Darum gehts
Es ist 0.08 Uhr im neuen Jahr. Das Jahr, in dem Trystan Pidoux (†17) aus Pully VD volljährig wird. Er feiert in Crans-Montana VS ins 2026.
Der junge Mann schreibt seiner Mutter Vinciane Stucky ein Whatsapp: «Frohes neues Jahr. Dicke Küsse. Ich liebe dich. Dicker Kuss auch an die anderen. Ich liebe dich.» Das letzte Lebenszeichen, das die Mutter von ihrem Sohn erhält.
Weniger als eineinhalb Stunden später bricht im Club Le Constellation im Walliser Ski-Ort das Inferno aus, das 40 Todesopfer fordert. Unter ihnen Trystan Pidoux.
Am Montag trifft Blick Vinciane Stucky bei sich zu Hause in Pully. Sie erzählt die letzten Wochen nach. Weihnachten. Silvesternacht. Hoffnung. Gewissheit. Trauerfeier. Das letzte Kapitel wird am Mittwoch geschrieben – Begräbnis.
Das letzte gemeinsame Weihnachten
Vinciane Stucky feiert mit ihren drei Söhnen und der Tochter Weihnachten – beim Grossvater von Trystan. «Wie immer war Trystan der Unterhalter», sagt die Mutter. «Er hatte eine anziehende Aura.»
In einer Nacht zwischen Weihnachten und Neujahr quatschen der Teenager und seine Mutter stundenlang. «Wir hatten ein enges Verhältnis. Er erzählte mir alles», sagt sie. «Ich weiss nicht, was ich ohne ihn tun soll.»
Das Inferno in der Silvesternacht
31. Dezember. Trystan ist zu Hause. Silvesterparty in Genf oder Crans-Montana? Die Wahl fällt aufs Wallis.
Das Letzte, was die Mutter für ihren Sohn macht: «Ich bügelte sein Hemd, obwohl er es schon anhatte. Wir mussten lachen.» Mit Rucksack und Tragetasche verlässt Trystan um 17 Uhr das Haus. «Normalerweise umarmen wir uns immer beim Abschied und sagen, dass wir uns lieben», erzählt Stucky. An diesem Abend nicht, da sie im Badezimmer beschäftigt ist. «Ich habe ihm etwas zugerufen. Ich bereue es, ihn nicht noch einmal umarmt zu haben.»
Stucky weiss, dass das Constellation auf dem Nacht-Plan von Trystan und seinen Freunden stand. Um 0.08 Uhr erhält sie das letzte Whatsapp von ihrem Sohn. Die Mutter antwortet sofort: «Ich liebe dich mehr als alles andere. Frohes neues Jahr.»
Zwischen ein und zwei Uhr geht sie ins Bett. Um fünf Uhr ruft Trystans Vater an. Sie geht nicht ran. «Um 7 Uhr habe ich ihn zurückgerufen. Er sagte mir, dass das Constellation brennt.» Die Mutter gerät in Panik: «Ich habe Trystan 100 Mal angerufen. Ihm Nachrichten geschrieben. Normalerweise antwortet er immer. Auch mitten in der Nacht.»
Stucky klappert alle Freunde ihres Sohnes telefonisch ab. «Einer sagte mir, dass Trystans Snapchat-Standort das Constellation anzeige.»
Die Hoffnung, dass Trystan noch lebt
Stucky telefoniert unzählige Spitäler ab. Die Hoffnung bleibt bestehen, für mehrere Tage. Die Mutter will wissen, wo der Junge ist. «In meiner Version war er stark verbrannt – aber am Leben.» Schon am 1. Januar geht Stucky nach Crans-Montana hoch. Sie gibt ihre DNA-Probe ab. «Ich habe der Polizei alle Informationen gegeben, die helfen können, Trystan zu finden.»
Die traurige Gewissheit
Die Tage vergehen. Anonymer Anruf. Stucky geht ran. Walliser Kantonspolizei. «Mir war klar, was sie mir zu sagen haben. Ich wollte es nicht wahrhaben.» Stucky ist in der Kirche von Lutry VD, die ein Versammlungsort für suchende Angehörige war. «Ich schrie. Es hallte in der ganzen Kirche. Ich hämmerte den Kopf gegen die Schränke. Mein ältester Sohn musste mich zurückhalten.»
