Darum gehts
- Die Walliser Staatsanwaltschaft kämpfte schon 2024 mit Überlastung
- Generalstaatsanwältin sendete einen «Hilferuf» aus
- Walliser Nationalrat fordert mehr Mittel: «Ruf der Schweiz steht auf dem Spiel»
Die Walliser Staatsanwaltschaft kämpft um ihren Ruf. Versäumnis reiht sich an Versäumnis. Schafft sie das? Das Land stellt sich diese Frage – und zweifelt.
Zuerst nahm die Behörde Barbetreiber Jacques Moretti (49) nicht in U-Haft, nach einigen Tagen dann plötzlich doch. Die Handys der Morettis wurden erst nach Tagen beschlagnahmt, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet.
Blick hatte schon zuvor publik gemacht: Verstorbene wurden zuerst nicht obduziert, dann holte die Staatsanwaltschaft am Abend vor der geplanten Beerdigung die sterblichen Überreste eines jungen Waadtländers doch ab. Und die Gemeinde durfte sogar ihre Unterlagen über die Brandschutzkontrollen selbst heraussuchen und übergeben.
«Auf unsere Briefe erhalten wir keine Antwort»
Bekannt wird jetzt auch: Die Walliser Untersuchungsbehörde läuft personell am Limit. «Ich muss an dieser Stelle einen Hilferuf aussenden», schrieb Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud (50) in ihrem Bericht zum Jahr 2024. Die Ressourcen waren unterdotiert. Das System sei in Gefahr, der Justiz drohe eine dauerhafte Überlastung, wie die «SonntagsZeitung» schreibt.
Seither hat das Wallis zwar eine zusätzliche Staatsanwaltsstelle bewilligt. Allerdings ist die Arbeitslast nach wie vor höher als in anderen Kantonen. Opfer-Anwalt Sébastien Fanti sagt gegenüber der Zeitung, die Behörde sei völlig überfordert. «Auf unsere Briefe erhalten wir keine Antwort, die Verzögerungen halten an.»
Der Walliser Mitte-Nationalrat Sidney Kamerzin (50) fordert deshalb zusätzliche Ressourcen. «Die Walliser Justiz hat die Mittel, um gewöhnliche Fälle zu bearbeiten, doch dieses Ereignis ist aussergewöhnlich», sagt er zur «SonntagsZeitung». Grosse Kanzleien verträten die Opferfamilie und würden Hunderte verfahrensrechtliche Schritte einleiten.
Schweizweit sind Ermittler am Anschlag
Allerdings steht die Walliser Staatsanwaltschaft mit Ressourcenproblemen längst nicht allein da. Verschiedene Strafverfolger beklagten in den vergangenen Jahren immer mehr Fälle. Sie kämpfen mit einer Flut an Bagatelldelikten, in den vergangenen Jahren häufen sich Pendenzen an.
Der Freiburger Generalstaatsanwalt Fabien Gasser (51) hatte im Frühling 2025 gegenüber Blick deshalb einen brisanten Vorschlag ins Spiel gebracht: «Was uns helfen könnte, wäre ein Ermessensspielraum – damit wir nicht unbedingt alle Straftaten bekämpfen müssen», sagt er zu Blick. Sprich: In gewissen Fällen würde man lieber gar nicht mehr ermitteln, um Zeit zu sparen.
Blick hatte im Sommer zudem aufgezeigt: Vom einen auf das andere Jahr sank die Zahl der verhängten Gefängnisstrafen bis zu sechs Monaten. Die Gründe sind unklar, das Bundesamt für Statistik hegte allerdings einen brisanten Verdacht: Staatsanwälte müssen seit 2024 zwingend eine Einvernahme durchführen, bevor sie jemanden ins Gefängnis schicken. Überlastete Behörden könnten deshalb aus Effizienzgründen auf Einvernahmen verzichten und keine Gefängnisstrafen mehr verhängen.
Der Unterschied zwischen dem Wallis und dem Rest der Schweiz: Keine andere Staatsanwaltschaft hat einen vergleichbaren Fall, den die Weltöffentlichkeit mit Argusaugen mitverfolgt. «Der Ruf des Wallis und der Schweiz steht auf dem Spiel», so Mitte-Nationalrat Kamerzin.