Darum gehts
Der Ton der italienischen Regierung gegen die Schweizer Behörden verschärft sich drastisch. Der Entscheid des Walliser Gerichts, den Barinhaber Jacques Moretti (49) nach dem Feuerdrama in Crans-Montana VS gegen eine Kaution freizulassen, sei eine schwere Beleidigung für die Opferfamilien. Das schreibt die Regierung in einer Mitteilung.
Der italienische Botschafter in Bern, der nach Rom zurückgerufen worden ist, spricht auf dem Sender Rai 1 gar von Beweismanipulation. Gian Lorenzo Cornado (66) wird so lange nicht mehr nach Bern zurückkehren, bis die Schweizer Behörden «erfahrene» italienische Ermittler zulassen.
Zu den Kritikern der Aufarbeitung im Wallis gehört auch der in Genf lebende Abgeordnete Toni Ricciardi (48) des Partito Democratico. Vor dem italienischen Parlament warf der Doppelbürger den Schweizer Behörden «Fahrlässigkeit oder Vorsatz» vor. Im Interview mit Blick sagt er: «So etwas wäre in Italien nicht passiert!»
Herr Ricciardi*, wie beurteilen Sie die Arbeit der Schweizer Behörden? Arbeiten sie zu schlampig, wie es ihnen in Rom vorgeworfen wird?
Es fällt auf, dass weder Dokumente der Gemeinde noch Dokumente des Ehepaars Moretti vorsorglich beschlagnahmt worden sind. Ausserdem ist es unverständlich, dass nicht bekannt ist, wer die 200’000 Franken Kaution für die Freilassung von Herrn Moretti aus der Untersuchungshaft bezahlt hat.
Glauben Sie, dass die Ermittler im Wallis mit dem Fall überfordert sind?
Sagen wir es mal so: Es zeigt sich, dass die Rechtssysteme unterschiedlich sind und es im Wallis – wie auch in anderen Kantonen – faktisch keine Gewaltenteilung gibt.
Sie reden von Vetternwirtschaft? Oder wie meinen Sie das?
Wenn ein Staatsanwalt von der Politik ernannt wird, ist er der Politik gegenüber rechenschaftspflichtig. Ich masse mir nicht an, das Rechtssystem im Wallis zu beurteilen. Ich beobachte nur das Verhalten und die Parteiverbindungen.
Die Brandkatastrophe hat sich zu einer politischen Auseinandersetzung zwischen der Schweiz und Italien entwickelt. Warum mischen sich die italienischen Behörden in einen Schweizer Fall ein?
Ich finde nicht, dass es sich um eine politische Angelegenheit zwischen der Schweiz und Italien handelt. Wir erachten es lediglich als unsere Pflicht, zu intervenieren und die Schweizer Seite dazu zu drängen, mit Gesetzen, mit dem Recht und mit Vorschriften einzugreifen. Denn eine solche Tragödie darf nie wieder passieren.
Rom will eigene Ermittler ins Wallis schicken. Was können die besser als die Schweizer?
Die Zusammenarbeit basiert auf dem «Europäischen Übereinkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen». Rom will keinesfalls die Souveränität der Schweiz verletzen, sondern die Zusammenarbeit anbieten. Schliesslich haben die italienischen Ermittler grosse Erfahrung mit der Mafia.
Sie verbinden die Brandkatastrophe mit der Mafia?
Nicht ich. Es war die französische Justiz, die den Barbetreiber mit der Mafia in Verbindung gebracht hat.
Wie hätten die italienischen Behörden gehandelt, wenn Crans-Montana in Italien passiert wäre?
Das Ehepaar Moretti wäre sofort verhaftet worden. Und vor allem wären sofort Untersuchungen zur Arbeit des Gemeindepräsidenten und des Sicherheitsbeauftragten der Gemeinde eingeleitet worden. Einfach deshalb, weil man so das Verschwinden von Beweisen hätte verhindern und sich auf eine gemeinsame Aussage während der Verhöre hätte einigen können. Ich frage mich: Warum wurden die Videos und Profile auf den sozialen Medien gelöscht? Wer hat das getan und warum?
Am 13. Januar sprach die italienische Regierung in einer dringlichen Erklärung zur Tragödie in Crans-Montana. Toni Ricciardi nahm für die Fraktion des Partito Democratico folgendermassen Stellung (Protokoll im Wortlaut):
Vielen Dank, Herr Präsident, Herr Minister Tajani, liebe Kolleginnen und Kollegen. Giovanni, Achille, Emanuele, Chiara, Riccardo und Sofia sind nicht mehr unter uns. Sie feierten wie Millionen andere Jungen und Mädchen ihres Alters das Jahresende, ohne zu ahnen, welches Schicksal sie ereilen würde.
