So kam es zum Drama in Crans-Montana
2:20
Feuer-Hölle in Bar:So kam es zum Drama in Crans-Montana

Offener Brief von Katja Faber zu Crans-Montana
Man fleht das Universum an, dass es sich irren möge

Die Tragödie von Crans-Montana sorgt für Entsetzen – erst recht bei Eltern. Katja Faber, die 2014 bei einem Gewaltverbrechen ihren 23-jährigen Sohn verloren hat, teilt ihre Gedanken.
Kommentieren
1/2
«Für jene, die die Nachricht erhalten werden, die kein Elternteil je hören sollte, wird sich das Leben in ein Davor und ein Danach teilen»: Katja Faber.
Foto: Thomas Meier

An einem Ort, der für Lachen und Freude geschaffen war, gibt es jetzt nur noch eines: Warten.

Ein Warten, das die Brust aushöhlt. Ein Warten, das die Zeit verbiegt, in dem Minuten grausam und endlos erscheinen. Familien stehen wie eingefroren zwischen Hoffnung und Entsetzen, lauschen auf ein Telefon, das nicht klingelt, starren auf Bildschirme, auf denen nichts passiert, und beten, dass dieses Schweigen nicht das Schlimmste bedeutet.

Mehr als vierzig junge Leben sind ausgelöscht. Mehr als hundert Menschen weisen schwerste Verbrennungen auf und kämpfen darum, am Leben zu bleiben. Es gibt Eltern, die keinen Bescheid haben. Es gibt Namen, die noch nicht laut ausgesprochen wurden, Gesichter, die noch nicht bestätigt sind, Zukunftsbilder, die noch nicht zusammenbrechen dürfen, weil die Wahrheit noch nicht angekommen ist. Die Identifizierung kann Wochen dauern.

Die Brutalität des Nichtwissens

Dies ist eine Art Folter: noch keine Trauer, sondern die rohe Brutalität des Nichtwissens. Das bedeutet, immer wieder die Nummer des eigenen Kindes zu wählen, sich einzureden, dass ein verpasster Anruf Sicherheit bedeuten könnte, dass Schweigen vielleicht doch Leben heisst. Das bedeutet auch, in Panik loszufahren, um Krankenhäuser oder den Ort der Tragödie zu erreichen, Flugzeuge in völliger Verwirrung zu besteigen, während der Schmerz so gewaltsam durchs Herz reisst, dass er einem den Atem nimmt.

Ich kenne diese Situation. Der Verstand scheitert. Angst wiederholt sich. Immer und immer wieder. Man sieht sein Kind überall und nirgends. Man probt das Schlimmste und fleht gleichzeitig das Universum an, dass es sich irren möge. Der Körper erinnert sich an das Morgenlicht auf dem Schnee, an das alltägliche Wunder, dass das eigene Kind an einen schönen Ort gefahren ist, um mit Freunden zusammen zu sein, zu feiern – diese Erinnerung prallt brutal auf das, was das Herz nun weiss: dass Schönheit uns nicht schützt, dass unser Glück jederzeit enden kann, dass der Tod nicht um Erlaubnis fragt, bevor er kommt.

Von schneebedeckten Landschaften umgeben zu sein und nur noch Entsetzen zu empfinden, ist zutiefst verstörend. Die Welt sieht gleich aus, und doch ist sie unkenntlich geworden. Die Berge sind unverrückbar, während im Innern alles zusammenbricht. Da ist eine Verwirrung, so tief, dass sie körperlich spürbar ist, ein Unglaube, der hinter den Augen hämmert, ein Schmerz, der noch keine Sprache hat und einen von innen zerreisst, schreiend danach, gefühlt zu werden.

Das Leben davor und danach

Für jene Mütter und Väter, die die Nachricht erhalten werden, die kein Elternteil je hören sollte, wird sich das Leben in ein Davor und ein Danach teilen. Für jene, deren Kinder überleben, wird die Erleichterung kommen. Mit einem Schatten: heilende Verbrennungen, bleibende Narben, Erinnerungen, die nie weichen werden. Und für alle, die persönlich von diesem Feuer berührt wurden, wird etwas unwiderruflich verändert. Jede Unschuld wurde entrissen, Trauma und Trauer haben ihren Platz eingenommen.

In diesem Moment wirken Worte unzureichend, doch Schweigen fühlt sich schlimmer an. Also benennen wir den Schmerz. Wir ehren das Warten. Wir erkennen die unerträgliche Grausamkeit des Nichtwissens an. Wir sind in Gedanken bei jeder Familie, die am Rand des Abgrunds steht, in die Leere blickt und den Namen ihres Kindes flüstert wie einen Zauberspruch.

Mögen die verlorenen jungen Leben nicht durch die Art ihres Todes in Erinnerung bleiben, sondern durch das Licht, das sie in sich trugen. Mögen jene, die noch kämpfen, von einer Fürsorge umgeben sein, die stark genug ist, ihrem Schmerz zu begegnen. Und mögen die Familien – zerbrochen, schwebend in Angst – in welcher Form auch immer getragen werden durch diese langen, erbarmungslosen Tage, die vor ihnen liegen.

Katja Fabers Sohn wurde 2014 von einem Freund getötet.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen