Darum gehts
- Jean D. verursachte Datenverlust und drohte mit Erpressung gegen Polizeikorps 2023
- Wichtige Daten für Crans-Montana-Katastrophe 2022 gingen durch D. verloren
- Tragödie: 41 Tote, 125 Verletzte, Daten aus «VS Fire» unwiederbringlich weg
IT-Unternehmer Jean D.* (64) spielte bei den Brandschutz-Kontrollen der Gemeinde Crans-Montana VS eine zentrale Rolle. Er kümmerte sich um die Computersysteme, wo alles gespeichert wurde: wann welches Lokal kontrolliert wurde. Und welche Brandschutz-Massnahmen angeordnet wurden. Es gab keine Sicherung und offensichtlich auch keine zweite Person, die den Zugang zu den Daten sicherstellen konnte. Denn: Als Jean D. psychische Probleme bekam, verlor die Gemeinde den Zugang und den Überblick!
Gemäss dem aktuellen Sicherheitsverantwortlichen der Gemeinde Crans-Montana, Georges T.*, war das Computer-Puff ein Mitauslöser für die Katastrophe. Bei seiner Anhörung vor der Staatsanwaltschaft am Freitag sagte T. laut Medienberichten aus, dass ihm für die effiziente Kontrolle der Betriebe wichtige Daten gefehlt hätten. Das sei der Grund, warum Le Constellation jahrelang nicht mehr kontrolliert worden sei.
Erpressung und Abschaltung
Bereits im Januar 2023 sorgte die Affäre um die digitale Plattform «VS Fire» für Schlagzeilen. «VS Fire» war die von D. entwickelte Plattform für die Walliser Feuerwehren. Genutzt wurde sie aber auch von der Gemeinde Crans-Montana. Daneben hatte D. auch für verschiedene Polizeikorps gearbeitet.
Damals wurde gegen D. eine Untersuchung eingeleitet. Der Vorwurf: Versuchte Erpressung. Er drohte damit, sensible Daten im Darknet zu veröffentlichen. Zudem wollte er den Dienst von «VS Fire» einstellen, sollten ihm nicht 100'000 Franken gezahlt werden. Jean D. wurde verhaftet. Weil der psychisch angeschlagen war, kam er in eine geschlossene Psychiatrie.
Zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig?
Im September 2024 musste sich Jean D. vor dem zuständigen Bezirksgericht verantworten. Staatsanwalt Olivier Elsing sagte damals über den Angeklagten: «Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war der Angeklagte wahnhaft und lebte in einer Parallelwelt voller Verschwörungstheorien. Es war unmöglich, sich mit ihm zu unterhalten.» Das berichtete «Le Nouvelliste».
Die «SonntagsZeitung» schreibt zum Geisteszustand von Jean D.: «Die zuständige Behördenvertreterin hat ihn im Wald treffen müssen. Später hat der Mann wirre Theorien über Satanismus, darunter angeblichen Kannibalismus prominenter Persönlichkeiten, über seinen Blog verbreitet. Ein bekannter Wirtschaftsmann esse Babys, behauptete er unter anderem.»
Auf seinem Facebook-Profil finden sich weiter immer noch Verschwörungstheorien rund um die Corona-Pandemie – zum Beispiel ein Beitrag, dass Softwaremilliardär Bill Gates für die Pandemie verantwortlich sei.
Der «Walliser Bote» berichtete 2023 von mehreren 5G-kritischen Beiträgen, die den Faktencheck nicht bestanden hätten.
Wegen strafrechtlicher Schuldunfähigkeit zum Tatzeitpunkt wurde D. schliesslich nicht verurteilt. Wie es ihm heute geht, ist unklar. Die Homepage seiner Firma ist ausser Betrieb, alle Kontaktversuche laufen am Sonntag ins Leere.
Daten verloren
Nachdem sein Ein-Mann-Unternehmen aufgelöst wurde, war «VS Fire» definitiv tot. Ein neues System wurde zwar eingeführt. Aber: «Die Daten aus der alten Software VS Fire konnten nicht wiederhergestellt werden», heisst es in einem Bericht des Walliser Parlaments aus dem Jahr 2024. Das betrifft auch jene über die Kontrollen in Crans-Montana.
Der Sicherheitsverantwortliche gab in der Befragung an, dass der Mehraufwand wegen dem Datenverlust enorm war. Er habe deshalb bei der Gemeinde eine Aufstockung des Personal-Etats um fünf bis sechs Stellen beantragt, sagte er weiter. Doch die Stellenaufstockung sei nicht genehmigt worden. Gemeindepräsident Nicolas Féraud habe davon gewusst.
* Namen geändert