So kam es zum Drama in Crans-Montana
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Feuer-Hölle in Bar:So kam es zum Drama in Crans-Montana

Erst abgetaucht, jetzt kriecht er zu Kreuze
Warum sich Gemeindepräsident Féraud plötzlich aus der Deckung wagt

Nicolas Féraud gibt nach wochenlangem Rückzug aus der Öffentlichkeit ein Interview und gesteht Fehler ein. Zuvor war er lange abgetaucht und reagierte nicht auf Anfragen. Nun also die Kehrtwende.
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Die Nachrichtenagentur Keystone-SDA veröffentlichte am Dienstag ein Interview mit Nicolas Féraud.
Foto: Keystone

Darum gehts

  • Nicolas Féraud räumt Fehler ein nach Pressekonferenz vom 6. Januar
  • Gemeinde versäumte regelmässige Kontrollen öffentlicher Einrichtungen, sagt Féraud
  • Seit 19. Januar engagiert Crans-Montana Spezialisten für Sicherheitskontrollen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Er hat lange geschwiegen, nun ist er zurück. Der Gemeindepräsident von Crans-Montana Nicolas Féraud (55) hat in einem langen Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA Fehler eingeräumt. Es ist der erste Gang aus seiner Deckung seit der desaströsen Pressekonferenz vom 6. Januar.

Damals schockierte Féraud mit seinen Aussagen. «Die Gemeinde ist als Geschädigte am meisten betroffen, vor allen anderen» – ein Zitat, das europaweit Empörung auslöste. Besonders italienische Journalisten waren verärgert. So forderten mehrere Reporter Féraud zum Rücktritt auf.

Wochenlanger Rückzug

Zudem hatte es der Gemeindepräsident unterlassen, sich bei den Hinterbliebenen zu entschuldigen. Nach dem Auftritt fuhr Féraud unter Polizeischutz davon. Das Unverständnis im In- und Ausland war gross.

In der Folge zog sich Féraud wochenlang zurück. Niemand wusste wirklich, wo er steckte und ob er seine Gemeinde überhaupt noch führte. Auch die Gemeinde gab sich verschlossen und reagierte nicht auf Kontaktversuche. Auch auffällig: Die Kontaktdaten von Féraud und Vize-Gemeindepräsidentin Bonvin Clivaz wurden von der Website der Gemeinde Crans-Montana entfernt. Eine Quelle präzisierte gegenüber Blick: «Er pendelt zwischen dem Rathaus und seinem Wohnort hin und her, und das wars.»

«Ich habe zu viel Vorsicht walten lassen»

Nun also das umfassende Interview, in dem der FDP-Politiker doch noch Selbstkritik übt. Im Gespräch beschreibt Féraud die schwierigen Stunden direkt nach dem Unglück und gesteht ein, dass er sich direkt bei den Opfern hätte entschuldigen sollen.

«Ich habe zu viel Vorsicht walten lassen, anstatt Gefühle zu zeigen und mich zu entschuldigen.» Féraud weiss, dass er in den Augen vieler mitschuldig ist. Schliesslich hat es die Gemeinde versäumt, den Betrieb regelmässig zu kontrollieren.

«Ich kann mir diesen Mangel nicht erklären»

Dazu sagt der 55-Jährige: «Ich kann mir diesen Mangel, der hinsichtlich der Häufigkeit der Kontrollen zutage getreten ist, nicht erklären. Ich glaube nicht, dass das systemisch ist.» Angesichts dieser Feststellung hat Crans-Montana seit dem 19. Januar den Dienst verstärkt und Spezialisten für die regelmässige Kontrolle öffentlicher Einrichtungen engagiert. Ob es auch zu personellen Konsequenzen kommt, verrät Féraud nicht.

Er spüre die Verantwortung, so der 55-Jährige. «Ich werde mich der Verantwortung stellen, sollte ich angeklagt werden», erklärt er offen. «Bislang wurde ich noch nicht vernommen.»

«Ich bitte die Opfer und Hinterbliebenen um Verzeihung»

Gegenüber Blick gab sich Nicolas Féraud zunächst weniger auskunftsfreudig. Als Blick am Dienstag vor der Gemeindeverwaltung persönlich mit Féraud sprechen will, springt dieser in seinen Jeep und fährt schnell davon. Am Nachmittag meldet er sich dann doch noch schriftlich bei Blick und nimmt zu einigen Fragen Stellung.

Er betont auch gegenüber Blick, dass er es versäumt habe, sich an der Pressekonferenz zu entschuldigen – und warum er nun an die Öffentlichkeit tritt: «Das korrigiere ich jetzt, indem ich die Opfer und Hinterbliebenen um Verzeihung bitte.»

«Ich würde so gerne mehr tun»

Der Gemeindepräsident versteht, dass die Dinge in den Augen der Menschen, die auf Antworten warten, zu langsam vorangehen. «Ich würde so gerne mehr tun und das auch schneller. Die Feststellung des Sachverhalts und der Verantwortlichkeiten liegt in der Zuständigkeit der Justiz, und ich habe keinen Zweifel daran, dass sie ihre Arbeit macht.»

Im Interview mit Keystone-SDA zeigt sich Féraud emotional. «Ich weine jeden Tag», beschreibt er seinen aktuellen Gefühlszustand. Er musste zudem psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, um die Situation zu bewältigen. «Es ist der schlimmste Moment meines Lebens und das wird wahrscheinlich für den Rest meines Lebens so bleiben.»

Gelingt Neuanfang?

Er stellt klar: «Bis zum Ende meiner Amtszeit werde ich das Schiff nicht mitten im Sturm verlassen, aus Respekt vor der Gemeinde. Was mich antreibt, ist das Engagement aller, einen neuen Weg in die Zukunft zu finden.»

Wie und ob dieser Neuanfang gelingt, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Derweil laufen die Ermittlungen weiter.

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