Darum gehts
- IT-Debakel im Wallis führte zu jahrelang vernachlässigten Brandschutzkontrollen in Schulen
- Informatiker Jean D. erpresste Behörden und drohte mit Datenveröffentlichung 2022
- 100'000 Franken gefordert, Software abgeschaltet, Datenzugriff für Behörden verloren
Seit diesem Wochenende ist klar, warum die Bar Le Constellation jahrelang nicht auf den Brandschutz hin kontrolliert wurde: Es geht um ein kantonsweites IT-Debakel! Die Behörden schlugen alle Warnungen in den Wind, sagt der ehemalige kantonale Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte Sébastien Fanti (55) gestern Montag im Gespräch mit Blick: «Ich weiss nicht, warum der Kanton nichts unternommen hat. Mein Bericht wurde dem Parlament vorgelegt.»
Er sollte recht behalten. Nach der Erneuerung einer wichtigen Software gingen Daten verloren und Kontrollen wurden vernachlässigt. Auslöser war der Informatiker Jean D.* (64), der das frühere System betreute und psychische Probleme bekam, wie die «SonntagsZeitung» zuerst berichtete. Er erpresste die Behörden, wurde 2023 verhaftet und in die Psychiatrie eingewiesen. Die Software wurde danach abgeschaltet – ohne Datenzugang für die Behörden. Besonders pikant: Auch mehrere Schulen wurden deswegen jahrelang nicht auf Brandschutzmängel kontrolliert.
Es wird immer klarer: Der Kanton, der bisher die Verantwortung auf die Gemeinde abgewälzt hat, hätte bei den versäumten Brandschutzkontrollen eingreifen können – vielleicht sogar müssen. Sébastien Fanti hatte die IT-Probleme schon 2022 untersucht und eindringlich gewarnt, wie er im Gespräch mit Blick sagt: «Im Jahr 2022 habe ich darauf hingewiesen, dass der Kanton Wallis Probleme mit der Software hat, die für die Brandsicherheit bestimmter Gemeinden verwendet wurde. Aber der Kanton hat nichts unternommen. Ich hatte erwartet, dass die Behörden meine Warnungen ernst nehmen würden.»
Die aktuelle Untersuchung könnte ein Nachspiel haben für den Kanton, meint Fanti: «Der Kanton könnte für das Chaos mitverantwortlich gemacht werden, da er die Daten einem Dritten anvertraut hat, ohne sich zu vergewissern, dass eine Sicherungskopie vorhanden ist, und ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen für Subunternehmer durchzuführen. Hinzu kommt, dass es sich um sensible Daten handelt.»
Der kantonale Sicherheitsvorsteher
Aktueller Sicherheitsvorsteher des Kantons Wallis ist Stéphane Ganzer (50). Er wurde im März 2025 gewählt. Zur Zeit des IT-Debakels war er noch nicht in der Regierung. Sein Vorgänger ist Frédéric Favre (47), der während des IT-Debakels Sicherheitsvorsteher war. Er hat sich bisher nicht zu den neuen Erkenntnissen geäussert. Er amtet aktuell als CEO des Vereins «Olympische und Paralympischen Spiele Switzerland 2038», weshalb er auf eine weitere Regierungskandidatur verzichtete.
Fanti seinerseits trat 2022 als Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter unter grossem Getöse zurück und arbeitet wieder als Anwalt. Er vertritt aktuell Angehörige und Betroffene der Brandnacht. Er sagt klar: «Die Familien, die ich vertrete, verlangen, dass dieser Fall klar, rigoros und gründlich behandelt wird – das ist das Mindeste, was man für die Opfer von Crans-Montana tun kann.»
Sicherheitschef bringt Versäumnisse ans Licht
Die IT-Probleme bei den Walliser Brandschutzkontrollen wurden am letzten Freitag bei der Befragung des aktuellen Sicherheitschefs von Crans-Montana, Georges T.*, zum Thema. Demnach hätten ihm bei seinem Stellenantritt im Frühling 2024 entscheidende Informationen gefehlt – etwa was die Verwaltung der Aufgaben und Fristen betrifft.
