«Meine Gedanken sind ständig bei den Opfern»
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Jessica Moretti Tränen nahe:«Meine Gedanken sind ständig bei den Opfern»

«Das ist die Tragödie meines Lebens»
So schildern Morettis die Silvesternacht in Crans-Montana

Jacques und Jessica Moretti verloren beim Brand in ihrer Bar die eigene Schwiegertochter. Sie geben zu, dass es keine Sprinkleranlage gab und die Angestellten nicht für den Umgang mit Bränden geschult waren. Nach der ersten Befragung kommen weitere Details ans Licht.
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Das Ehepaar verlor in der Brandnacht ihre Schwiegertochter.
Foto: AFP

Darum gehts

  • Am 31. Dezember 2025 starben 40 Menschen bei einem Clubbrand in Crans-Montana
  • Wunderkerzen lösten das Feuer aus, Notausgänge waren blockiert
  • 116 Verletzte, darunter Minderjährige; Betreiber wegen Fahrlässigkeit angeklagt
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Ein verheerender Brand im Crans-Montana-Nachtklub Le Constellation in der Silvesternacht hat 40 Menschen das Leben gekostet und 116 weitere verletzt. Wenige Stunden nach dem Unglück wurden die Betreiber des Lokals, Jacques und Jessica Moretti, von den Schweizer Behörden befragt. Laut BFMTV gaben beide in getrennten Verhören detaillierte Einblicke in die tragischen Ereignisse.

Jessica Moretti, sichtlich erschüttert und in Tränen aufgelöst, entschuldigte sich am Freitag vor laufenden Kameras öffentlich: «Das ist in unserem Lokal passiert, und ich möchte mich entschuldigen.» Ihr Ehemann Jacques Moretti konnte keine Stellungnahme abgeben – er wurde von der Justiz in Untersuchungshaft genommen.

Jessica Moretti während Brand vor Ort

Bereits am Neujahrstag wurden die Morettis erstmals von der Polizei einvernommen. Zu diesem Zeitpunkt waren 40 Todesopfer und 116 Verletzte zu beklagen. Die Ermittler begannen, die Geschehnisse jener verhängnisvollen Nacht zu rekonstruieren.

Laut den Aussagen von Jessica und Jacques Moretti begann der Abend im Le Constellation ruhig. Jessica traf um 22.30 Uhr ein, während Jacques sich in einem anderen Lokal der Familie, dem Senso, aufhielt. «Um Mitternacht war sehr wenig los», erklärte Jessica. Doch gegen später füllte sich der Club, und etwa 100 Gäste waren vor Ort.

Die Katastrophe nahm ihren Lauf, als Flaschen mit brennenden Wunderkerzen von maskierten Bedienungen auf den Schultern von Kellnern zu den Tischen gebracht wurden. «Plötzlich spürte ich eine Bewegung in der Menge», schilderte Jessica Moretti den Moment. «Ich sah ein orangefarbenes Licht in der Ecke der Bar. Ich schrie sofort: ‹Alle raus!› und alarmierte die Feuerwehr.»

Moretti versuchte Schwiegertochter wiederzubeleben

Jacques Moretti, der zu diesem Zeitpunkt im Senso war, erhielt gegen 1.28 Uhr einen panischen Anruf seiner Frau: «Ich sagte ihm: ‹Es brennt im Constel, komm sofort!› Das Gespräch dauerte elf Sekunden.» Als Jacques vor Ort eintraf, war der Club bereits voller Rauch. Der Eingang war unpassierbar, und die Hintertür war von innen verriegelt. Gemeinsam mit zwei anderen Personen ging er hinter das Gebäude und schloss die Tür auf. «Als die Tür nachgab, lagen mehrere Menschen bewusstlos am Boden. Meine Schwiegertochter war unter ihnen.»

Cyane P.*, eine 24-jährige Angestellte des Lokals, gehörte zu den Opfern. Jacques und ein weiterer Helfer versuchten verzweifelt, sie wiederzubeleben – vergebens. «Ich habe ein Kind aufgezogen, als ob es mein eigenes wäre. Das war ihr Freund. Er und ich haben über eine Stunde lang versucht, sie auf der Strasse wiederzubeleben, bis die Rettungskräfte uns sagten, dass es zu spät sei», sagte Jacques, erschüttert vor den Ermittlern. Jessica fügte hinzu: «Cyane war wie meine kleine Schwester. Sie hat Weihnachten mit uns verbracht. Ich bin am Boden zerstört.»

«Das ist die Tragödie meines Lebens»

Die Ermittlungen richteten sich schnell auf die Sicherheitsvorkehrungen im Club. Laut BFMTV erklärten die Betreiber, dass sie die Einrichtung 2015 übernommen und umfassend renoviert hatten. Die Elektrik und Lüftung wurden von externen Firmen installiert. Der Club verfügte über eine Hauptausgangstür und eine Notausgangstür, die laut Jacques Moretti ordnungsgemäss gekennzeichnet waren. Fotos, die BFMTV einsehen konnte, untermauern diese Angaben.

Trotzdem räumten die Morettis ein, dass es keine Sprinkleranlage gab und die Angestellten nicht speziell für den Umgang mit Bränden geschult waren. Die Wunderkerzen, die den Brand ausgelöst hatten, waren bei Geburtstagsfeiern üblich. «Die Wunderkerzen brennen 30 bis 40 Sekunden, gerade lange genug, um sie von der Bar an den Tisch zu bringen, ohne dass jemand zu Schaden kommt», sagte Jacques Moretti. Jessica fügte hinzu: «Wir lassen niemals Gäste die Wunderkerzen anfassen. Sobald sie ausgehen, legen wir sie in ein Glas Wasser.»

Ein weiteres Problem war die Anwesenheit minderjähriger Gäste. Die Betreiber gaben an, Personen unter 16 Jahren den Zutritt zu verwehren und bei 16- bis 18-Jährigen eine Begleitung durch Erwachsene vorzuschreiben. «Wir tun unser Bestes, um das sicherzustellen, aber es ist nicht auszuschliessen, dass es in Einzelfällen zu Fehlern kommt», räumte Jacques Moretti ein. Am Abend der Tragödie waren jedoch zahlreiche Minderjährige anwesend, darunter auch Kinder unter 16 Jahren. Einige von ihnen überlebten den Brand nicht.

Jessica und Jacques Moretti wurden inzwischen wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Brandstiftung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. «Ich fühle mich verantwortlich, weil ich alle Opfer nicht beschützen konnte», sagte Jacques Moretti. «Das ist die Tragödie meines Lebens.» Seine Frau Jessica fügte hinzu: «Ich weiss nicht, wie ich das durchstehen soll.» Die Untersuchungen dauern an.

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