Italien beordert Botschafter nach Rom zurück – Parmelin und Cassis äussern sich
Morettis Freilassung entwickelt sich zur Belastungsprobe

Italiens Regierung ist empört: Das Walliser Zwangsmassnahmengericht hat Barbesitzer Jacques Moretti gegen 200'000 Franken Kaution freigelassen. Bundespräsident Parmelin und Aussenminister Cassis wollen beruhigen.
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Dass Jacques Moretti gegen eine Kaution in Höhe von 200'000 Franken freikommen darf, macht die Italiener hässig.
Foto: ALESSANDRO DELLA VALLE

Darum gehts

  • Italien kritisiert Freilassung von Jacques Moretti durch Walliser Zwangsmassnahmengericht scharf
  • Moretti kann für 200'000 Franken Kaution gehen
  • Bundespräsident Parmelin betont Schweizer Gewaltentrennung und transparente Ermittlungen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Für die Regierung und ganz Italien sei der Entscheid des Walliser Zwangsmassnahmengerichts, Barbesitzer Jacques Moretti (49) aus der Untersuchungshaft freizulassen, inakzeptabel. Dies sagte der italienische Aussenminister Antonio Tajani (72) an einer Medienkonferenz.

«Die Ministerpräsidentin und ich sind zutiefst empört. Nicht nur als Vertreter der italienischen Regierung, sondern auch als Eltern und ich zudem als Grossvater», sagte Tajani vor den Medien in Rom. Er und Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (49) hatten am Samstagmorgen den italienischen Botschafter in der Schweiz nach Rom beordert, um «weitere Informationen einzuholen und das weitere Vorgehen zu besprechen».

Tajani fordert mehr Tempo

Was am Freitag im Wallis geschehen sei, habe ihn und Meloni «zutiefst empört», fügte Tajani an. «Hier geht es nicht um Sicherheitsvorkehrungen, sondern um objektive Fakten.» Es sei inakzeptabel, eine Person freizulassen, die objektiv für das Geschehene verantwortlich sei.

Man könne den Tod von so vielen Menschen nicht mit einer Kaution von 200'000 Franken aufwiegen, fuhr Tajani fort. Der Aussenminister forderte die Schweizer Justiz auf, das Strafverfahren zu beschleunigen. «Die Gefühle des italienischen Volkes dürfen nicht auf diese Weise verletzt werden», schloss er sein Statement.

Pilloud äussert sich

«Wir haben den italienischen Botschafter in der Schweiz, Gian Lorenzo Cornado, beauftragt, unverzüglich Kontakt mit der Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis, Béatrice Pilloud, aufzunehmen, um ihr die tiefe Empörung der Regierung und Italiens über die Entscheidung des Zwangsmassnahmengerichts in Sitten zu übermitteln. Gemeinsam mit Minister Tajani veranlassten wir daher die Rückberufung von Botschafter Cornado nach Rom», schrieb Meloni auf X.

Die Walliser Generalstaatsanwältin äusserte sich am Samstagvormittag zu den sich überschlagenden Ereignissen. Gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA bestätigte sie, dass sie am Samstagvormittag vom italienischen Botschafter in der Schweiz kontaktiert worden sei. Sie habe ihn informiert, dass der Entscheid zur Freilassung des Barbesitzers von Crans-Montana nicht von der Staatsanwaltschaft angeordnet worden sei.

Parmelin kann Entrüstung verstehen

Sie habe dem Botschafter erklärt, dass am Freitag das Zwangsmassnahmengericht entschieden habe, erklärte Pilloud auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Gleichzeitig habe sie ihm empfohlen, sich für weitere Informationen an das Gericht oder die Bundesbehörden zu wenden. 

«Ich möchte nicht für einen diplomatischen Zwischenfall zwischen unseren beiden Ländern verantwortlich sein», teilte die Generalstaatsanwältin mit. Sie betonte weiter, dass sie keinem möglichen Druck der italienischen Behörden nachgeben werde, und habe dem italienischen Botschafter daher geraten, seine Bedenken über den Entscheid an die nationalen Behörden zu richten.

Bundespräsident Guy Parmelin (66) nahm am Samstag am Rande der SVP-Delegiertenversammlung in Näfels GL Stellung zu den Vorwürfen aus Italien. «Wir können die Entrüstung verstehen», so Parmelin. «Wir haben Verfahren in der Schweiz, die nicht die gleichen sind wie in Italien.» 

In der Schweiz habe man eine Gewaltentrennung. «Das muss man respektieren», erklärt der Bundespräsident. Die Justiz müsse die Untersuchung nun transparent führen. «Wenn Fehler gemacht wurden, muss es Sanktionen geben.»

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«Wir verstehen den Schmerz»

Parallel habe die Politik nun die Aufgabe, zu schauen, wie man die Opferfamilien bestmöglich unterstützen kann. Parmelin erklärte, dass er persönlich mit Giorgia Meloni in Kontakt stehe. Genauer ging er nicht auf die Aussagen Melonis ein.

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Aussenminister Ignazio Cassis veröffentlichte auf X eine Stellungnahme. «Wie Italien trauert auch die Schweiz um die 40 Opfer und die vielen Verletzten der Tragödie von Crans-Montana. Wir verstehen den Schmerz, denn es ist auch unser Schmerz. Wir wollen Klarheit», schrieb der Tessiner.

Moretti darf gegen Kaution gehen

Man verfolge die Arbeit der Walliser Justiz aufmerksam. Cassis ergänzte, er habe sich am Samstag mit seinem Kollegen Antonio Tajani ausgetauscht. «Wir haben die Bereitschaft der Schweiz und Italiens bekräftigt, sich in dieser gemeinsamen Tragödie gegenseitig zu unterstützen.» 

Dass der Botschafter Italiens nach Rom zurückgerufen werde, gehöre zur diplomatischen Praxis und sei nicht aussergewöhnlich, erklärt Michael Steiner, Medienchef des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf Anfrage. «Es handelt sich nicht um eine Abberufung, was bedeuten würde, dass es in der Schweiz keinen italienischen Botschafter mehr gibt», erläutert der EDA-Sprecher. «Der italienische Botschafter wird nach der Konsultation in Rom in die Schweiz zurückkehren und seine Arbeit fortführen.»

Das Walliser Zwangsmassnahmengericht hatte am Freitag beschlossen, Jacques Moretti gegen eine Kaution von 200'000 Franken freizulassen. Ihm und seiner Frau gehört die Bar Le Constellation in Crans-Montana, in der in der Neujahrsnacht bei einem verheerenden Brand 40 Menschen ums Leben kamen und 116 Personen verletzt wurden - viele davon aus Italien. Der Barbesitzer war seit dem 9. Januar in Untersuchungshaft.

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