Die Schweiz weint
«Trauer endet nicht mit einer Gedenkfeier»

Die Schweiz trauert um die Opfer von Crans-Montana. Was gibt kollektive Trauer – und wo stösst sie an Grenzen? Darf Wut Platz haben? Und was, wenn man selbst betroffen ist? Blick sprach mit einer reformierten, katholischen und jüdischen Fachperson.
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Ganz Europa trauert um die Opfer von Crans-Montana.
Foto: CYRIL ZINGARO

Darum gehts

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Raphael RauchBundeshausredaktor

Die Schweiz trauert um die Opfer von Crans-Montana VS und bangt um die Überlebenden auf den Intensivstationen. Auch Europa trauert mit. Bundespräsident Guy Parmelin (66) empfängt in Martigny VS Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (48) und Italiens Präsident Sergio Mattarella (84).

Menschen brauchen Rituale – besonders in Krisenzeiten. «Kollektives Trauern schafft Raum für etwas zutiefst Persönliches. Trauer ist keine private Schwäche, sondern eine menschliche Erfahrung, die viele teilen», sagt Rita Famos (59), Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Rituale, Stille und symbolische Handlungen geben Halt, wo Worte fehlen. «Sie anerkennen den Verlust, ohne ihn erklären zu müssen. Und sie stärken das Bewusstsein: Wir tragen das Leid nicht allein, sondern als Gemeinschaft.»

Trauer lässt sich nicht schnell abhaken

Famos sieht auch Grenzen: Kollektive Trauer könne die persönliche Trauer nicht ersetzen. «Jeder Mensch trauert anders, in eigenem Tempo, mit eigenen Fragen. Öffentliche Rituale dürfen kein Erwartungsdruck werden – weder im Sinn von ‹jetzt ist es verarbeitet› noch im Sinn von emotionaler Vereinheitlichung». Die erfahrene Seelsorgerin warnt: «Trauer endet nicht mit einer Gedenkfeier. Sie braucht Zeit, oft lange über den öffentlichen Moment hinaus. Entscheidend ist deshalb, dass danach verlässliche Begleitung im Alltag folgt.»

Auch die katholische Theologin Regina Ammicht Quinn (68) hält kollektive Trauerfeiern für wichtig – trotz Zweifeln: «Sie sind eine merkwürdige, aber notwendige Gattung. Merkwürdig, weil das ehemals christliche Abendland immer wieder eine religiöse Zusammengehörigkeit beschwört, die längst verloren gegangen ist. Aber notwendig, weil die öffentliche Anerkennung des Leids wichtig ist und weil religiöse Sprache helfen kann, was Menschen zutiefst betrifft.» 

«Hier gibt es keinen Trost»

Auf die Frage, wo Gott in der Silvesternacht war, gebe es keine Antwort, sagt Quinn. Eltern stehen vor der qualvollen Frage: Warum ausgerechnet mein Kind? Auch darauf gebe es keine Antwort. Im Trauerprozess geht es ums Zuhören, nicht ums Erklären. Echte Anteilnahme sei eine Kunst: mit-leidend zu verstehen, statt zu erklären. Und den Trauernden helfen, auch mit sich selbst mitfühlend zu sein, so die Theologie-Professorin.

Ammicht Quinn ist selbst Mutter. «Wenn ich mir vorstelle, meine Tochter, mein Sohn wären betroffen – es gäbe keinen Trost. Nur ein Dasein für andere, vielleicht ein Weg zurück ins Leben – irgendwann, gemeinsam.»

«Wut ist ein Ausdruck von Trauer»

Unter den Opfern der Silvesternacht sind auch jüdische Jugendliche. Der jüdische Professor Alfred Bodenheimer (60) hält Wut für legitim: «Der Tod vieler Menschen wäre vermeidbar gewesen. Da kann Trauer in Wut umschlagen – und solange diese sich nicht unkontrolliert äussert, finde ich das in gewissen Grenzen auch legitim.» Wut, sagt er, sei ein Ausdruck von Trauer – anders als die nüchterne juristische Aufarbeitung, die ohne Vorverurteilung auskommen muss.

Kann eine biblische Geschichte trösten? Bodenheimer erinnert an die Erzählung von König David. Als dessen Sohn schwer erkrankt, fastet David und kasteit sich – trotzdem stirbt sein Kind nach sieben Tagen. Davids Diener fürchten, er werde daran zerbrechen. Doch das Gegenteil geschieht: David wäscht sich, betet und isst wieder. Er erklärt den überraschten Dienern: Nun, da er für das Leben des Kindes nicht mehr beten könne, müsse er weiterleben – im Wissen, eines Tages wieder bei ihm zu sein. David zeugt ein weiteres Kind, den späteren König Salomon. 

Dem Diesseits und dem Jenseits verpflichtet

Bodenheimer ist überzeugt: «Das Geheimnis dieser Erzählung ist, dass David eine Grenze zieht zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Alles für den Erhalt des Lebens des ersten Kindes im Diesseits zu tun und auch das Vertrauen zu haben, dass ein nächstes Kind nicht wieder sterben wird, aber zugleich auf ein mit den Toten verbindendes Jenseits zu vertrauen, schenkt vielen Menschen Trost.»

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