So kam es zum Drama in Crans-Montana
2:20
Feuer-Hölle in Bar:So kam es zum Drama in Crans-Montana

Feuerwehr-Kommandant David Vocat ist nach Einsatz in der Inferno-Bar erschüttert
«Wir wollten ihnen wirklich helfen – es tut mir leid»

Der Feuerwehrkommandant ringt um Worte, im Spital kämpfen Brandopfer um ihr Leben, der Priester hört mehr zu, als zu predigen. Wie eine Nacht Crans-Montana verändert hat.
Kommentieren
1/14
David Vocat (r.) kommandiert die Feuerwehr in Crans-Montana.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

  • Brand in Crans-Montana fordert über 40 Tote und über 100 Verletzte
  • Vermutlich durch Feuerwerks-Fontänen auf Champagnerflaschen ausgelöst
  • 55 Schwerverletzte waren im Spital in Sitten VS, 13 Patienten bereits entlassen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Keiner spricht. Vielleicht 300 Personen stehen auf der Rue Centrale, dicht an dicht, verharren vor einem improvisierten Altar, mitten auf dem Asphalt. Die Menschen bewegen sich kaum, manche halten sich an den Händen, umarmen einander. Und niemand sagt ein Wort.

Viele haben Tränen in den Augen, schluchzen, blicken auf die vielen Kerzen, die in der Dunkelheit flackern. Einige bekreuzigen sich, bevor sie Rosen auf den grossen Tisch platzieren. Andere legen Tulpen oder Orchideen ab, auch auf den Boden, den Kopf gesenkt. Am Donnerstagabend, um 20.00 Uhr, gedenken sie der Opfer einer Tragödie, die so gewaltig ist, dass Journalisten aus der ganzen Welt darüber berichten.

Normalerweise ist die Rue Centrale eine Ausgangsmeile im mondänen Skiort Crans-Montana VS, ein vielsprachiges Zentrum der Unbeschwertheit, der Geselligkeit, der Freude am Leben. Jetzt ist die Hauptstrasse des 10'000-Bewohner-Orts, der im Winter auf 60'000 Menschen anschwillt, abgeriegelt. Stillgelegt.

«Du hast getan, was du konntest»

Jenseits des Kerzen- und Blumenmeers beginnt die Sperrzone. Ein Generator rattert irgendwo. Hohe Stahlzäune, mit weissen Tüchern bedeckt, versperren die Sicht. Dahinter leuchten Scheinwerfer, Einsatzkräfte ziehen als Schatten vorbei. Zivilschützer, Polizisten, Ermittler, Forensiker sind am Donnerstagabend weiterhin vor Ort.

Noch sind keine 24 Stunden vergangen, da hatte das neue Jahr gerade erst begonnen, als gegen 01.30 Uhr ein Notruf bei der Walliser Polizei einging. In der Bar Le Constellation in Crans-Montana habe sich Rauch entwickelt, hiess es zunächst. Die lokale Feuerwehr wurde alarmiert. Ihr Kommandant David Vocat traf fünf Minuten später vor dem Lokal ein: «Wir haben sofort geholfen, wir wollten den jungen Menschen wirklich helfen», sagt er – und verstummt. Dann öffnet er den Mund, als wolle er weitererzählen, doch seine Lippen zittern nur. «Es tut mir leid», bringt er schliesslich hervor. Jemand legt einen Arm um seine Schultern: «Du hast getan, was du konntest.»

Man will sich nicht vorstellen, was Vocat in dieser Nacht gesehen hat. Rund 40 Menschen verlieren ihr Leben. Über 100 werden verletzt, viele davon äusserst schwer, bis zu 60 Prozent ihrer Haut ist verbrannt. Es ist unklar, ob sie überleben. Im Dorf kursieren Videos und Bilder der Ereignisse in Chatgruppen, manches landet sofort weltweit in den Medien. Zu sehen sind junge Leute in der Bar, die mit Stühlen Fenster einzuschlagen suchen, hinter ihnen lodern Flammen, schreien Menschen. Andere Aufnahmen sind noch grausamer.