In einem anderen Raum der Kirche sagen Polizisten Vinciane Stucky ins Gesicht, dass ihr Sohn tot sei.
Der Leichnam des Sohnes
Die Frau will den toten Körper ihres Sohnes sehen. «Ich wollte die Sicherheit haben, dass es mein Trystan ist, den ich begraben werde.» Im Leichensaal erkennt die Mutter ihren Sohn sofort. «Seine Gesichtszüge waren intakt. Die Bestatterin sagte mir, er habe keine tödlichen Verbrennungen erlitten.» Die Mutter beschreibt: «Seine Augen leuchteten grün, sein Gesichtsausdruck war verkrampft.»
Die Bestatterin habe Trystan schminken müssen, um den verbrannten Teint zu überdecken. «Ich blieb Stunden in diesem Raum», so die Mutter. «Ich wollte nicht, dass er alleine ist.»
Sie hängt ihm eine Halskette mit einem christlichen Symbol um. «Es soll ihn im Paradies und auf dem Weg dorthin beschützen.» Sie steckt ihm einen selbst geschriebenen Brief in die Hemdtasche. Legt Familienfotos und Dubai-Schoggi neben seinen Leichnam. Und befestigt sein Hermès-Armband am Handgelenk. «Ein Gefühl überkam mich in diesem Saal: Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen.»
Es gibt Momente, in denen Stucky vergisst, dass ihr Sohn tot ist. «Ich erwache, denke, es war ein Alptraum. Gehe in sein Zimmer und merke, es ist Realität.» Sie sagt: «Immer dann, wenn ich realisiere, dass er nicht mehr lebt, kann ich nicht atmen.»
Skandal-Aussage des Gemeindepräsidenten
An einer Pressekonferenz lässt Crans-Montana-Gemeindepräsident Nicolas Féraud (55) folgende Worte fallen: «Die Gemeinde ist als Geschädigte am meisten betroffen, vor allen anderen.» Und das, obwohl sie Brandschutz-Dokumente löschte und bei Kontrollen schlampte.
Stucky ist fassungslos. «Férauds Worte sind ein Hohn für die Opfer-Angehörigen und die Überlebenden und deren Familien», sagt sie. «Ich hoffe, dass er und seine Leute für ihre Schlampereien verurteilt werden.» Und: «Mit seinen Worten hat uns Féraud ins Gesicht gespuckt. Das Blut von Trystan klebt an den Händen der Gemeinde von Crans-Montana. Und damit auch an den Händen von Nicolas Féraud.»
Die Trauerfeier
Am Sonntag fand in Lausanne eine Zeremonie statt – für Trystan Pidoux und seinen besten Freund, der beim Drama ebenfalls starb. In der Kirche und draussen seien über 1000 Menschen anwesend gewesen, sagt Trystans Familie: «Kinder, Jugendliche, Freunde, Angehörige, Bekannte.» Vinciane Stucky hält eine Rede.
Die Botschaft an die Barbetreiber
Beim Treffen mit Blick am Montag sendet Stucky ans Betreiber-Paar Moretti eine Botschaft: «Indem sie den Notausgang verriegelten, liessen sie Trystan keine Chance, sich zu retten. Eine Falle für ihn.» Das sei unentschuldbar. «Jeder Mensch weiss, wofür ein Notausgang da ist. Mit dem Blick-Artikel sollen die Morettis realisieren, wer mein Trystan war. Und wem sie die Chance auf eine Zukunft geraubt haben.»
Das Begräbnis
Am Mittwoch begräbt Vinciane Stucky ihren Sohn. «Die Zeremonie am Sonntag war eine Hommage an Trystan, die mir unglaublich wichtig war.» Sie sagt aber: «Ich weiss nicht, ob ich sein Begräbnis überleben werde. Jetzt ist sein Körper noch da. Nachher weg. Unter der Erde. Für immer. Es ist unerträglich.»