte IT-Lösung für spezifische Aufgaben, die in die Zuständigkeit der Gemeinden fielen, insbesondere für Brandschutzkontrollen.»

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«Wir wissen nicht, welche Gemeinden betroffen sind!»
Marie Claude Noth-Ecoeur, Dienstchefin
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Heisst: Da es um Gemeindeaufgaben ging, waren auch die Gemeinden für die Sicherung der Daten zuständig. «Es war daher nicht Aufgabe des Kantons, in diese Geschäftsbeziehung einzugreifen oder Daten zu pflegen oder zu verwalten, die den Gemeinden gehörten», sagt Noth-Ecoeur und fügt an: «Wir wissen nicht, welche Gemeinden betroffen sind!»

Der Kanton Wallis hat also keine Ahnung, wie gross die Auswirkungen der Wahnvorstellungen von Jean D. auf die Sicherheit der Gebäude sind. Dass wegen fehlender Daten Kontrollen versäumt wurden, wissen nur die betroffenen Gemeinden.

Kaum Rückmeldung

Blick fragt bei über einem Dutzend grosser Gemeinden im Wallis nach. Zum Beispiel bei den Städten Sitten, Siders oder Martigny. Auch grosse Tourismusgemeinden wie Verbier, Nendaz oder Zermatt schreibt Blick an. Hat der Zusammenbruch von VS Fire zu einem Datenverlust geführt? 

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Es scheint eine sehr heikle Frage zu sein. Denn von den 15 angeschriebenen Gemeinden reagieren 12 überhaupt nicht.

Nur zwei antworten. Die Stadtgemeinde Brig-Glis teilt über Mediensprecher Bruno Kalbermatten mit: «In Brig-Glis wurde VS Fire ausschliesslich für feuerwehrrelevante Daten aus dem Bereich Intervention eingesetzt. Daten aus dem Bereich Brandschutz wurden nicht in VS Fire geführt.»

Der Gemeindeschreiber von Saas-Fee, Bernd Kalbermatten, sagt derweil: «Aufgrund aller laufenden Verfahren im Zusammenhang mit Crans-Montana können wir leider keine Rückmeldung geben.»

Das Ein-Mann-Desaster

Während der Kanton die Gemeinden in die Pflicht nimmt, muss er sich dennoch Kritik gefallen lassen. Und zwar jene, dass er ein solch zentrales IT-Projekt in die Hände eines einzelnen Mannes gegeben hat. 

Etwas, das nicht nur bei VS Fire passiert ist. Im Walliser Parlament wird im März ein Vorstoss der Mitte Oberwallis behandelt, der genau das kritisiert. Dort werden zwei weitere IT-Projekte des Kantons genannt, deren Funktion einzig und allein auf dem Wissen einer einzelnen Person basiert. «Es ist inakzeptabel, beim Betrieb und der Entwicklung von Informatikanwendungen von einer einzigen Person abhängig zu sein und sich zudem auf eine lückenhafte Dokumentation zu stützen», heisst es.

Bei VS Fire habe man das Problem erkannt und behoben, sagt derweil Dienstchefin Noth-Ecoeur. «Der neue Betreiber ist kein Ein-Mann-Betrieb mehr, sondern ein Unternehmen mit mehreren Angestellten. Die neue Software wird in vielen Kantonen der Schweiz eingesetzt.»

* Namen geändert

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