Derin (20) ruft Freunde an – nicht alle nehmen ab

Le Constellation war besonders bei Jugendlichen beliebt. Ab 16 Jahren durften sie offiziell hinein. Manche sollen jünger gewesen sein. Die Security-Mitarbeiter hätten das Alter nie geprüft, behaupten gleich mehrere Jugendliche. Das Lokal bot, über zwei Geschosse verteilt, Platz für rund 300 Gäste. Es gab Fernseher an den Wänden, die meist Livesport zeigten, Billardtische, eine Shisha-Lounge. Unten lag der Partykeller, in dem auch Derin (20) gefeiert hat, wenige Stunden vor dem Brand.

«Alles schien ruhig, die Leute hatten Spass», erzählt er. Derin entkam dem Inferno nur, weil er spontan zur Hausparty eines Freundes ging. Viele seiner Bekannten blieben: «Ich weiss nicht, wer alles noch lebt.» Derin sagt, er habe jeden Einzelnen angerufen. Aber nicht alle erreicht.

Am Freitagmorgen ist noch vieles unklar. Angehörige suchen verzweifelt nach ihren Liebsten, sie veröffentlichen online Fotos. Jemand schreibt: «Wir wollen ihn nur finden.» In den Gassen von Crans-Montana füllen Gerüchte das Informationsvakuum. Zwei Dutzend Kameraleute, wenn nicht mehr, belagern die Bar, den Ort der Tragödie. Auf einem Balkon, etwas oberhalb, blickt ein Mann im Nachthemd kurz nach draussen, auf das Getümmel der Journalisten, bevor er hinter Vorhängen verschwindet. Ab und zu laufen Touristen neben dem Absperrband vorbei, ein Snowboard in der Hand oder Ski über der Schulter. Die meisten Läden sind geöffnet, Cafés füllen sich mit Gästen.

Die Pflegerin blickt auf ihren Kaffee

Unten im Rhonetal liegt ein massiver Betonbau, das Krematorium von Sitten VS. Ein Polizist öffnet das Tor, ein Leichenwagen fährt hinein. Auf dem Areal sind weisse Zelte aufgestellt, Mitarbeitende vom Institut für Rechtsmedizin laufen umher. In den Kühlräumen liegen wohl einige der verstorbenen Brandopfer. Wie viele davon aus der Schweiz stammen, ist weiterhin unklar. Im Verlaufe des Samstags konnten die Ermittler unter den Toten acht Menschen aus der Schweiz identifizieren, im Alter von 16 bis 24 Jahren.

Immer wieder knattern Helikopter durchs Tal. Sie landen beim Spital in Sitten. Davor sitzt eine Pflegerin auf einer Bank, den Kaffeebecher in der Hand, die Beine übereinandergeschlagen, ein Fuss wippt rastlos. In der Silvesternacht sind 55 Schwerverletzte hierhergekommen. «Sie waren über acht Stockwerke verteilt», erzählt die Frau, die auf der Unfallchirurgie arbeitet. Sie blickt auf ihren Kaffee: «Wenigstens geht es einigen jetzt besser.» Dann steht sie auf, geht zurück ins Spital. An einer Pressekonferenz verkündet der Chefarzt später, dass 13 Patienten entlassen werden konnten. 11 seien noch in Sitten. 28 habe man in andere Kliniken verlegt.

Die Katastrophe bringt das Schweizer Gesundheitssystem an den Anschlag. Nur zwei Spitäler sind auf Brandverletzungen spezialisiert. Eines in Lausanne VD, das andere in Zürich. Zahlreiche Schwerverletzte wurden deshalb ins Ausland geflogen, nach Deutschland, Frankreich, Italien, Polen. Bis Sonntag sollen 50 weitere aus der Schweiz verlegt werden. Viele Länder solidarisieren sich. Macron, Merz, Meloni, Selenski und andere Staats- und Regierungschefs bekunden Beileid. Bundespräsident Guy Parmelin (66) reiste am Donnerstag nach Crans-Montana und sagte danach: «Die Schweiz ist traurig, aber sie ist auch vereint im Schmerz» – als wolle er die Nation trösten, Helvetia in den Armen halten.

