Darum gehts
- Jacques Moretti (49) wurde am Freitag aus der Untersuchungshaft entlassen
- Er muss täglich zur Polizei und 200'000 Franken Kaution zahlen
- Gegen ihn und Jessica Moretti wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt
Er ist frei! Jacques Moretti (49) kommt aus der Untersuchungshaft raus. Das teilte das Walliser Zwangsmassnahmengericht am Freitag mit. Anstelle der Haft «wurden Ersatzmassnahmen angeordnet, um der Fluchtgefahr des Angeklagten entgegenzuwirken», heisst es in dem Schreiben des Gerichts.
Er muss seine Ausweis- und Aufenthaltsdokumente bei der Staatsanwaltschaft hinterlegen und sich täglich bei einer Polizeidienststelle melden. Auch eine Kaution muss der Betreiber des Le Constellation hinterlegen. Die Höhe der Sicherheit hat das Zwangsmassnahmengericht auf 200'000 Franken festgelegt.
Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung
Das Walliser Gericht begründet den Entscheid damit, dass das Fluchtrisiko erneut bewertet wurde. Ausserdem wurde die «Herkunft der Gelder sowie die Art der Beziehungen zwischen dem Angeklagten und der Person, die diesen Betrag gezahlt hat, einem seiner engen Freunde, geprüft».
Bereits vergangene Woche gab es das Gerücht, dass ein Freund der Morettis die Kaution von 200'000 Franken hinterlegen will, um den Barbesitzer freizukaufen. Jetzt ist klar: Der Plan ging auf!
«Ein Skandal und eine Schande»
Ein Schock für die Familie von Trystan Pidoux (†17). Er starb in der Feuerhölle von Crans-Montana, die in der Bar Le Constellation in der Silvesternacht ausbrach. «Für meinen Mandanten und die Familien der Opfer ist diese Entscheidung unerwartet und besonders schockierend . Seit dem Drama sind gerade einmal drei Wochen vergangen. Die Ermittlungen haben gerade erst begonnen», sagt Christophe de Galembert, einer der Anwälte der Familie, zu Blick. Das Gericht relativiere eine Fluchtgefahr, dabei habe Jacques Moretti Verbindungen nach Frankreich, insbesondere nach Korsika. Jacques Moretti wurde auf Korsika geboren.
Auch ein anderer Opfer-Anwalt schimpft über die Freilassung Morettis. Jean-Luc Addor zu Blick: «Ein Skandal und eine Schande gegenüber den Opfern und ihren Familien.»
Italienischer Aussenminister wütend
Der italienische Aussenminister Antonio Tajani (72) tobte angesichts der Entscheidung des Zwangsmassnahmengerichts. Auf X brachte er in einem Post seine Wut wortgewaltig zum Ausdruck.
«Ich bin fassungslos angesichts der Freilassung von Jacques Moretti aus dem Schweizer Gefängnis. Diese Tat ist ein wahrer Skandal für die Familien, die ihre Kinder in Crans-Montana verloren haben, und sie ignoriert die Trauer und den tiefen Schmerz, den diese Familien mit dem italienischen Volk teilen», schrieb der Politiker und gab ein Versprechen ab: «Wir werden unsere Unterstützung und Solidarität mit den Eltern der Opfer dieser unfassbaren Tragödie verstärken. Wir werden weiterhin gemeinsam dafür sorgen, dass die Schweizer Behörden die Wahrheit ans Licht bringen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.»
In die gleiche Kerbe schlug am Freitagabend auch die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni (49). Sie sei empört über die Nachricht der Freilassung Morettis. «Ich empfinde dies als eine Schändung des Andenkens an die Opfer der Silvestertragödie und als eine Beleidigung ihrer Familien, die um ihre Angehörigen trauern», schrieb sie in einem Beitrag auf X. Auch sie gab ein Versprechen ab: «Die italienische Regierung wird die Schweizer Behörden für die Geschehnisse zur Rechenschaft ziehen.»
Mutter von Opfer: «Ich weiss nicht, warum er frei sein muss»
Beim französischen TV-Sender BFMTV meldet sich kurz nach Bekanntwerden von Morettis Freilassung die wütende Mutter eines Brandopfers. «Es ist ein Skandal, dass er auf freiem Fuss ist, denn er hat immer noch die Möglichkeit zu fliehen», sagt sie. Moretti könne sich gefälschte Ausweispapiere besorgen und entkommen. «Ich weiss nicht, warum er frei sein muss. Das ist eine Tragödie», ergänzt sie und behauptet: «Es gab eine Täuschung, eine echte Täuschung. Es gab keine Kontrolle.»
Die Hinterbliebene hat Fragen an die Behörden. «Warum wurden die anderen Einrichtungen kontrolliert und das Constellation nicht?» An der Tragödie seien nicht nur die Morettis Schuld, sondern auch diejenigen, die die Kontrollen nicht durchgeführt hätten. «Sie schieben einander die Schuld zu. Bis heute haben wir keine Antwort», klagt die Frau sichtlich emotional an.
Romain Jordan, Anwalt mehrerer Opferfamilien, reagierte in einer Mitteilung zurückhaltend: «Ich kommentiere die Fragen der Untersuchungshaft nicht.» Aus Sicht seiner Mandanten werde jedoch erneut nicht auf das Risiko von Absprachen und Beweisvernichtung eingegangen – ein Risiko, das sie stark beunruhige und die Integrität der Ermittlungen gefährden könne.
Sébastien Fanti, Anwalt mehrerer Opferfamilien, sagte auf Anfrage von Keystone-SDA, dass «dies keine Überraschung ist (...), da die Staatsanwaltschaft das Risiko einer Absprache nicht berücksichtigt hat. Es war klar, dass er freikommen würde». Der Anwalt aus Sitten hofft, dass nun «die Vernehmungen beschleunigt werden und einen normalen Rhythmus erreichen». Seinen Angaben zufolge steht der Zeitpunkt der nächsten Vernehmungen des Ehepaars Moretti bisher nicht fest.
Das teilen die Morettis mit
In einer von ihren Anwälten übermittelten Erklärung versicherte das Ehepaar Moretti, dass sie «die getroffene Entscheidung und die damit verbundenen Verpflichtungen in vollem Umfang anerkennen». Das Paar werde «weiterhin gemeinsam allen Aufforderungen der Behörden nachkommen».
Im Falle von Jessica Moretti, die weiterhin auf freiem Fuss ist, hatte das Zwangsmassnahmengericht in der vergangenen Woche beschlossen, Ersatzmassnahmen für ihre Untersuchungshaft zu verhängen, und damit einem Antrag der Walliser Staatsanwaltschaft stattgegeben. Ihr wurden die gleichen Massnahmen auferlegt wie ihrem Ehemann.
Gegen Jacques Moretti und Jessica Moretti, wird nach der Feuer-Hölle von Crans-Montana mit 40 Toten und über 100 Verletzten, unter anderem wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Es gilt die Unschuldsvermutung.