Darum gehts
- 40 Tote und 116 Verletzte nach Silvesternacht-Inferno in Crans-Montana
- Kritik am Bundesrat: Betroffene fühlen sich enttäuscht und allein gelassen
- Wallis verspricht nur 10’000 CHF Soforthilfe, mindestens 100’000 CHF wären üblich
Bundespräsident Guy Parmelin (66) macht vieles richtig. Er ist besonnen, diplomatisch, ganz der Staatsmann. Nun werfen Aussagen eines Vaters im Westschweizer Fernsehen die Frage auf: Hat er auch das Zeug zum Landesvater?
Der Waadtländer Hugues Blatti ist Immobilienmakler und Familienvater. Die Silvesternacht von Crans-Montana VS, bei der 40 Menschen starben und 116 verletzt wurden, hat sein Leben verändert: Blattis Sohn Luka (18) wurde im Inferno schwer verletzt, er liegt auf einer Intensivstation.
Rom handelt, Paris handelt – und Bern?
Nun macht Blatti dem Bundesrat in einem RTS-Interview schwere Vorwürfe: «Italien hat sich gemeldet, ebenso die französischen Behörden. Wir hatten sogar ein persönliches Gespräch mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der uns seine volle Unterstützung zugesagt hat. Aber die Schweizer Seite hat uns enttäuscht – und ich denke, ich spreche da für viele Familien. Es gab keinen Kontakt mit der Eidgenossenschaft.»
Parmelin empfing zwar einige Betroffene der Tragödie in Begleitung des italienischen Botschafters. Doch hat er zwischen WEF-Auftritten, Zollstreit und seiner geplanten Reise in die Golfstaaten die anderen Angehörigen vergessen? Nachdem Blick eine kritische Anfrage an ihn richtete, griff der Bundespräsident zum Telefon und rief Hugues Blatti an. Parmelins Sprecher bestätigt: «Der Bundespräsident steht mit der Familie in Kontakt.» Details möchte er nicht verraten, betont aber: «Der Bundespräsident kann den Schmerz und die Enttäuschung von Eltern und anderen Betroffenen sehr gut verstehen und fühlt mit ihnen.»
Weshalb schweigt der Bundesrat über den Krisenstab?
Parmelin, der sonst für seine Bedachtsamkeit geschätzt wird, scheint in seiner Kommunikation vom Glück verlassen zu sein: So ist bis heute nicht öffentlich bekannt, dass der Bundesrat direkt nach dem Unglück einen ausserordentlichen Krisenstab eingesetzt hat. Die Generalsekretäre der Bundesräte koordinieren seit Anfang Januar die Arbeiten zwischen Departementen, Kantonen und der Bundeskanzlei. Die Konferenz der Kantonsregierungen (KdK), der Kanton Wallis und weitere Stellen sind eingebunden. Bislang tagte der Krisenstab fünf Mal. Bundeskanzler Viktor Rossi (57) leitet die Sitzungen.
Weshalb Vizekanzlerin Nicole Lamon (55) weder über die Existenz des Krisenstabs noch über die wichtigsten Ergebnisse seiner Sitzungen informierte, ist unklar. Die Nervosität in Bern scheint gross. Unter anderem setzte sich der Krisenstab mit der Frage auseinander, mit welchem Empfang die Bundesräte bei den Olympischen Winterspielen in Mailand (I) und Cortina (I) rechnen müssen und was sie kritischen Journalisten antworten sollten.
Cassis war im Homeoffice
Ein heikler Punkt: Der Bundesrat hat es bis heute nicht geschafft, dass die betroffenen Familien unkompliziert eine Soforthilfe erhalten, die diesen Namen verdient. Das Wallis hat den Angehörigen bislang lediglich 10’000 Franken pro Fall versprochen – ein lächerlicher Betrag. Es gäbe historische Vorbilder: Nach der Swissair-Katastrophe von Halifax 1998 erhielten Angehörige sofort 100’000 Franken Soforthilfe – unbürokratisch und auf spätere Entschädigungen anrechenbar. Statt entschlossen zu handeln, prüft Bern lieber jedes juristische Detail.
Auch international wirken offizielle Reaktionen der Schweiz nicht ideal. Obwohl Aussenminister Ignazio Cassis (64) aus dem Tessin stammt, bekommt er den diplomatischen Ärger mit Italien nicht in den Griff. Die Regierung in Rom rief gar ihren Botschafter Gian Lorenzo Cornado (66) zurück. Diplomatie lebt nun mal von Symbolik. Vielleicht hätte es geholfen, wenn Cassis dabei gewesen wäre, als sein italienischer Amtskollege Antonio Tajani (72) in Crans-Montana persönlich kondolierte. Allerdings war der Chef der Schweizer Diplomatie Anfang Januar mit seiner OSZE-Präsidentschaft beschäftigt – im Tessiner Homeoffice. Das EDA betont, Cassis habe mehrmals mit Italiens Aussenminister telefoniert.
Tessiner Empfehlung: «Amatriciana essen»
Trotzdem geht die Polemik weiter. Zuletzt machte Cassis’ Tessiner Parteikollege Alex Farinelli (44) Stimmung gegen Rom. Das Verhalten Italiens im Fall Crans-Montana sei «inakzeptabel» und eine «Einmischung in die Schweizer Justiz», kritisierte der FDP-Nationalrat. Sinngemäss sagte er, der italienische Botschafter solle in Rom «Amatriciana essen», bis sein Land verstanden habe, wie man zwischen Staaten zu arbeiten habe. Ein Affront gegenüber dem Nachbarland, das über die Opfer der Brandkatastrophe trauert!
Italiens Gesandter wartet derzeit in seiner Heimat ein Treffen zwischen der römischen und der Walliser Staatsanwaltschaft am 19. Februar in Sitten VS ab. Sollte das Gespräch positiv verlaufen und umgehend ein gemeinsames Ermittlungsteam eingesetzt werden, dürfte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (49) ihren Botschafter wieder zurück in die diplomatische Vertretung in Bern schicken.
Ruth Metzler schweigt
Währenddessen rückt die Rolle der Axa-Versicherung ins Zentrum der Aufmerksamkeit – die Gemeinde Crans-Montana und die Bar Le Constellation waren bei der Axa haftpflichtversichert. Ein Insider zu Blick: «Die Axa will nichts bezahlen, bis die strafrechtliche und die zivilrechtliche Haftung endgültig geklärt sind. Das ist in dieser Situation nicht nachvollziehbar. Bereits jetzt steht fest, wer die Haftpflichtigen sind, und ebenso ist klar, dass die Schadenssumme die Deckungssumme übersteigt. Wenn die Axa es ernst damit meint, dass sie Betroffene bestmöglich unterstützen will, dann muss sie die Deckungssummen jetzt zur Verfügung stellen.»
Die Axa betont: «Wer im Fall Crans Montana in welchem Umfang haftet, ist im Rahmen des laufenden Strafverfahrens zu klären. Selbstverständlich werden wir unseren Verpflichtungen als Haftpflichtversicherung vollumfänglich nachkommen.» Pikantes Detail am Rande: Im Verwaltungsrat der Axa Schweiz sitzt alt Bundesrätin Ruth Metzler (61). Ihre Stellungnahme: «Für Fragen zu Crans-Montana wenden Sie sich bitte an die Medienstelle von Axa.»
Verantwortung zu delegieren, wo Führung gefragt wäre: Ein solches Verhalten empfinden viele Betroffene als schmerzhaft. Vielleicht auch, weil es zum Grundproblem der Tragödie von Crans-Montana führt: Zu viele haben weggeschaut, bis es zur Tragödie kam. Und zu viele haben offenbar noch heute Mühe damit, Verantwortung zu übernehmen.