Charlie-Hebdo-Karikatur: Anzeige eingereicht
In den sozialen Medien sorgte eine Karikatur mit dem Titel «Die Verbrannten gehen Skifahren» aus dem Satiremagazin Charlie Hebdo am Wochenende für heftige Reaktionen. Die Zeichnung, die sich auf die Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana bezieht, ist inzwischen Gegenstand einer Strafanzeige bei den Walliser Justizbehörden. Das berichtet «Le Nouvelliste».
Die Walliser Anzeigesteller (zwei Privatpersonen) seien der Auffassung, dass die Veröffentlichung unter Artikel 135 des Strafgesetzbuches, der die Herstellung und Verbreitung gewalttätiger Inhalte, die die Menschenwürde schwer verletzen, unter Strafe stellt – mit verschärften Strafen, wenn es sich um tatsächliche Gewalttaten gegen Minderjährige handelt.
Vertrauen in Justiz und Institutionen
Erst am Samstag erklärte alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey (80) im Interview mit Blick, die Vetternwirtschaft im Wallis müsse «aufhören». Die Walliserin stammt ursprünglich aus Crans-Montana, wo sich in der Silvesternacht die Brandkatastrophe mit 40 Toten ereignet hat – dementsprechend hat die Tragödie sie mitgenommen.
In einem Interview mit RTS am Sonntagabend reagiert der Walliser Staatsratspräsident Mathias Reynard auf die Vorwürfe. «Mein gesamtes politisches Engagement richtete sich gegen Vetternwirtschaft und Interessenkonflikte. Zweifellos gab und gibt es in unserem Kanton Fälle von Vetternwirtschaft, und wir müssen sie bekämpfen», so Reynard. «Doch wenn man von Beginn der Ermittlungen an solche Zweifel an allen Verantwortlichen bestehen lässt, trägt das meiner Meinung nach nicht zur Wahrheitsfindung bei.»
Er bekräftigt zudem, Vertrauen in die Institutionen und die Gewaltenteilung zu haben – weswegen er sich auch nicht weiter zu den Ermittlungen äussern will. «Glücklicherweise gibt es die Gewaltenteilung. Es wäre nicht richtig, wenn sich die Regierung in die Ermittlungen einmischen und der Justiz vorschreiben würde, wie sie sich zu organisieren hat. Es ist Sache der Justiz, die Durchführung dieser Ermittlungen festzulegen. Der Druck ist gross, und die Erwartungen sind hoch, die Wahrheit und die Verantwortlichen aufzudecken.»
Zudem unterstreicht er, dass die Ermittlungen mit grösstmöglicher Unabhängigkeit und Transparenz durchgeführt werden müssten. «Das ist für die Opfer und ihre Familien sowie für die gesamte Gesellschaft unerlässlich.»
80 Verletzte weiterhin in Spitalpflege
80 Verletzte befinden sich nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana noch immer in Spitälern in der Schweiz und im Ausland. Das sagte der Walliser Staatsrat Mathias Reynard am Sonntag im Westschweizer Fernsehen RTS. Zehn von ihnen seien in Walliser Gesundheitseinrichtungen untergebracht.
Für das medizinische Personal sei die Situation «kompliziert und schwierig», sagte Reynard. Er dankte den Pflegepersonal für dessen Engagement.
In einigen Wochen würden die Verletzten die Verbrennungszentren verlassen und in die Spitäler zurückkehren, insbesondere im Wallis. Es sei daher wichtig, sich auch um das Pflegepersonal zu kümmern.
Für die Familien und Personen, die von der Tragödie betroffen sind, soll eine Hotline eingerichtet und direkte finanzielle Hilfe gewährt werden, kündigte er an.
Reynard betonte, dass es die Aufgabe der Justiz sei, nach den Verantwortlichen für das Drama von Crans-Montana zu suchen. Es müssten aber auch auf allen politischen Ebenen Massnahmen ergriffen werden.
Was hat es mit der verborgenen Bar Le Clandestin auf sich?
