Italiens Powerplay im Fall Crans-Montana zahlt sich aus
Wie Giorgia Meloni das Wallis bändigt

Von der «Üsserschwiiz» lässt sich das Wallis nichts sagen. Von Italiens Premierministerin Giorgia Meloni hingegen schon: Sie hat erreicht, dass italienische Behörden bei der Untersuchung der Tragödie von Crans-Montana mitreden. Wie gelang ihr das? Der Wochenkommentar.
Kommentieren
1/7
Italiens Premierministerin Giorgia Meloni macht Druck auf das Wallis.
Foto: AFP

Darum gehts

  • Die Untersuchung im Fall Crans-Montana wird hart kritisiert
  • Auch Bern mach sich Sorge zur Arbeit der Staatsanwaltschaft
  • Italien hat es geschafft, dass sie bei den Ermittlungen mitreden kann
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
THM_0348.jpg
Rolf CavalliChefredaktor Blick

Meine Prognose hat sich bestätigt. Wenn die Schweiz der Walliser Staatsanwaltschaft weiter beim Herumwursteln zusieht, greifen eben die Italiener ein. Das habe ich vor zwei Wochen geschrieben. Heute ist es Realität.

Die Dramaturgie der letzten Tage war kein Zufall. Spätestens nach dem Versäumnis der Walliser, die Leichen zu obduzieren, wollte Italien nicht länger tatenlos zusehen. 6 der 40 Todesopfer bei der Tragödie von Crans-Montana waren italienische Staatsbürger.

Italien wartete nur auf den nächsten Anlass zur Eskalation. Die Freilassung des Infernobar-Betreibers Jacques Moretti gegen Kaution lieferte ihn. Rom zog seinen Botschafter aus Bern ab, Premierministerin Giorgia Meloni (49) protestierte. Es war ein kalkulierter Tabubruch. Ein diplomatischer Paukenschlag.

Populistisch, aber wirksam

Bundespräsident Guy Parmelin (66) telefonierte letzten Samstag mit Meloni. Er erklärte ihr, der Bund könne im Wallis nicht einfach eingreifen – Gewaltenteilung, Föderalismus. Meloni wusste das natürlich. Aber ihr ging es nicht um Juristerei. Es ging darum, den Druck zu erhöhen auf die Walliser Untersuchungsbehörden. Populistisch, aber wirksam.

So berichtete Blick am 7. Januar auf der Front-Seite.

Und Italien weiss die rechtlichen Mittel auszuschöpfen, um einen Fuss in die Untersuchung zu bekommen. Zum Beispiel mit einem Rechtshilfegesuch, eingereicht via Bundesamt für Justiz. Prompt hat die Walliser Strafbehörde diesem nun stattgegeben. Das bedeutet für die Italiener: Akteneinsicht, Beteiligung an der Untersuchung. Auch die zweite Forderung – ein gemeinsames Ermittlungsteam – rückt näher.

Pannen-Liste wird immer länger

Es wird höchste Zeit, dass die Untersuchung professionelle Unterstützung erhält. Auch diese Woche wurde die Liste der Ungereimtheiten nämlich noch länger:

  • Die beiden zuständigen Brandschutzkontrolleure von Crans-Montana sind zwar jetzt Beschuldigte, werden aber erst im Februar einvernommen – über einen Monat nach der Tragödie.
  • Gemeindepräsident Nicolas Féraud (55), der oberste Verantwortliche vor Ort, wurde bis heute nicht befragt, wie er diese Woche selber sagte.
  • Ebenfalls fragwürdig: Teile des Videomaterials aus der Inferno-Bar wurden nicht rechtzeitig gesichert – und automatisch gelöscht.

Wenn die Üsserschwiiz drängt, bockt das Wallis

Nicht nur Rom, auch Bern verfolgt die Untersuchung deshalb mit zunehmender Sorge. Doch dem Bundesrat sind die Hände gebunden. Der Begriff «Soft Power» macht die Runde: informelle und indirekte Gespräche mit Exponenten im Wallis, um die leitende Staatsanwältin Beatrice Pilloud (50) doch noch zu überzeugen, den Fall an einen externen Ermittler abzugeben oder sich zumindest Hilfe zu holen.

Doch je stärker Bern drängt, desto mehr scheint das Wallis zu bocken. Sich von den Üsserschwiizern dreinreden lassen? Niemals! Dann doch lieber von Melonis Italien – wenn auch nur auf Druck.

Wenns es der Aufklärung der grössten zivilen Katastrophe der Schweiz seit Jahrzehnten dient – bitte sehr.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen