Darum gehts
- Feuer in Crans-Montana forderte 41 Tote und über 100 Verletzte
- Behördenversagen: Fehler bei Ermittlungen und verzögerte Sicherstellung von Beweisen
- Opferfamilien warteten über einen Monat auf 10'000 Franken Soforthilfe
Mittlerweile sind es mehr als fünf Wochen, seit in der Bar Le Constellation in Crans-Montana VS ein tödliches Feuer ausbrach, das 41 Menschen das Leben kostete und mehr als 100 Verletzte zur Folge hatte. Bereits eine Woche nach der Brandkatastrophe dokumentierte Blick eine Kaskade des Versagens. Seitdem sind unzählige weitere Fehler der Behörden ans Licht gekommen.
Am Wochenende kam heraus, dass die Gemeinde den Überblick verlor, als der für die wichtige Plattform «VS Fire» zuständige IT-Spezialist psychische Probleme bekam. Dem aktuellen Sicherheitsverantwortlichen von Crans-Montana fehlte der Zugang zu essenziellen Daten, wie er am Freitag bei der Vernehmung sagte. Blick dokumentiert weitere Fehler in der Liste der Versäumnisse.
Morettis durften ihre Handys behalten
Noch am Neujahrstag sollen die Inferno-Wirte Jacques (49) und Jessica Moretti (40) mögliche belastende Aufnahmen von ihren Social-Media-Konten entfernt haben. Dass möglicherweise entscheidende Beweise gelöscht wurden, veranlasste die Staatsanwaltschaft aber nicht dazu, weitere digitale Spuren schnell zu sichern. Laut einem Bericht der «NZZ am Sonntag» wurden die Handys der Morettis erst acht Tage nach dem Brand sichergestellt. Auch die Tatsache, dass die beiden zuständigen Brandschutzkontrolleure erst über einen Monat nach der Tragödie befragt werden, hinterlässt Fragezeichen.
Totales Obduktions-Chaos
Zwei Wochen lang sah die Staatsanwaltschaft Wallis bei den meisten Opfern von einer Autopsie ab. Viele Opferfamilien rechneten nicht mehr damit. Dann plötzlich die Wende, die viele Angehörige enorm verärgerte.
So lag Trystan Pidoux (†17) aus Pully VD bereits aufgebahrt in der Kapelle von Saint-Roch in Lausanne, als die Behörden ihn doch noch obduzieren wollten.
Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Rom, die das Bar-Inferno für Italien untersucht, tagelang Druck gemacht und Autopsie-Anträge eingereicht, die die zuständige Staatsanwaltschaft im Wallis ablehnte. Letztlich ordneten die italienischen Behörden die Obduktionen ihrer Staatsbürger selbst an, was dazu führte, dass mindestens ein Opfer exhumiert werden musste. Offenbar sah sich die Staatsanwaltschaft Wallis dazu gezwungen, sich auch andere Opfer doch noch anzuschauen – was die Opferfamilien nachhaltig verärgerte.
Diese und weitere Fehler von Beatrice Pilloud und ihrem Team sorgten für eine Belastungsprobe in den italienisch-schweizerischen Beziehungen. Jetzt reden die italienischen Behörden – und bald wohl auch die französischen – in dem Fall mit.
Brandschutz-Team war völlig überfordert
Die Aussagen des amtierenden Brandschutzbeauftragten von Crans-Montana vom Freitag sprechen Bände: Georges T.* bat die Gemeinde wegen des IT-Durcheinanders um eine Aufstockung des Personals um fünf bis sechs Stellen. Aber es passierte nichts. Mehrere Schulen, eine Jugendherberge und die Bar Le Constellation wurden jahrelang nicht kontrolliert. Schlimmer noch: Dutzende Hotels und Restaurants sollen überhaupt nie angeschaut worden sein, wie die «SonntagsZeitung» schreibt.
Kameraaufnahmen sind für immer weg
Auch diese Enthüllung zu Aufnahmen der Videokameras im Umfeld der Bar aus der Silvesternacht sorgt für Kopfschütteln: Nur sechs Stunden wurden gesichert. Der Rest ist weg – für immer. Das zeigen Recherchen der «NZZ». Die Bilder von Mitternacht bis 6 Uhr am Neujahrstag wurden gesichert. Was davor oder danach aufgezeichnet wurde? Gelöscht!
Opferfamilien warteten wochenlang auf ihr Geld
Auf die Soforthilfe in Höhe von 10'000 Franken mussten die Opferfamilien mehr als einen Monat warten. Die Begründung des Kantons: Es seien «administrative Überprüfungen» notwendig gewesen.
* Name geändert