Darum gehts
- Béatrice Pilloud untersucht Silvesternacht-Tragödie in Crans-Montana, weltweit im Fokus
- Italienischer Minister bestätigt Opferzahl, Staatsanwaltschaft befragte Dutzende Personen
- Vermutlich Wunderkerzen auf Champagnerflaschen lösten Feuer aus, Ermittlungen laufen
Schwarz gekleidet, Haare hochgesteckt, Hornbrille: Wenige Stunden nach der Silvesternacht tritt Beatrice Pilloud (50) erstmals vor die Medien. Die ganze Welt blickt auf die Generalstaatsanwältin aus dem Wallis.
Wie konnte die Feier so fatal enden? Warum mussten in der Neujahrsnacht so viele Menschen sterben? Die Öffentlichkeit verlangt Antworten. Bei Pilloud laufen die Fäden zusammen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter Hochdruck, unterstützt vom Forensischen Institut Zürich. Pilloud verspricht Klarheit – «so schnell und so umfassend wie möglich».
Doch andere kommen ihr zuvor. Der italienische Aussenminister Antonio Tajani (72) nennt am Donnerstagnachmittag erstmals die Zahl der Opfer. Am Freitag meldet er, dass die Staatsanwaltschaft bereits Dutzende Personen befragt habe.
Am Freitagnachmittag tritt Pilloud erneut auf. In einer Medienkonferenz erklärt sie, dass Wunderkerzen auf Champagnerflaschen vermutlich das Feuer ausgelöst haben. Die Betreiber der Bar wurden bereits vernommen. Es könnte ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung folgen.
Schwieriger Start ins Amt
Vor zwei Jahren übernahm Pilloud das Amt in schwieriger Lage. Der Justizrat sprach damals von einer «besorgniserregenden Situation». Mitarbeitende waren unzufrieden, Fristen verstrichen, Fälle verjährten. Das Vertrauen in die Walliser Ermittlungsbehörden war erschüttert.
Jetzt steht Pilloud vor der grössten Aufgabe ihrer Karriere: Sie muss eine der schwersten Tragödien der Schweizer Geschichte aufklären.
Der Wecker klingelt um 4.30 Uhr
Geboren im Oberwallis, aufgewachsen im französischsprachigen Sitten, spricht Pilloud heute lieber Französisch als Schweizerdeutsch. «Und doch habe ich meine Wurzeln im Oberwallis. Ich bin manchmal etwas stur und viereckig», sagte sie dem SRF – Eigenschaften, die sie ihrer Herkunft zuschreibt.
Disziplin prägt ihren Alltag. Der Wecker klingelt um 4.30 Uhr, wie sie der Zeitschrift der Kantonspolizei Wallis erzählte. Früh am Schreibtisch zu sitzen, ist für sie der beste Start in den Tag. Eine Regel hat sie sich gesetzt: Vor 5 Uhr verlässt sie das Haus nicht – so hat sie es mit ihrem Mann François vereinbart. Die Familie ist ihr Rückhalt.
Die Schlagzeilen kehren zurück
Nach ihrem Amtsantritt im Januar 2024 formulierte Pilloud klare Ziele: die Arbeit der Staatsanwälte erleichtern, administrative Lasten reduzieren, eine offene Atmosphäre schaffen. Das erklärte sie dem «Walliser Boten».
Kurz darauf geriet sie unter Druck. Die Staatsanwaltschaft legte ein Dossier zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche zu den Akten – mit der Begründung, alle Taten seien verjährt oder zu spät angezeigt worden. Dutzende Betroffene waren zuvor befragt worden. Das Vorgehen stiess auf Kritik.
Im Oktober dann die nächste Erschütterung: Staatsanwältin Rahel Brühwiler nahm sich das Leben. Sie hatte zwei der heikelsten und komplexesten Dossiers des Kantons übernommen, wie eine Recherche von «Le Temps» zeigte. Dabei geriet sie auch mit Pilloud in Konflikt – Brühwiler beschuldigte Pilloud, unzulässig in ein Verfahren eingegriffen zu haben, in dem sie sich aus ihrer Sicht für befangen hätte erklären müssen.
Konfrontiert mit Tragödien
«Es bleibt noch viel zu tun», bilanzierte Pilloud vor einem Jahr. Obendrauf muss sie sich nun der Herkulesaufgabe von Crans-Montana widmen.
Immer wieder wird Pilloud in ihrem Amt mit Tragödien konfrontiert. Das Bergsteigerdrama an der Tête Blanche 2024 traf sie besonders hart: Sechs Mitglieder derselben Familie starben, darunter ein guter Bekannter.
Erst nach vielen Gesprächen fand sie wieder Schlaf. Die Katastrophe von Crans-Montana wird sie erneut an ihre Grenzen bringen.