Wir sind fassungslos, ungläubig, traurig und entsetzt über all die Bilder, die wir gesehen haben, und jeder Tag, der vergeht, offenbart uns leider weitere unerträgliche Wahrheiten. Vierzig Opfer. Die Hälfte davon Minderjährige. Die jüngsten waren 14, 15 Jahre alt. 21 waren Schweizer Staatsangehörige, neun Franzosen, sechs Italiener, ein Belgier, ein Rumäne, ein Portugiese und ein Türke.
Wir bekunden den Familien unseren tiefsten Respekt und unsere Anteilnahme (Beifall).
Es ist offensichtlich, dass etwas nicht funktioniert hat. Etwas wurde nicht so gehandhabt, wie es hätte gehandhabt werden müssen. Wir stehen vor einem Fall von Fahrlässigkeit oder Vorsatz, und wie Sie, Herr Minister, zu Recht betont haben, ist es nicht unsere Aufgabe, dies festzustellen. Aber wir werden dieser Angelegenheit sicherlich grösste Aufmerksamkeit schenken, denn die Familien und das Land verlangen, die Wahrheit zu erfahren, sie verlangen Gerechtigkeit.
Vor allem aber – lassen Sie mich das betonen – haben die Kontrollen nicht funktioniert.
Wir hätten eine Entschuldigung vom Bürgermeister in seiner dritten Amtszeit erwartet und werden wahrscheinlich erwarten, dass er die Konsequenzen aus seinem Verhalten zieht. Und um es klar zu sagen: Die Verantwortung in dieser Angelegenheit liegt bei Einzelpersonen. Es gibt keinen Staat, keine Nation, die besser ist als die andere, aber die persönliche Verantwortung muss verfolgt werden, und wir verlangen Klarheit.
Es gab jedoch auch Verhaltensweisen, für die wir dankbar sind. Danke an den Präsidenten der Republik Sergio Mattarella, der uns bei der Beerdigung in Martigny vertreten hat; an die Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die einen Moment der Besinnung für die gesamte Politik, für das ganze Land, gewünscht hat; an Sie, Minister Tajani, für das, was Sie getan haben, und vor allem dafür, wie Sie es getan haben. Es hat uns sehr beeindruckt, die Bilder in Ihrer ersten Erklärung zu sehen, als Sie sagten: «Ich bin hier als Vater, als Grossvater.» Wir haben das sehr geschätzt und danken Ihnen dafür. Ein Dankeschön – und damit komme ich zum Schluss, Herr Präsident – an unseren Botschafter Gian Lorenzo Cornado, an die Generalkonsulin in Genf, Nicoletta Piccirillo, an das gesamte Konsulat, an alle Mitglieder der Botschaft und vor allem an das Gesundheitspersonal und die Ärzte des Niguarda-Krankenhauses.
Und ich möchte mit den Worten von Aline Morisoli, einer Überlebenden, schliessen, die sie in Martigny während der Gedenkfeier für die Opfer gesprochen hat: «Man kann dem Leben keine Tage hinzufügen, aber man kann den Tagen Leben hinzufügen.» Und aus diesem Grund – wie Sie, Herr Minister Tajani, zu Recht erwähnt haben – haben wir die Pflicht, auch aus rechtlicher Sicht zu intervenieren und auch die Schweizer Seite zu drängen, mit Gesetzen, mit dem Recht, mit Vorschriften einzugreifen, damit sich eine solche Tragödie nie wieder ereignet.
Am 13. Januar sprach die italienische Regierung in einer dringlichen Erklärung zur Tragödie in Crans-Montana. Toni Ricciardi nahm für die Fraktion des Partito Democratico folgendermassen Stellung (Protokoll im Wortlaut):
Vielen Dank, Herr Präsident, Herr Minister Tajani, liebe Kolleginnen und Kollegen. Giovanni, Achille, Emanuele, Chiara, Riccardo und Sofia sind nicht mehr unter uns. Sie feierten wie Millionen andere Jungen und Mädchen ihres Alters das Jahresende, ohne zu ahnen, welches Schicksal sie ereilen würde.
Wir sind fassungslos, ungläubig, traurig und entsetzt über all die Bilder, die wir gesehen haben, und jeder Tag, der vergeht, offenbart uns leider weitere unerträgliche Wahrheiten. Vierzig Opfer. Die Hälfte davon Minderjährige. Die jüngsten waren 14, 15 Jahre alt. 21 waren Schweizer Staatsangehörige, neun Franzosen, sechs Italiener, ein Belgier, ein Rumäne, ein Portugiese und ein Türke.
Wir bekunden den Familien unseren tiefsten Respekt und unsere Anteilnahme (Beifall).
Es ist offensichtlich, dass etwas nicht funktioniert hat. Etwas wurde nicht so gehandhabt, wie es hätte gehandhabt werden müssen. Wir stehen vor einem Fall von Fahrlässigkeit oder Vorsatz, und wie Sie, Herr Minister, zu Recht betont haben, ist es nicht unsere Aufgabe, dies festzustellen. Aber wir werden dieser Angelegenheit sicherlich grösste Aufmerksamkeit schenken, denn die Familien und das Land verlangen, die Wahrheit zu erfahren, sie verlangen Gerechtigkeit.