Wie eine Recherche des SRF zeigt, soll es im Le Constellation eine weitere, versteckte Bar gegeben haben – Le Clandestin soll zusammen mit dem Raucherbereich im hinteren Teil des Untergeschosses gelegen haben, nahe des Notausganges. Unklar ist jedoch, ob der Teil in der Silvesternacht ebenfalls geöffnet war.
Die Baupläne der Bar sind öffentlich nicht einsehbar. Auf X und Tripadvisor sind Bilder der zu Deutsch «verborgenen oder verruchten» Bar aber einsehbar.
Über eine Viertelmillion Menschen spenden auf Blick Licht für die Opfer von Crans-Montana
40 hauptsächlich junge Menschen wurden in der Silvesternacht in der Bar Le Constellation in Crans Montana auf schreckliche Weise aus dem Leben gerissen. Die Betroffenheit war weltweit gross – in der Schweiz schien es, als würde das gesamte Land still stehen.
Seit dem Trauertag am 9. Januar ist auf Blick eine digitale Gedenkstätte aufgeschalten. Durch Tippen können Leser und Leserinnen eine Kerze für die Opfer und Angehörigen der Brand-Tragödie spenden. Bis zum Sonntagabend wurden über eine Viertelmillion solcher Lichter digital «gespendet» – Tendenz steigend.
Anwalt eines verletzten Bar-Mitarbeiter meldet sich
Seit 10 Tagen liegt der 28-jährige Gaëtan aus Frankreich im Spital – beim Brand in der Bar Le Constellation wurde er schwer verletzt. Nun soll er laut seinem Anwalt, der gegenüber dem französischen Sender BFMTV ein Update gibt, auf dem Weg zur Besserung sein.
«Sein Gesundheitszustand verbessert sich sehr langsam. Er hat ein Auge geöffnet und kehrt langsam ins Leben zurück. Das ist beruhigend», so Anwalt Jean-Claude Giudicelli. «Seine Eltern, die an seinem Bett sitzen, haben versucht, mit ihm zu sprechen, aber sein Gesundheitszustand erlaubt es ihm nicht, sich zu unterhalten, selbst über banale Dinge.» Nichtsdestotrotz habe Gaëtan ein «Lächeln gezeigt».
Ein Spendenaufruf für den jungen Mann brachte bereits 14'000 Euro zusammen. Gaëtan arbeitet am Abend der Katastrophe in der Bar – laut seinem Anwalt soll er bereits öfters Kritik an dem Lokal geäussert haben. «Er verfügt über langjährige Berufserfahrung in diesem Bereich und hat schnell erkannt, dass die Leitung dieses Betriebs katastrophal war, nicht nur in Bezug auf die Sicherheit oder die Besucherzahlen.»
Für Gaëtan war klar, dass er kündigen wollte – er soll aber überredet worden sein, bis zum Jahresende zu bleiben. «Es war der Geschäftsführer, der die richtigen Worte fand, insbesondere aufgrund der Jahresendzeit, damit er zumindest bis zu den Feiertagen blieb.»
Entscheid über Moretti-Haft wohl nicht vor Montag
Wie «Le Temps» berichtet, soll eine Entscheidung zum Antrag auf Untersuchungshaft für Jacques Moretti wohl nicht vor Montag fallen. Erst dann soll die Staatsanwaltschaft Wallis den Antrag des Zwangsmassnahmengerichtes prüfen.
Der Betreiber der Inferno-Bar von Crans Montana wurde nach einer ersten Befragung am Freitag wegen möglicher Fluchtgefahr in polizeilichen Gewahrsam genommen. Seine Frau, Jessica Moretti, befindet sich weiterhin auf freiem Fuss.
Der Antrag auf U-Haft wurde von der stellvertretenden Generalstaatsanwältin Catherine Seppey gestellt. Sie will auch Ersatzmassnahmen für Jessica Moretti, wie aus dem Dokument hervorgehen soll. So soll die Mitbesitzerin von Le Constellation etwa zu regelmässigen Meldungen bei der Polizei oder dem Tragen einer elektronischen Fussfessel verpflichtet werden. Auch die Hinterlegung einer finanziellen Sicherheit wäre vorstellbar.
