Die happigen Vorwürfe der Opfer-Eltern
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Trauermarsch in Lutry VD:Die happigen Vorwürfe der Opfer-Eltern

Kanton Wallis verspricht den Opfer-Familien von Crans-Montana Hilfe, aber zahlt bislang nicht
«Wir haben die Kosten jetzt, nicht in ein paar Wochen»

Der Kanton Wallis versprach 10'000 Franken für jedes Opfer von Crans-Montana VS. Doch bislang haben Opferfamilien wie die Michelouds aus Rechy VS noch kein Geld erhalten. Und das, obwohl die Kosten horrend sind.
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Die Töchter Meissa und...
Foto: zVg

Darum gehts

  • Brand in Crans-Montana am 1. Januar zerstörte Familie Michelouds Leben
  • Behandlungen und Fahrtkosten belasten Familie finanziell, Hilfe vom Kanton verzögert
  • 45 Akten abgeschlossen, 10'000 Franken pro Opfer angekündigt, Zahlungen ausstehend
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Martin MeulReporter News

Man kann sich kaum vorstellen, wie gross die Belastung für die Familien der Opfer von Crans-Montana VS ist. Egal, ob sie um tote Angehörige trauern oder sich um Verletzte kümmern, die im Spital liegen. Ein normales Leben ist undenkbar.

Und doch macht das Leben um die Familien herum keine Pause. Leila Micheloud (51) erklärt: «Die Rechnungen landen trotzdem im Briefkasten. Zum Beispiel von der Krankenkasse. Auch sonst kann ich nicht einfach sagen: Oh, im Moment ist es gerade schwierig mit dem Geld», erklärt sie in ihrem Haus in Réchy VS. 

Zwei Töchter im Spital

Die Katastrophe vom 1. Januar hat die Familie Micheloud zerstört. Die beiden ältesten Töchter wurden beim Brand in der Bar Le Constellation schwer verletzt.

Besonders hart getroffen hat es Farah (20). Bis Freitag vor einer Woche lag die junge Frau mit schwersten Verbrennungen im Spital in von St. Gallen. Nun kümmert man sich in einer Spezialklinik in Morges VD um sie. Ihre jüngere Schwester Meissa (18) wird in der Suva-Klinik in Sitten VS behandelt. «Am Vormittag besuchen wir Farah, am Nachmittag sind wir bei Meissa, und den Abend verbringen wir mit unserer jüngsten Tochter Naiel (14)», beschreibt Leila Micheloud ihren Alltag. 

An Arbeit ist für sie und ihren Mann deshalb nicht zu denken. «Wie lange das so bleiben wird, wir wissen es nicht», sagt die Mutter. 

Viel mehr Ausgaben

Die Betreuung ihrer Kinder hat direkte Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Familie. Zwar erhalten die Eltern ihren Lohn – beide sind krankgeschrieben –, aber es fallen zusätzliche Kosten an. «Allein die Fahrtkosten haben es in sich, und auch Kleinigkeiten wie Kaffee oder Mahlzeiten in der Kantine im Spital summieren sich schnell», sagt Leila Micheloud. 

Zudem rechnet die Mutter mit hohen Kosten für die psychologische Behandlung ihrer Töchter. «Das wird nötig sein, damit sie das Erlebte verarbeiten und wieder Vertrauen ins Leben fassen können. Sie haben nicht nur körperliche Verletzungen davongetragen», sagt Micheloud. 

Kanton will schnell helfen, aber ...

Der Kanton Wallis hatte schon bald nach dem Inferno erklärt, dass er die Opfer – oder im gegebenen Fall – die Angehörigen der Tragödie finanziell unterstützen will. 10'000 Franken sollte es für jedes Opfer geben. Doch es gibt ein Problem: Noch haben die Opfer und ihre Familien kein Geld bekommen, obwohl seit dem Brand im «Le Constellation» ein Monat vergangen ist. Das stört Leila Micheloud. Sie sagt: «Wir haben die Kosten jetzt, nicht in ein paar Wochen.»

Jérôme Favez, Chef der Dienststelle für Sozialwesen beim Kanton Wallis, erklärt gegenüber Blick, warum es klemmt: «Bevor Zahlungen erfolgen konnten, mussten mehrere wichtige administrative Prüfungen durchgeführt werden. Zunächst galt es, die Opfer sowie deren Angehörige, die sich nicht von selbst gemeldet hatten, zu ermitteln.» Anschliessend habe man diese kontaktieren müssen, um sicherzustellen, dass die Gelder die rechtmässigen Empfänger erreichen. «So war es beispielsweise bei Minderjährigen notwendig, die elterlichen Sorgeberechtigten formell zu ermitteln. Bei Verstorbenen musste festgestellt werden, ob sie verheiratet waren oder nicht, und falls nicht, Informationen über ihre Eltern eingeholt werden», so Favez weiter.

Erste Auszahlungen am Mittwoch

All das habe seine Zeit gedauert. Nun aber soll bald Geld fliessen. Favez verspricht: «Bislang wurden 45 Akten fertiggestellt und können nun an die kantonale Finanzverwaltung zur Auszahlung weitergeleitet werden. Die Zahlungen sollten bis Mittwoch auf den Konten der Begünstigten eingehen.»

In den übrigen Fällen hoffe man, dass alle Leistungsempfänger, deren Informationen eingegangen sind, die Leistungen bis Ende kommender Woche erhalten werden. «Wir behalten die Situation der betroffenen Familien weiterhin im Auge und arbeiten unermüdlich daran, die Zahlungen so schnell wie möglich und mit minimalem Verwaltungsaufwand zu gewährleisten», so Favez.

Klagen in Millionenhöhe

Für Opferanwalt Sebastien Fanti ist das ein Hohn. «45 Akten in einem Monat ist einfach schwach», sagt er zu Blick und fügt an: «Es ist Zeit, vorwärtszumachen, schnell zu sein. Und zwar nicht nur in diesem Punkt.»

Die Frage nach den finanziellen Folgen des Infernos dürften in den kommenden Wochen und Monaten, neben den strafrechtlichen Untersuchungen, zunehmend in den Fokus rücken, erwartet Fanti. «Wir sprechen hier von Hunderten Millionen Franken an Schadenersatzforderungen.» Geld, das Fanti und andere Opferanwälte für die Opfer erkämpfen wollen. Fanti erklärt: «Wir hoffen, dass das schnell passiert, wenn möglich aussergerichtlich. Wir werden aber sicher alle Möglichkeiten ausschöpfen, auch internationale.»

Das heisst, dass Fanti und seine Kollegen im Ausland gegen die Barbetreiber, aber auch gegen die Gemeinde Crans-Montana klagen könnten. Zum Beispiel in den USA, wo – anders als in der Schweiz – Sammelklagen möglich sind. «Wir sind dabei, solche Optionen abzuklären», erklärt der Anwalt.

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