Vor allem aber – lassen Sie mich das betonen – haben die Kontrollen nicht funktioniert.
Wir hätten eine Entschuldigung vom Bürgermeister in seiner dritten Amtszeit erwartet und werden wahrscheinlich erwarten, dass er die Konsequenzen aus seinem Verhalten zieht. Und um es klar zu sagen: Die Verantwortung in dieser Angelegenheit liegt bei Einzelpersonen. Es gibt keinen Staat, keine Nation, die besser ist als die andere, aber die persönliche Verantwortung muss verfolgt werden, und wir verlangen Klarheit.
Es gab jedoch auch Verhaltensweisen, für die wir dankbar sind. Danke an den Präsidenten der Republik Sergio Mattarella, der uns bei der Beerdigung in Martigny vertreten hat; an die Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die einen Moment der Besinnung für die gesamte Politik, für das ganze Land, gewünscht hat; an Sie, Minister Tajani, für das, was Sie getan haben, und vor allem dafür, wie Sie es getan haben. Es hat uns sehr beeindruckt, die Bilder in Ihrer ersten Erklärung zu sehen, als Sie sagten: «Ich bin hier als Vater, als Grossvater.» Wir haben das sehr geschätzt und danken Ihnen dafür. Ein Dankeschön – und damit komme ich zum Schluss, Herr Präsident – an unseren Botschafter Gian Lorenzo Cornado, an die Generalkonsulin in Genf, Nicoletta Piccirillo, an das gesamte Konsulat, an alle Mitglieder der Botschaft und vor allem an das Gesundheitspersonal und die Ärzte des Niguarda-Krankenhauses.
Und ich möchte mit den Worten von Aline Morisoli, einer Überlebenden, schliessen, die sie in Martigny während der Gedenkfeier für die Opfer gesprochen hat: «Man kann dem Leben keine Tage hinzufügen, aber man kann den Tagen Leben hinzufügen.» Und aus diesem Grund – wie Sie, Herr Minister Tajani, zu Recht erwähnt haben – haben wir die Pflicht, auch aus rechtlicher Sicht zu intervenieren und auch die Schweizer Seite zu drängen, mit Gesetzen, mit dem Recht, mit Vorschriften einzugreifen, damit sich eine solche Tragödie nie wieder ereignet.
Was fordern Sie von den Schweizer Behörden?
Das Wichtigste ist, die Wahrheit herauszufinden und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Ich erinnere an den Gletscherabbruch am Mattmarkstausee vor über 60 Jahren. Damals, ebenfalls im Wallis, starben 88 Menschen, darunter 56 Italiener. Das Ergebnis: Nach sieben Jahren Ermittlungen kam es zum Prozess, bei dem 17 Angeklagte freigesprochen und die Angehörigen der Opfer zur Zahlung der Hälfte der Prozesskosten verurteilt wurden. Ich muss sagen, dass man aus der Geschichte nichts gelernt hat.
Fordern Sie auch eine finanzielle Entschädigung?
Zu den finanziellen Aspekten möchte ich mich nicht äussern. Aber eine Frage muss man sich sicher stellen: Wer bezahlt die lebenslangen Behandlungen, die diese jungen Männer und Frauen benötigen werden?
Hat sich in Italien das Image der guten Schweiz wegen der schleppenden Aufarbeitung der Tragödie verändert?
Für mich persönlich nicht, für die meisten anderen Italiener auch nicht. Als Doppelbürger kenne ich die Vorzüge und Schwächen der Schweiz. Kein Land ist besser als ein anderes, aber ein gewisses Verhalten kann den Ruf eines Landes ruinieren. Aus diesem Grund sind Reaktion und Verhalten von entscheidender Bedeutung. Ich bin davon überzeugt, dass die Schweiz der Welt trotz der Krise wieder das Bild einer strukturierten und verlässlichen Demokratie vermitteln kann.
Welche Auswirkungen wird die Aufarbeitung der Tragödie auf die zukünftige Beziehung der beiden Länder haben?
Ich hoffe, keine. Beide Seiten müssen einen Gang herunterschalten. Ich habe zwar Verständnis dafür, dass sich die Gemüter erhitzen. Aber mir gefallen einige Reaktionen aus Italien und der Schweiz nicht. Sie sind nutzlos und lindern vor allem das Leid der Überlebenden und der Eltern nicht, die ihre Kinder verloren haben.
* Toni Ricciardi (48) ist Migrationshistoriker an der Universität Genf und hat sich auf die Geschichte der italienischen Migration in der Schweiz spezialisiert. Zu seinen Publikationen gehört das Buch «Sterben in Mattmark» über die Mattmark-Tragödie 1965. Er ist nationaler Sekretär der Partito Democratico und seit 2022 Abgeordneter des italienischen Parlaments.