Inferno-Wirt behauptet, Wunderkerzen getestet zu haben
Bei einer ersten Anhörung am Freitag wurde das Betreiberpaar des Le Constellation auch zu den Wunderkerzen befragt. Diese waren in der Silvesternacht an Champagnerflaschen befestigt worden und entzündeten Schaumstoffplatten an der Decke der Bar.
«Wir machen das seit zehn Jahren, es gab nie Probleme», zitiert «Le Monde» eine Aussage von Inferno-Wirt Jacques Moretti. Es sei zwar nicht «unmöglich», dass die Kerzen den Brand verursacht hätten, aber er glaube, «es muss noch etwas anderes geben», meinte der Wirt.
Weiter beteuerte Moretti, die Wunderkerzen seien «nicht stark genug gewesen, um den Akustikschaumstoff zu entzünden. Ich habe Tests durchgeführt».
Ein Video aus der Silvesternacht 2019/2020 zeigt jedoch, dass ein Kellner in der Bar «Le Constellation» damals Gäste vor dem «Schaum» in der Decke warnte, als diese die Wunderkerzen hoch hielten.
Wallis ermittelte bereits: Betreiber-Paar kaufte sich Maserati nach Covid-Kredit
Während die Ermittlungen gegen das Betreiber-Paar Jacques und Jessica Moretti laufen, kommen immer mehr Details über ihr Leben vor dem Unglück ans Licht: Während die Vorstrafen von Jacques Moretti in Frankreich – er sass dort wegen Zuhälterei im Gefängnis – bereits bekannt waren, zeigt sich nun: Auch im Wallis beschäftigten die Morettis die Justiz schon früher. Zu einer Verurteilung kam es jedoch nicht. Darüber berichtet die «SonntagsZeitung».
Bereits 2020 nahmen die Walliser Behörden das Ehepaar unter die Lupe. Anlass war ein Covid-19-Überbrückungskredit. Im März des ersten Pandemiejahres erhielten die Barbetreiber 75’500 Franken, was damals rund zehn Prozent ihres Umsatzes entsprach. Kurz darauf kauften sie für etwas mehr als 33’000 Franken einen Maserati. Das Luxusfahrzeug kam zu einem bereits eindrücklichen Fuhrpark mit Mercedes-AMG, Bentley und Porsche Cayenne hinzu.
Der Autokauf blieb nicht unbemerkt: Die Walliser Kantonalbank meldete den Vorgang der Justiz. In der Folge wurde geprüft, ob der Covid-Kredit missbräuchlich eingesetzt worden war. Rund ein Jahr später stellten die Behörden das Verfahren ein. Eine Straftat habe nicht vorgelegen, da der Maserati nicht privat, sondern als Geschäftsfahrzeug der Bar verbucht gewesen sei.
Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen Gemeinde
Wie der italienische Sender Sky TG24 berichtet, soll die Walliser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen im Fall des Bar-Inferno nun auch auf die Gemeinde Crans-Montana ausgeweitet haben. Im Fokus der Untersuchungen stehen vor allem die Verantwortlichkeit und Zuständigkeit im Bereich der Brandschutzkontrollen.
Die Vizepräsidentin der Gemeinde, Nicole Bonvin Clivaz, äusserte sich zu den Ermittlungen. «Bei den Kontrollen gab es ein Versagen. Wir haben sie nicht durchgeführt, wir geben das zu und übernehmen die Verantwortung dafür. Doch die Ermittlungen müssen zeigen, was genau passiert ist – im Moment haben wir noch keine endgültigen Antworten.»
Derzeit sollen viele Dokumente und Berichte zwischen der Gemeinde und der Staatsanwaltschaft ausgetauscht werden.
Falls du das Unglück in Crans-Montana mitbekommen haben solltest oder noch vor Ort bist, melde dich gerne bei uns unter der Telefonnummer 044 259 8989, via E-Mail redaktion@blick.ch oder Whatsapp 079 813 8041.