Darum gehts
- Leila Michelouds Töchter erlitten schwere Verletzungen beim Brand in Crans-Montana
- Ein Kollege rettete Farah, indem er eine blockierte Tür einschlug
- Seit 26 Tagen prägen Krankenhausbesuche und Therapien den Alltag der Familie
Die Walliser Sonne scheint lieblich auf das Haus von Leila Micheloud (51) in Réchy VS. Es ist fast frühlingshaft warm im Rhonetal. Auf der Terrasse streichelt Micheloud ihre Katze. Doch das schöne Bild zerfällt schnell. «Lola ist traurig, sie vermisst Farah und Meissa», sagt sie zu Blick.
Seit 26 Tagen ist im Leben von Leila Michelouds Familie nichts mehr, wie es war. Ihre beiden ältesten Töchter wurden beim Brand in der Bar Le Constellation schwer verletzt. Besonders hart getroffen hat es Farah (20). Bis letzten Freitag lag die junge Frau mit schwersten Verbrennungen im Spital von St. Gallen. Nun kümmert man sich um sie in einer Spezialklinik in Morges VD. Ihre jüngere Schwester Meissa (18) wird in der Suva-Klinik von Sitten VS behandelt. «Am Vormittag besuchen wir Farah, am Nachmittag sind wir bei Meissa, und den Abend verbringen wir mit unserer jüngsten Tochter Naiel (14)», beschreibt Leila Micheloud ihren Alltag. «Die Katastrophe von Crans-Montana hat meine Familie komplett zerstört!»
Gewaltige Solidarität
So schwer die Zeit für die Michelouds auch ist, da ist dennoch etwas Schönes, von dem Leila Micheloud erzählen will. Sie sagt: «Die Solidarität, die wir erlebt haben, ist unfassbar gross.» Sie erzählt von Tausenden Nachrichten von Menschen aus dem ganzen Land, von ihrer Heimatgemeinde Chalais VS, die ihr die Zugtickets für die Fahrten nach St. Gallen bezahlt hat, vom Spital St. Gallen selbst, das alles «für uns und unsere Töchter getan hat, was nur möglich war».
Auch dem Sozialdienst von St. Gallen dankt die Walliserin von Herzen. «Die haben sich um unsere Unterbringung gekümmert, ganz unkompliziert.» Die Anteilnahme habe sie immer wieder zu Tränen gerührt. «Ich kann gar nicht genug betonen, was mir das bedeutet.»
Schwere Traumata
Neben den schweren körperlichen Verletzungen – Farah hat Verbrennungen zweiten und dritten Grades am ganzen Körper – haben die beiden jungen Frauen auch grosse seelische Verletzungen davongetragen. «Farah möchte nicht über das Geschehene sprechen. Zwar redet sie generell schon, verweigert aber das Gespräch über die spezifischen Erlebnisse während des Brandes», sagt die Mutter und fügt an: «Nur einmal hat sie über die Nacht gesprochen, und was sie erzählt hat, war unfassbar grauenerregend.»
Demnach verdankt Farah ihr Leben einem Kollegen. «Die beiden wollten durch einen Notausgang flüchten, aber die Tür war verschlossen», sagt Leila Micheloud. «Gefangen in den Flammen und dem Rauch war sich meine Tochter sicher, dass sie sterben würde.» Doch dem Kollegen gelang es, die Plexiglastür einzuschlagen. «Er zog Farah an den Haaren aus dem Gebäude. Das hat sie gerettet.»
Fast einen Monat nach der Tragödie will Farah nichts von den Ereignissen wissen. «Sie schaut keine Nachrichten, schottet sich vollkommen ab. Ich befürchte, dass die Bilder aus der Bar sie ihr ganzes Leben verfolgen werden», sagt ihre Mutter.
Auch Meissa und Naiel leiden psychisch
Wie ihre Schwester hat auch die mittlere Tochter Meissa mit den traumatischen Erlebnissen zu kämpfen. «Sie befindet sich wie ihre Schwester in einem Schockzustand. Meine beiden Töchter müssen psychologisch betreut werden», sagt Leila Micheloud. Hinzu kommen auch bei Meissa die Folgen der Verbrennungen. «Es ist für beide noch ein unglaublich langer Weg.»
Naiel, die jüngste Tochter der Familie, ist schwer gezeichnet. «Sie muss damit klarkommen, dass ihre beiden Schwestern um ein Haar gestorben wären. Auch sie lebt in einer Art Schockzustand», erklärt Leila Micheloud.
Im Hause Micheloud ist denn auch nichts normal. «Ich muss meine Familie von Grund auf wieder aufbauen, die letzten 20 Jahre sind einfach verloren im Inferno von Crans-Montana», sagt Micheloud. Ihren aktuellen Alltag beschreibt sie als extrem belastend, getaktet durch Krankenhausbesuche und Therapien. «Das lässt kaum Raum für eine normale Zukunftsplanung!», sagt sie auf die Frage, wie es weitergehen soll.
«Ich will Gerechtigkeit»
In diese Unsicherheit mischt sich eine gehörige Portion Wut auf die Verantwortlichen. «Ich will, dass alle bezahlen, die Schuld an dieser Tragödie sind», sagt die Frau mit Nachdruck. Dazu gehört für sie selbstredend das Barbetreiber-Ehepaar Moretti.
Doch auch die Gemeinde Crans-Montana müsse zur Rechenschaft gezogen werden. «Die tragen auch Schuld an dieser Katastrophe.»
Noch habe sie Vertrauen in die Walliser Justiz. «Im Moment lassen wir sie arbeiten, obwohl ein ausserordentlicher Staatsanwalt sicher eine gute Idee wäre.»
Doch sollte sie das Vertrauen verlieren, so werde sie kämpfen. «Ich will Gerechtigkeit, um jeden Preis», sagt Leila Micheloud.