So kam es zum Drama in Crans-Montana
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Feuer-Hölle in Bar:So kam es zum Drama in Crans-Montana

Inferno-Beizer bleiben auf freiem Fuss – Anwälte sind fassungslos
«Das Walliser Vorgehen ist unverständlich, ein Skandal!»

40 Tote, 119 Verletzte: Die Inferno-Bar in Crans-Montana wurde zur Todesfalle. Die Betreiber Jacques und Jessica Moretti stehen im Fokus der Ermittlungen. Ihnen wird fahrlässige Tötung und Brandstiftung vorgeworfen, doch sie bleiben auf freiem Fuss.
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Die Staatsanwaltschaft Wallis wirft den Inferno-Beizern fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst vor.
Foto: zVg
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Pascal ScheiberReporter Gesellschaft

In ihrer Bar starben 40 Menschen. 119 verletzten sich teils schwer. Wer trägt die Verantwortung, dass so viele Junge zwischen 14 und 39 Jahren ihr Leben in den Flammen verloren? Klar ist: Im Fokus der Walliser Ermittler steht das Betreiberpaar Jacques (49) und Jessica Moretti (40). 

Die Staatsanwaltschaft Wallis eröffnet am Samstag, zwei Tage nach dem Inferno, ein Strafverfahren gegen die beiden. Der Verdacht: Das Lokal war mit hochentzündlichen Kunststoffpaneelen ausgekleidet. Mit den auf Flaschen montierten Wunderkerzen – oder «Fontänen» – entwickelte sich die Bar zur Todesfalle. Den Betreibern wird fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst vorgeworfen, schreiben die Ermittler am Sonntagabend in einer Medienmitteilung.

Dass die Morettis trotz schwerwiegenden Verdachts auf freiem Fuss sind, sorgte bereits in den letzten Tagen für empörte Reaktionen. In einem ungewöhnlichen Schritt erklärt sich die Staatsanwaltschaft in der Mitteilung: Man sei der Ansicht, dass die Voraussetzungen für die Anordnung einer Untersuchungshaft «derzeit nicht erfüllt» seien: «Aktuell bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass die Beschuldigten sich dem Strafverfahren oder der zu erwartenden Sanktion durch Flucht entziehen könnten.»

«Das Walliser Vorgehen ist unverständlich – ein Skandal!»

Auch am Sonntag war Jacques Moretti in der Region. Ein Blick-Reporter sah den Betreiber der Inferno-Bar an seinem Wohnsitz in einer Nachbargemeinde von Crans-Montana VS mit rund einem Dutzend Begleitern. Einer dieser Herren ging den Journalisten verbal an; die Situation drohte zu eskalieren.

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«Es überrascht mich, dass die Barbetreiber nicht hinter Gittern stecken», lässt sich ein Zürcher Anwalt zitieren. Für ihn ist klar: «In Zürich wären die Morettis längst in U-Haft.» Ein weiterer Anwalt aus der Ostschweiz sagt: «Das Walliser Vorgehen ist unverständlich, ein Skandal!» Beide Juristen wollen nicht namentlich mit dem tragischen Fall in Verbindung gebracht werden. Bei beiden handelt es sich um ausgewiesene Experten mit Strafrechts-Erfahrung.

Klar ist: Als Betreiber der Inferno-Bar stand die Sicherheit der Gäste in der Verantwortung der Morettis. Dass die gesetzlich vorgeschriebenen Fluchtwege, der Jugendschutz oder Brandschutzmassnahmen eingehalten und eingebaut werden, müssen sie unter Aufsicht der lokalen Behörden versichern können.

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Die Schweizer Strafprozessordnung definiert, wie die Ermittler vorgehen dürfen und welche Mittel ihnen zur Verfügung stehen. Weil nach einer Tat, einem Unglück oder einem Brand der Tathergang und die Verantwortlichen nicht gleich feststehen, dürfen die Ermittlerinnen auf Verdacht arbeiten. 

Vertuschen, wiederholen, flüchten

Die Untersuchungshaft gehört zu den einschneidendsten Mitteln. Sie kann bei einem Gericht beantragt werden. Voraussetzung: Es muss ein Tatverdacht bestehen und ernsthaft zu befürchten sein, dass die beschuldigte Person Beweismittel vernichtet, vertuscht, ihre Tat wiederholt, sich mit anderen Beteiligten abspricht oder flüchtet.

Das Ehepaar Moretti trägt die französische Staatsbürgerschaft. Dass sie ins Nachbarland oder auf ihre Heimatinsel Korsika flüchten, scheint immerhin möglich. Bezüge zum Ausland werden von Staatsanwälten regelmässig als Argument für eine U-Haft vorgebracht. In Crans-Montana sehen die Ermittlungsbehörden dieses Risiko nicht. Wie sie zu der Einschätzung kommen, wird in der Mitteilung nicht begründet.

Die beiden Anwälte, mit denen Blick sprechen konnte, sehen das kritisch. «Bei diesem Ausmass an Toten und Verletzten führt normalerweise kein Weg um die Festnahme», meint der Ostschweizer Strafrechtler. 

Noch am Tag des Infernos sind Bilder und Profile in den sozialen Medien verschwunden. Es waren Bilder aus den letzten zehn Jahren. Bilder, die zeigen, wie es vor dem Brand im Lokal aussah. Die gelöschten Bilder tauchten im Netz zwar wieder auf. Mit den Videoaufnahmen aus der Nacht liess sich so der Brand rekonstruieren. Und dennoch liefert die Löschungsaktion den Verdacht eines Vertuschungsmanövers, das von den Ermittlern als solches erkannt werden sollte, findet der Anwalt.

Die Gefahr, dass die Tatverdächtigen sich in der Zwischenzeit abgesprochen haben oder dies weiterhin tun, bestehe ebenso. «Bei einem Ehepaar wie den Morettis ist die Möglichkeit einer Absprache gegeben», sagt der Zürcher Anwalt und sieht «ein ernstes Risiko für die unabhängige Ermittlung».

Fragen bleiben unbeantwortet

Gegenüber Medien sagten die Gastronomen am Freitag, dass sie am Boden zerstört seien und mit den Behörden kooperieren wollen, um die Tragödie aufzuarbeiten. Seit dem eröffneten Strafverfahren äusserten sie sich nicht mehr. Es gilt die Unschuldsvermutung. 

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