«Wir sind betroffen, mehr eigentlich als alle»
0:45
Gemeindepräsident Féraud:«Wir sind betroffen, mehr eigentlich als alle»

Jetzt geht es um die Glaubwürdigkeit der Schweiz
Nach Zitat der Schande reicht es!

Das Behördenversagen ist immens, der Umgang mit dem Inferno von Crans-Montana zunehmend unerträglich. Diese Brandkatastrophe betrifft das ganze Land. Entsprechend darf die Aufarbeitung nicht allein dem Wallis überlassen werden. Ein Kommentar.
Kommentieren
1/10
Gemeindepräsident Nicolas Féraud verstört mit Aussagen.
Foto: AFP
THM_0348.jpg
Rolf CavalliChefredaktor Blick

Ich war fassungslos. Ich habe mich fremdgeschämt.

Gestern Dienstagmorgen trat der Gemeindepräsident von Crans-Montana vor die Medien. Nicolas Féraud (55) sprach von «Sachlichkeit», von «Fakten» – und er sagte (übersetzt aus dem Französischen): «Die Gemeinde ist als Geschädigte am meisten betroffen, vor allen anderen.» Er sagt dies in einem Moment, in dem 40 Menschen tot sind, viele davon Jugendliche. Dutzende schwer verletzt. Hunderte Angehörige verzweifelt.

Es ist ein Zitat der Schande. Und dieser Auftritt steht für das Grundproblem dieses Falls.

Die Welt fragt sich, wie so etwas in der Schweiz passieren konnte: ein Inferno in einer Bar, mitten in einem Ferienort, in einem Land, das sich als Musterschülerin der Sicherheit versteht.

Letzten Frühling blickten wir noch auf den Discobrand in Mazedonien mit vielen Toten und Verletzten: illegale Bar, blockierte Fluchtwege, verhaftete Beamte. Und dachten: bei uns undenkbar.

Jetzt wissen wir: Das Undenkbare war möglich. Und schlimmer – bei uns war alles legal. Bewilligt.

Vereint in Betroffenheit, zu viel Nähe bei Untersuchung?

Der Gemeindepräsident musste zugeben: Die Bar wurde jahrelang nicht kontrolliert – obwohl jährliche Inspektionen vorgeschrieben sind. Konsequenzen zieht er keine. Rücktritt? Kein Thema. Spätestens jetzt müsste er sich suspendieren lassen. Zum Wohl seiner Gemeinde. Und aus Anstand vor den Opfern.

Die Generalstaatsanwältin steht vor einer riesigen Aufgabe. Ihre Integrität gilt als unbestritten. Aber der Fall sprengt die üblichen Dimensionen. Der Start war holprig: Wichtige Akten kamen verspätet. Bei den Hauptverantwortlichen, dem französischen Barbetreiberpaar, sieht sie weder Verdunkelungs- noch Fluchtgefahr.

Staatsanwaltschaft, Gemeinde- und Kantonsvertreter traten mehrmals gemeinsam vor die Medien. Vereint in Betroffenheit – aber mit unterschiedlichen Rollen in den Ermittlungen. Menschlich verständlich, rechtsstaatlich heikel. Denn Unabhängigkeit muss nicht nur bestehen, sie muss sichtbar sein.

Man duckt sich weg, Kritik ist ein Affront

Damit sind wir bei der Schweiz.

In ruhigen Zeiten funktioniert unser System gut. Föderalismus, Miliz, Nähe. Doch in der Krise zeigt sich die Schwäche: Wenn viele zuständig sind, fühlt sich keiner verantwortlich. Dann duckt man sich weg, verweist auf Verfahren – und empfindet kritische Fragen als Zumutung.

Jetzt schaut die Welt auf die Schweiz. Angehörige aus mehreren Ländern warten auf Antworten. Und stellen eine einfache Frage: Meint ihr es ernst mit eurer Verantwortung?

Es braucht einen Schritt, der Grösse zeigt

Der Fall Crans-Montana wird zu gross für das Wallis. Selbst dort wächst der Zweifel: Laut «NZZ» wird in der Justizkommission des Kantonsparlaments der Ruf nach Hilfe von aussen laut.

Jetzt braucht es einen Schritt, der Grösse zeigt: einen externen ausserordentlichen Staatsanwalt oder zumindest eine unabhängige Aufsicht. Nicht aus Misstrauen – aus Verantwortung.

Denn es geht nicht nur um Schuld. Es geht um Gerechtigkeit. Um Vertrauen. Und um den Mut einzugestehen: Auch die Schweiz ist fehlbar. Aber sie muss zeigen, dass sie es besser machen will.

Es steht viel auf dem Spiel. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Schweiz.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen