Darum gehts
- Das Moretti-Paar schiebt Verantwortung auf andere für das Inferno in ihrer Bar
- Schuld sollen Mitarbeiter, Behörden und eine Baumarktkette sein
- Strafrechts-Experte erklärt die Verteidigungsstrategie
Die Morettis mussten inzwischen schon zweimal bei der Staatsanwaltschaft antraben und Rede und Antwort stehen. Die Protokolle zeigen, wie die Inferno-Beizer die tödliche Silvesternacht erlebt haben. Und: In den Aussagen ist eine klare Verteidigungsstrategie erkennbar. Alle anderen sind schuld!
Die Kellnerin
Während der ersten Befragung betitelte das Ehepaar Moretti Cyane Panine (†24) als Familienmitglied und erklärte, sie seien ihr nahegestanden. Gleichzeitig aber schwärzte das Paar die Kellnerin an: Sie habe die Decke angezündet. Jessica Moretti sagte in den Befragungen auch aus, dass die Kellner selbst die Idee zur Sprühkerzen-Show hatten.
Nur: Laut einer Zeugin hat aber Moretti die Aktion persönlich angeordnet, die Betreiberin hat nach neuesten Erkenntnissen sogar selbst daran teilgenommen. Sie soll Panine auch befohlen haben, den Helm – der die Sicht der Kellnerin einschränkte – anzuziehen, so die Zeugin.
Was fast unterging: Panine hat nie eine Brandschutzschulung erhalten, wie ihre Eltern gegenüber Blick erklärten. Oder dass sie sich durch eine Seitentüre retten wollte, doch diese verschlossen war. Gemäss neusten Erkenntnissen soll es sich dabei um einen Notausgang gehandelt haben.
Der Türsteher
Der einzige Sicherheitsmann der Inferno-Bar starb als Held: Als das Feuer ausbrach, schob Stefan I. (†31) zunächst mehrere Gäste ins Freie – und ging dann noch einmal in die Flammen zurück, um weitere Menschen zu retten, wie serbische Medien berichteten. Dieser Einsatz kostete ihn sein Leben.
In ihren Verhören schob etwa Jessica Moretti die Verantwortung für die fehlenden Brandschutzschulungen von sich. Sie erklärte, dass die Mitte Dezember angereisten Saisonniers vom «erfahrenen» Sicherheitsmann Stefan I. sowie von der Kellnerin Panine über den Standort der Feuerlöscher und das richtige Verhalten im Brandfall hätten instruiert werden sollen.
Der Saisonnier
Gemäss Baubewilligung war ein Seitenausgang im Keller klar als Notausgang vorgesehen. Trotzdem war die Tür in der Silvesternacht verschlossen. Wie RTS berichtet, beschuldigen Jacques und Jessica Moretti einen Saisonarbeiter, diese abgeschlossen zu haben. Der Kellner soll zunächst gar nach Frankreich geflohen sein. Jacques Moretti soll dem Mann daraufhin geschrieben haben, hinzustehen und Verantwortung zu übernehmen.
Nur: Der Mann wurde am Morgen des 1. Januar befragt. Er gab an, die Tür sei bereits verriegelt gewesen, als er eintraf. Er wisse nicht, wer sie abgeschlossen habe.
Die Behörden
Bereits in den ersten öffentlichen Statements unmittelbar nach dem Feuer erklärte Jacques Moretti, dass das «Le Constellation» in den vergangenen zehn Jahren dreimal behördlich kontrolliert worden und dass dabei alles «normgerecht» gewesen sei. Hier bleibt offen: Wer hat die entflammbare Schaumstoff-Isolation genehmigt? Und warum wurde die Bar nicht jährlich kontrolliert?
Der Gemeinderat von Crans-Montana hat bei einer Medienkonferenz eingeräumt, dass es hier Versäumnisse gab. Erklären konnte die Behörde diese jedoch nicht.
Der Baumarkt
RTS zufolge erklärten die Betreiber, die Baumarktkette Hornbach habe sie beim Kauf der Schallisolation aus Schaumstoff beraten. Nur: Diese hätte nicht auf mögliche Risiken – wie etwa Brennbarkeit – hingewiesen. Jacques Moretti schilderte weiter, ein einfacher Test an einem Schaumstoffstück habe ihn wegen geringer Flammenbildung beruhigt – trotz starken Rauchs und intensiven Geruchs.
Die Verteidigungsstrategie
Dem Beizer-Paar wird fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie fahrlässiges Verursachen einer Feuersbrunst vorgeworfen. Strafrechtsexperte André Kuhn sagt auf Blick-Anfrage: «Das strafrechtliche Verschulden ergibt sich nicht alleine dadurch, dass 40 Personen gestorben und 116 weitere verletzt sind.»
Entscheidend für die vorgeworfene Fahrlässigkeit seien drei Elemente: Sorgfalt, Vorhersehbarkeit und Vermeidbarkeit. Hier zu klärende Aspekte: «In puncto Sorgfalt ist die Frage: Hätte sich ein anderer Barbetreiber gleich verhalten? Wenn ja, dann ist die beschuldigte Person nicht unsorgfältig gewesen», erklärt Kuhn. «Und bei der Voraussehbarkeit stellt sich die Frage: War der Brand voraussehbar oder nur eine Verkettung von unglücklichen Umständen?»
Und genau hier setzen die Moretti-Anwälte an. Laut Kuhn versuchen sie, den Fahrlässigkeitsvorwurf zu entkräften. Der Kern der Moretti-Verteidigungsstrategie: «Wir waren sorgfältig und es hat niemand von uns den Brand voraussehen können», so Kuhn. Und: «Andere Barbetreiber hätten genauso gehandelt wie wir.»
Wie aussichtsreich diese Strategie ist, wird sich spätestens vor Gericht zeigen.