Kritik an Morettis Verhalten und verschlossener Notausgangstür
Schweizer Brandopfer Roze (18) meldet sich aus belgischem Spital

Roze (18) ist in der Silvesternacht der Flammenhölle im Le Constellation schwer verletzt entkommen. Sie war zusammen mit ihrer Freundin Nouran im Auftrag von Jessica Moretti in der Bar. Nun erzählt Roze ihre Geschichte und betont: Sie erinnere sich an jede Minute.
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Brandopfer Roze (18) übt starke Kritik am Verhalten von Jessica Moretti in der Brandnacht.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Roze aus Vevey überlebte an Silvester das Feuer in Crans-Montana
  • Barbesitzerin Moretti wird kritisiert, angeblich mit Kasse geflüchtet
  • 40 Tote, über 100 Verletzte: Auch Freundin Nouran hat schwere Verbrennungen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Karin FrautschiReporterin Blick

Die 18-jährige Roze aus Vevey VD überlebte das Flammeninferno in Crans-Montana VS. Sie liegt mit schweren Brandverletzungen in einem Verbrennungszentrum in Belgien. 

Jetzt spricht sie zum ersten Mal über die schreckliche Silvesternacht in der Bar Le Constellation, die vierzig Todesopfer und über hundert Verletzte forderte. Sie behauptet gesehen zu haben, warum die Notausgangstür verschlossen war, und kritisiert das Verhalten von Barbetreiberin Jessica Moretti.

Zweieinhalb Wochen im Koma

Roze lag 18 Tage im künstlichen Koma, inzwischen wurde sie zurückgeholt. Die junge Frau ist eines von sieben Brandopfern, die derzeit in belgischen Krankenhäusern behandelt werden. Die belgische Zeitung «Het Laatste Nieuws» konnte mit ihr sprechen. Roze berichtet im Interview, dass die Erinnerungen an den Brand sofort da gewesen seien.

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Roze (18) wird im Verbrennungszentrum des Universitätskrankenhauses CHU in Lüttich (Belgien) behandelt.
Foto: ID/ Jan Aelberts

Ihre Freundin Nouran (18) und sie seien nicht lange im Le Constellation gewesen. «Wir kamen um 1.15 Uhr in der Bar an, knapp eine Viertelstunde bevor dort das Feuer ausbrach.»

Im Auftrag von Barbesitzerin Jessica Moretti sollten sie gegen Bezahlung ein paar Fotos und ein Video von den Feiernden in der Bar machen – für Werbung im Internet.

Bei der Ankunft sei Nouran hungrig gewesen, sie hatte zuvor noch einen Tanzshow-Auftritt. Während ihre Freundin im Erdgeschoss etwas gegessen habe, habe Roze bereits ein paar Fotos in der Kellerbar geknipst. «Ich erinnere mich, dass ich meinen Kopf gedreht und plötzlich Feuer an der Decke gesehen habe», so Roze. Sie sei sofort nach oben gerannt und habe mehrmals laut gerufen: «Es brennt, es brennt!»

Hier erscheint Jessica Moretti zur nächsten Anhörung
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Inferno-Wirtin Crans-Montana:Hier erscheint Jessica Moretti zur nächsten Anhörung

Chaos und Panik in der Bar

Im Erdgeschoss habe sie ihre Freundin Nouran gefunden und sie gewarnt. «Alles ging blitzschnell, es brach Panik aus, die Leute drängelten, um durch die einzige Eingangstür nach draussen zu kommen.» Viele seien dabei zu Boden gefallen und hätten so den Weg und die Tür versperrt.

Auch Roze sei umgefallen. «Ich habe immer wieder ‹Hilfe› gerufen», erinnert sie sich. Schliesslich habe sie es geschafft, sich aufzurichten und durch ein zerbrochenes Fenster neben der Eingangstür zu fliehen.

Weil sie Nouran im Chaos verloren habe, habe Roze versucht, durch die Eingangstür nochmals ins Innere zu gelangen. Um den Fluchtweg zu befreien, habe sie zusammen mit anderen Leuten viele am Boden liegende Menschen nach draussen gebracht.

