Micheline Calmy-Rey über Brandkatastrophe von Crans-Montana
«Diese Vetternwirtschaft muss aufhören»

Der aus Crans-Montana stammenden ehemaligen Schweizer Aussenministerin geht die Tragödie sehr nah. «Diese Vetternwirtschaft muss aufhören», fordert sie – jetzt müsse die Wahrheit ans Licht kommen.
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Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana ist die Trauer allgegenwärtig.
Foto: AFP

Darum gehts

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Sara BelgeriRedaktorin

Alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey (80) ist in Sitten VS aufgewachsen, stammt aber ursprünglich aus Crans-Montana VS, und besitzt dort zusammen mit ihren Schwestern ein Chalet. Dort war sie auch, als sich die Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation ereignete. Auch die Tage nach der Silvesternacht weilt sie noch in Crans-Montana. Im Interview spricht sie über kollektive Trauer, Versagen und die Notwendigkeit einer sorgfältigen Untersuchung.

Frau Calmy-Rey, Sie haben die Silvesternacht in Crans-Montana verbracht. Wie haben Sie die letzten Tage erlebt?
Ich schäme mich. Wirklich. Vieles ist schiefgelaufen. Die Behörden und die Eigentümer der Bar tragen Verantwortung für das, was passiert ist. Es ist einfach schrecklich. Die Menschen weinen, man spürt diese Last überall. Für mich gibt es ganz klar ein Davor und ein Danach von Crans-Montana. Nichts ist mehr wie früher.

Was erschüttert Sie besonders?
Der Gedanke an die Menschen, die im Feuer umgekommen sind. Und an ihre Eltern. Es tut mir unendlich leid für die Familien, deren Kinder ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt hätten. Dieser Schmerz ist kaum auszuhalten.

Wie nah ist die Tragödie den Menschen hier?
Sehr nah. Fast jeder kennt jemanden, der betroffen ist. Man hört jeden Tag von neuen Schicksalen. Erst kürzlich habe ich erfahren, dass der Neffe einer Bekannten gestorben ist. Crans-Montana ist eine enge Gemeinschaft – auch deshalb trifft es uns alle so tief.

Das zeigte sich auch an den zahlreichen Teilnehmenden am Gedenkgottesdienst am Sonntag nach der Tragödie.
Wir hatten das Bedürfnis, zusammenzukommen, gemeinsam zu trauern. Dieses Zusammensein hat gutgetan, es hat uns ein wenig Halt gegeben.

Hat diese Katastrophe den Ort dauerhaft verändert?
Ja. Crans-Montana kann kein Ort mehr sein, an dem man einfach unbeschwert lacht. Es fühlt sich an wie ein Friedhof. Der Ort ist nicht mehr derselbe.

Viele sprechen von einem Versagen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Es sind Fehler passiert, das muss klar benannt werden. Die Untersuchungen müssen nun sorgfältig und konsequent durchgeführt werden. Die Schweiz ist ein Rechtsstaat. Jetzt ist der Moment, sich zu entschuldigen – aber Entschuldigungen allein reichen nicht.

Welche Rolle spielen Medien und Justiz in dieser Phase?
Die kritische Berichterstattung der Presse ist wichtig. Auch dass die Anwälte der Familien Druck machen, ist richtig. Das zwingt die Behörden im Wallis dazu, das Richtige zu tun. Dieser Druck ist notwendig.

Was müsste Ihrer Meinung nach jetzt passieren?
Es muss Schluss sein mit kleinen Abmachungen und mit Verflechtungen zwischen Politik und persönlichen Interessen. Diese Vetternwirtschaft muss aufhören, auch wenn man sich kennt. Und gleichzeitig müssen wir als Gemeinschaft zusammenhalten. Das wird sehr schwierig. Aber die Wahrheit muss ans Licht kommen.

Warum ist diese Aufarbeitung so wichtig?
Weil wir es den Familien schulden. Und weil es um die Ehre von Crans-Montana geht, um die Ehre des Wallis, ja sogar um die Ehre der Schweiz. Wir müssen verstehen, wie es dazu kommen konnte – und sicherstellen, dass so etwas nie wieder passiert. Niemals.

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