Hintergrund: Der Informatiker Jean D. führte die kantonale Kontrollsoftware für die Feuerwehr, «VS-Fire», jahrelang in Eigenregie. Spätestens Ende 2022 fing er an, die Behörden zu erpressen. Damals sei ihm laut dem «Walliser Boten» der Vertrag für die Software des Kantonalen Amts für Feuerwesen (KAF) gekündigt worden. Er verlangte 100’000 Franken und drohte, sensible Daten im Darknet zu veröffentlichen. Anfang 2023 kam D. in Untersuchungshaft, wurde später jedoch wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen und in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Die Software wurde ausser Betrieb genommen.
Genügend Personal in der Gemeinde?
Damit verschwanden zahlreiche Daten, auf die die Behörden seither keinen Zugriff hatten. Das führte zu Problemen, die offenbar lange ignoriert wurden, auch von Gemeindepräsident Nicolas Féraud (55), der laut Sicherheitschef T. über die Probleme Bescheid wusste. Weil T. die Kontrollen manuell rekonstruieren musste, habe er die Gemeinde um mehr Stellen gebeten, diese wurden aber verweigert, obwohl das Problem hinlänglich bekannt war.
«Nicht Aufgabe des Kantons»
Am Dienstag erklärte der Kanton Wallis gegenüber der Agentur Keystone-SDA zur Software «VS-Fire»: «Seit 2009 wurde die Software für die Walliser Feuerwehren entwickelt. In der Folge nutzten mehrere Gemeinden die von diesem Dienstleister konzipierte und entwickelte IT-Lösung für spezifische Aufgaben, die in die Zuständigkeit der Gemeinden fielen, insbesondere für Brandschutzkontrollen.»
In diesem Zusammenhang «fanden die Kontakte direkt zwischen den Gemeinden und dem IT-Dienstleister statt», betont der Kanton. «Es war daher nicht Aufgabe des Kantons, in diese Geschäftsbeziehung einzugreifen oder Daten zu bearbeiten oder zu verwalten, die den Gemeinden gehörten», fasst der Kanton Wallis zusammen.
Im Jahr 2023 habe der Kanton alle Feuerwehren mehrfach aufgefordert, ihre jeweiligen Daten in kurzen Abständen ausserhalb der Plattform zu sichern. Das System «VS-Fire» wurde anschliessend durch das System LODUR ersetzt, und die meisten Daten der Feuerwehren konnten gesichert und in das neue System integriert werden.
Gefährliche Untätigkeit
In Crans-Montana kam es dennoch zu Problemen: Auch zahlreiche Schulen von Crans-Montana wurden jahrelang nicht kontrolliert. Genannt werden unter anderem die Ecole de Corin, Ecole Montana-Village und das Centre Scolaire intercommunal.
Erste Konsequenzen aus der Brandnacht wurden bereits gezogen. Das Grand Hôtel du Golf et Palace in Crans-Montana wurde mitten in der Hochsaison geschlossen, weil Brandschutzmängel nicht behoben wurden.
Laut Rechtsanwalt Fanti werden es wohl nicht die letzten Konsequenzen bleiben, zumindest nicht für die Kantonsbehörden, die bisher immer betont haben, dass die Verantwortung für den Brandschutz im Wallis ausschliesslich bei den Gemeinden läge: «Der Kanton muss sich angesichts der neuen Informationen darauf vorbereiten, sehr heikle Fragen zu beantworten.» Gemäss Fantis Einschätzung werde der Kanton «aus dieser IT-Katastrophe nicht ungeschoren herauskommen». Der Anwalt sagt: «Es wird schwer, zu behaupten, dass er keine Kenntnis von den Mängeln bei den Brandschutzkontrollen hatte.»
Jedoch zweifelt er auch leise an der Motivation einer lückenlosen Aufklärung im Wallis: «Ich frage mich, ob Staatsanwältin Pilloud es wagen wird, den Kanton – oder genauer gesagt die verantwortlichen Personen innerhalb der Kantonsbehörden – wegen dieser IT-Katastrophe zu verfolgen und anzuklagen.»
* Namen geändert