So habe sie auch Nouran gefunden und gerettet. «Sie war schrecklich verletzt und hatte schlimme Schmerzen.» Roze habe selbst Hilfe anfordern wollen, konnte jedoch nicht telefonieren. Sie sagt: «Meine Hände waren zu stark verbrannt.» Also habe sie einen Autofahrer auf der Strasse gebeten, den Rettungsdienst und Nourans Mama anzurufen – die sie dann beide mit dem Auto ins Spital Sion fuhr. «Von da an erinnere ich mich an nichts mehr», sagt Roze.

Schwere Vorwürfe gegen Jessica Moretti

Unter diese schrecklichen Erinnerungen mischen sich Wut und Unverständnis. Sie habe in dieser Nacht Dinge gesehen, die sie nicht verstehen könne. Dazu gehöre das Verhalten von Jessica Moretti. Als sich Roze aus der Feuerhölle gerettet habe, habe sie die Barbesitzerin draussen stehen sehen «mit etwas in den Händen, von dem inzwischen gesagt wird, dass es ihre Kasse war.»

Jessica Moretti soll in der Brandnacht mit einer Kasse vor der Bar gestanden sein.
Foto: keystone-sda.ch

Ein Bild, das Roze nie vergessen wird: «Jessica Moretti stand da und weinte, während sie auf ihre brennende Bar schaute – ohne Hilfe zu leisten. Sie kümmerte sich nicht um die Verletzten, suchte nicht nach Wasser. Sie stand einfach nur da.»

Der 18-Jährigen ist nicht klar, wie Moretti so schnell fliehen konnte. Bevor sie nach oben gerannt sei, habe sie Moretti noch im Keller gesehen. «Ich glaube kaum, dass sie durch diese eine Eingangstür entkommen ist. Aber: Wo ist sie dann entlanggegangen?»

Roze fragt sich auch, warum die Feuerlöscher nicht sichtbar an der Wand hingen und weshalb Jessica Moretti niemandem die Feuerlöscher gezeigt habe.

Auch die verschlossene Notausgangstür lässt Roze keine Ruhe. Sie will gesehen haben, wie ein Mitarbeiter einer anderen Bar des Moretti-Ehepaars in jener Nacht Eiswürfel ins Le Constellation gebracht – und dabei die Notausgangstür von innen mit einem Haken verschlossen habe.

Nouran ist noch im Koma

«Ich bin natürlich froh, dass ich am Leben bin. Aber: Ich denke auch sehr oft an die Toten – und das tut mir weh», sagt Roze. Persönlich gekannt habe sie keines der Todesopfer. Unter den Schwerverletzten befinde sich aber ihre Freundin Nouran, die aktuell in einem Zürcher Krankenhaus behandelt werde. «Ich habe noch nicht mit ihr sprechen können, sie hat 80 Prozent Verbrennungen, wir wissen nicht, wie sie das überstehen wird», sagt Roze. Nouran werde wohl noch für mindestens zwei Monate im Koma liegen. 

Roze selbst erlitt Verbrennungen dritten Grades, im Gesicht und an ihren Händen. «Mama und Papa müssen mich füttern und mir zu trinken geben, ich kann nicht einmal selbst auf die Toilette gehen.» Im schlimmsten Fall könne es zwei Jahre dauern, bis sie ihre Hände wieder benutzen könne. 

Vater Huseyin (42) und Bruder Mirza (3) am Spitalbett von Roze (18).
Foto: ID/ Jan Aelberts

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Seit ein paar Tagen kann Roze wieder ein paar Schritte gehen.

Trotzdem: Die schrecklichen Szenen aus der Silvesternacht verfolgen Roze bis in den Schlaf. Ihr Vater Huseyin (42) wacht jede Nacht neben ihrem Krankenbett. Roze sagt: «Ich habe Angst, alleine einzuschlafen. Angst, weil ich weiss, dass dann wieder die Albträume kommen werden.»

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