1000 Grad Celsius innert Sekunden

Wie der Brand entstand, ist nicht abschliessend geklärt. Die Walliser Staatsanwaltschaft vermutet, dass brennende Feuerwerks-Fontänen auf Champagnerflaschen das Feuer ausgelöst haben. Bilder im Netz zeigen, wie Funken auf die Deckenverkleidung hochsprühen. Journalisten der BBC haben einige der Bilder verifiziert. Fest steht, dass es zu einem sogenannten Flashover kam. Die Hitze wird dabei so extrem, dass sich schlagartig alle brennbaren Oberflächen entzünden – mit Temperaturen über 1000 Grad Celsius.

Vom Wirtepaar, das die Bar betreibt, ist lange nichts zu hören. Am Freitagabend äussert sich Jacques Moretti (49) gegenüber «20 Minuten»: «Wir können weder schlafen noch essen, es geht uns allen sehr schlecht.» Man kooperiere mit den Behörden und tue alles, um die Hintergründe der Katastrophe abzuklären. Ob das Lokal sämtliche Sicherheitsvorschriften erfüllt hat, ob die Behörden regelmässig kontrollierten – all das steht noch aus. Am Samstag eröffnet die Walliser Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung gegen das Wirtepaar, wegen fahrlässiger Brandstiftung, Tötung oder Verletzung. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Schuldfrage dringt allmählich in den Vordergrund. Für viele im Dorf kommt sie zu früh. Die meisten suchen nach Trost, nicht nach Schuldigen. Einige von ihnen wenden sich an Alexandre Barras (62), den katholischen Pfarrer von Crans-Montana. Er sei viel unterwegs, sagt der Seelsorger. «Ich höre mehr zu, als ich predige.» Den meisten Menschen mache die Ungewissheit zu schaffen. Auch wenn die Behörden alles daransetzen, sind noch nicht alle Toten und Verletzten identifiziert. Die Körper sind zu stark entstellt.

«Es ist schrecklich», sagt Barras. Man könne ein solches Geschehen nie ganz begreifen. Als gläubiger Mensch bleibe wenigstens die Hoffnung auf das ewige Leben. Darauf, dass jemand auf der anderen Seite wartet. «Das hilft.» Barras spricht gefasst. Seine ruhige Stimme, der buschige Bart, die weichen Gesichtszüge vermitteln Wärme.

In seiner Kirche hat Barras ein Kondolenzbuch aufgelegt. Besucher können ihre Worte an die Familien der Opfer richten. Seite um Seite ist inzwischen beschrieben. An einer Stelle steht: «An jene, die in diesen schwierigen Zeiten leiden. Ich zeige euch meine tiefste Sympathie.» Worte, die versuchen, eine unermessliche Leere zu füllen.

Jetzt im Blick Live Quiz abräumen

Spiele live mit und gewinne bis zu 1'000 Franken! Jeden Dienstag und Donnerstag ab 19:30 Uhr – einfach mitmachen und absahnen.

So gehts:

  • App holen: App-Store oder im Google Play Store
  • Push aktivieren – keine Show verpassen

  • Jetzt downloaden und loslegen!

  • Live mitquizzen und gewinnen

Spiele live mit und gewinne bis zu 1'000 Franken! Jeden Dienstag und Donnerstag ab 19:30 Uhr – einfach mitmachen und absahnen.

So gehts:

  • App holen: App-Store oder im Google Play Store
  • Push aktivieren – keine Show verpassen

  • Jetzt downloaden und loslegen!

  • Live mitquizzen und gewinnen

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen