Kurz vor der Tragödie von Crans-Montana, die das Land für immer verändert hat, zeigte das Schweizer Fernsehen während der Festtage den Kinderfilm «Kevin – Allein zu Haus».
Die Story eines Jungen, der zwei Einbrechern das Handwerk legt, hat etwas sehr Amerikanisches: Sie ist eine in Watte verpackte Ode an die Selbstjustiz, an den mündigen Bürger, der das Gesetz in die eigene Hand nimmt und sich – die zentralstaatliche Obrigkeit ignorierend – seine eigene Gerechtigkeit schafft. Unter den Kantonen der Schweiz fällt diese Rolle des Mavericks dem Wallis zu, das als Heimat rebellischer Bergler gilt, die gegenüber Bundesbern eine gesunde Skepsis hegen.
Dieses Image wurde auch im Bergkanton selbst nach Kräften bemüht. Nicht nur im «Walliser Boten» fand sich gelegentlich der Hinweis, dass hier eben «eigene Gesetze herrschen», und die SRF-Erfolgsserie «Tschugger» kokettierte mit dem Etikett vom «Wallis als Texas der Schweiz». Dass jenseits des Lötschbergs das Raumplanungs-, das Zweitwohnungs-, das Baugesetz und der Wolfsschutz zuweilen sehr eigensinnig interpretiert werden, nährte erst recht das Klischee vom Outlaw-Kanton. Nur logisch erschien es da, dass die Einheimischen den Rest der Nation als «Üsserschwiiz» bezeichnen. Das Aushöhlen von Regeln ist kein Walliser Monopol – im Rhonetal aber wurde dieses Bild nachhaltiger bewirtschaftet als anderswo im Land. Bis jetzt.
Das unfassbare Ereignis in Crans-Montana setzt dieser Romantisierung der Rechtsbeugung ein jähes, leidvolles Ende. Zu wenige Brandschutzkontrollen, das Lavieren der Staatsanwaltschaft, überforderte Gemeindebehörden und ein dubioses französisches Wirtepaar wirken plötzlich wie Zerfallserscheinungen einer wohlstandsverwöhnten Nation am Ende ihrer fetten Jahre.
Man kann nur hoffen, dass die Schweiz den jungen Opfern dieses Skandals und ihren Familien wenigstens mit einer fehlerlosen juristischen, politischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung Respekt zollt. Natürlich unter Einbezug all jener Kräfte im Wallis, denen die Selbstjustiz in der Manier amerikanischer Kinofilme nicht mehr genügt.